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Im Boudoir der Sehnsucht

Wer die Welt retten kann, muss das tun – Wonder Woman gibt ihr Bestes im Kampf gegen Doc Poison und Ares, den Gott des Krieges

Der narrative Aufbau dieser Comicverfilmung zeigt die Komplexität der Architektur einer Spiralmuschel. Madame Bovary tritt literarisch leichtfüßiger auf als Wonder Woman Diana Prince. Eine Tarnidentität macht Diana zur Kuratorin im Louvre. Sie gewinnt das Spiel mit der bürgerlichen Existenz im Boudoir der Zuschauersehnsüchte nach Assurance, wie Soziologen sagen, nach einer (auch) erotisch interessanten Verbindlichkeit. Ihre Anziehungskraft bezieht sie aus einer entflammbaren Verbindung von Natürlichkeit und Raffinesse. Ihre Herkunft liegt in einem avalonesken Jenseits der erschöpften Zivilisation. In einer kilometerlangen Rückblende erblüht Diana als Königstochter auf einer Amazoneninsel. Die vormoderne Frauengemeinschaft ist perfekt. Der Film findet dafür Bilder aus dem Arsenal für antiken Kitsch. Ungelenke Nachempfindungen des Olymps und mythologischer Schrott ergänzen das Panorama. Daran ist nichts ärgerlich. Die kräftige Bildsprache bindet den Betrachter an ein Märchen, so soll es sein. Diana wird zur idealen Kriegerin und Beschützerin der Menschheit erzogen. Sie erscheint als Naive ohne Arg, bis zu dem Tag, als im Geleit von Männern der Krieg das paradiesische Dasein erreicht. Umgehend wird ihre Unschuld aufs Korn genommen. Die Szene siedelt kurz vor Feierabend des Ersten Weltkrieges, die Männer kommen mit Gewehren (Flugzeugen, Schiffen, Bomben und Kanonen), die Frauen wehren sich mit Pfeil und Bogen. In zugespitzten Überwindungen des Phallischen gewinnen sie einen Kampf am Strand. Ihre Beste fällt in Schönheit. Die Rede ist von der Königsschwester Antiope, die als Dianas Ausbilderin funkenschlagend-großmeisterlich zur Sache kam. Dabei war sie immer nur Stellvertreterin und Platzhalterin männlicher Potenz, die, wie Diana aus Büchern weiß, dem Leben unentbehrlich ist. (Den Inselmädchen wird gleichwohl weisgemacht, dass Vermählungen mit Ton Frauen Kinder einbrächten.) Einer Inseltradition gehorchend, trennt Diana zwischen der Notwendigkeit des Männlichen und leiblichem Vergnügen. Der von ihr gerettete britische Agent Steve Trevor (Chris Pine) dient nun einer Reihe von Vergleichen, die Diana unbefangen anstellt. Ihr Wesen ist unverschämt. Ich frage mich, ob das die wichtigste Eigenschaft war, die Wonder Woman historisch von Superman unterscheidet. Jedenfalls verfügt Diana über ihr eigenes Excalibur. Man kann damit einen Gott töten. Mit der Absicht, den Gott des Krieges auszuschalten und so das Leid der Menschen zu beenden, folgt die Auserwählte Steve an die belgische Front.

Gal Gadot spielt Wonder Woman als aristokratisches Naturkind. Man nimmt ihr ab, dass sie dem Göttlichen geschwisterlich versprochen ist. Ich glaube, Ares erkennt in ihr eine Schwester. Gadot überzeugt im Spagat zwischen einer Lernenden und einer Wissenden. Vehement vertritt sie ihre Standpunkte. Ganz oben auf der Agenda steht die Binse: Wer die Welt retten kann, muss das tun und darf nicht kneifen. Die Produktion mischt Schocks des Gaskrieges mit dem Nosferatuhorror und noch mehr Murnauästhetik. Elena Anaya spielt die deutsche Wissenschaftlerin Doktor Poison aka Isabel Maru mit viel Mut zur Hässlichkeit als Verkörperung des bösen Genies. Isabel will den für Deutschland ungünstigen Kriegsverlauf mit chemischen Mitteln wenden. Diana und Steve gehen dagegen vor. Zum Showdown trifft man sich im brennenden Flandern – in einer Trutzburg, die ein Wald umstellt.

In der Gesamtschau erscheint Dianas Geburtsinsel himmlisch, als habe sie eine Anschrift in den Wolken. Diana fällt in der Konfrontation mit der Menschenwelt aus allen Wolken. Geprüft wird ihr Sinn für Gerechtigkeit und die Fähigkeit, mit Widersprüchen klarzukommen. Insofern verhandelt Wonder Woman im Schmonzettenstil die Übergangsschmerzen einer Adoleszenten. Die Geschlechtsreife kriegt ihren Kulturrahmen angepasst. Steve erklärt Diana das Gesellschaftsspiel Monogamie unter der äußersten Anspannung des Triebverzichts. Die Freiheit der Göttin bedroht sein Selbstgefühl. Sie sichert seinen Wert nicht ab. Sie verweigert die Assurance. Der Zuschauer sieht Steve zweimal in einem Flugzeug abheben.

Wonder Woman, USA 2017, von Patty Jenkins. Mit Gal Gadot, Chris Pine, Elena Anaya

Videotrailer „Wonder Woman“

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erstellt am 30.6.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.