Als Sängerin bringt Dagmar Manzel an der Komischen Oper Berlin das Publikum zum Rasen. Sie wagt alles, vom Vulgärsten bis zum Feinsten. Eine Meisterin der Töne und der Gesten und allem, was dazwischen liegt. Ein Energiebündel voller Lust an dem, was sie tut. In Frankfurt trug Manzel Lieder von Friedrich Holländer vor. Sie wirkte dabei kraft- und lustlos, meint Andrea Richter.

Liederabend mit Dagmar Manzel

Der spöttische Holländer

Die Lieder von Friedrich Holländer (1896-1976) waren in der Weimarer Republik so bekannt wie die Stars, die sie sangen: Marlene Dietrich, Lilian Harvey, Fritzi Massary oder Blandine Ebing. Holländer, ein Mensch, der im Leben viel Glück hatte. Sein Vater der Operettenkomponist Viktor Holländer, sein Lehrer der Komponist Engelbert Humperdinck, der seinen Meisterschüler bereits im Opernfach sah. Doch er sollte sich gewaltig irren. Nach dem 1. Weltkrieg traf Holländer auf Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz, Mischa Spoliansky, Klabund, Walter Mehring und Blandine Ebinger. Sie gründeten ein Kabarett und traten, vom legendären Intendanten Max Reinhardt gefördert, im Keller des Großen Schauspielhauses auf. Blandine wurde seine Frau und Holländer zum gefragtesten Bühnenmusiker der 1920ger Jahre. Eine eigene Operette („Die fromme Helene“), viele Musiken für Stummfilm, Ballett und Schauspiel und Schlager wie „Raus mit den Männern aus dem Reichstag“ machten ihn zum Star. Vor allem erweiterte er die damals sehr erfolgreiche und beliebte sogenannte Theater-Revue der großen Unterhaltungsbühnen wie das Metropol (die heutige Komische Oper) um kabarettistische Zeitkritik. Neben dem reinen Amüsement wollte Holländer zum Nachdenken über Lebensrealitäten anregen. Der Schlager entwickelte sich zum Chanson. In dieser Phase entstand der Zyklus „Lieder eines armen Mädchens“ (1921-1924), Blandine Ebinger auf dem Leib geschrieben.

1930 eröffnete er sein legendäres Tingel-Tangel-Theater und schrieb seine erste Tonfilmmusik für Der blaue Engel. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und „Ich bin die fesche Lola“ wurden von Marlene Dietrich gesungen zu Evergreens. Sowohl wegen seiner jüdischen Abstammung als auch wegen seiner Neigung, Politisch-Kritisches in die vordergründig leichte Unterhaltung zu mischen („An allem sind die Juden Schuld“ und „Höchste Eisenbahn“), riefen die damals bereits heftig agierenden Nazis auf den Plan. Seine Revues wurden bereits vor Hitlers Machtübernahme massiv gestört. 1933 verließ er mit seiner zweiten Frau Hedi Schoop Deutschland. Über Paris und London erreichten sie das Exil USA. Wieder hatte Holländer Glück, machte in Hollywood vor allem mit seinen (mehr als 100) Filmmusiken weitere Karriere und heiratete noch zwei Mal. 1948 schrieb er die Musik für Billy Wilders rabenschwarze Fim-Komödie „A Foreign Affair“, in dem eine moralinträchtige Amerikanerin im zerstörten Berlin im Nachtklub Lorelei auf die ehemalige Nazisängerin Erika (Marlene Dietrich) trifft. Sie singt die drei Lieder „The Ruins of Berlin“, „Black Market“ und „Illusions“.

1955 kehrte Holländer nach Deutschland, jetzt nach München zurück, um auch dort wieder Kabarett-Revue zu machen. Doch an seine früheren Erfolge konnte er nicht mehr anknüpfen und verschrieb sich der Schriftstellerei. In dieser Zeit entstand Circe.

Dagmar Manzel kommt das große Verdienst zu, die wunderbaren Holländer-Lieder wieder auf die Bühne gehoben zu haben. Passend auch die echt Balina-Schnauze, die die gebürtige Hauptstädterin perfekt beherrscht. Richtig, sich interpretatorisch sich von den großen Vorgängerinnen Dietrich, Harvey, Ebinger, Massary abzuheben und den Chansons einen modernen, eigenen Anstrich zu verpassen. Dennoch – bei aller inhärenten Melancholie – sind die Lieder auf der Basis des Revue-Kabaretts entstanden. Die Palette der Gefühle von tieftraurig bis brüllend komisch wurde wesentlich mehr über Holländers prägnant spöttische Texte als über den Vortrag Manzels vermittelt. Sie wirkte – für ihre Verhältnisse – kraft- und lustlos. Irgendwie traurig. Schade, wie gesagt.

Unbedingt sehenswert: Ein Interview mit Friedrich Holländer

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erstellt am 03.7.2017

Dagmar Manzel singt in Frankfurt Lieder von Friedrich Holländer. Foto: Wolfgang Runkel