Nach Max Reger haben das Schwein und der Künstler gemeinsam, dass sie erst nach ihrem Tod geschätzt werden. Für beide Gattungen gelten natürlich auch Ausnahmen, selbst unter Komponisten soll es einige geben, die sich auch über Wertschätzung im materiellen Sinne nicht zu beklagen haben. Aber wie leben die anderen? Stefan Fricke beschreibt deren Situation.

Neue Musik

Komponieren ist nicht genug

Wer eine Sache liebt, macht vieles für sie. Ungefragt. Noch mehr, vielleicht gar alles gibt frau / man für ihr Sujet des Herzens, wenn es aus innerster, geradezu existenzieller Notwendigkeit heraustritt und dann auch im Außen vertreten werden will und muss. Das Erfinden neuer Musik alleine, das lehren Geschichte und Gegenwart, genügt nicht, um für die eigene Klangwelt auf Erden das passende Biotop zu finden und darin zu überleben. Ein weitaus umfänglicheres Engagement ist gefragt. Das ist ein Grund, weshalb Komponistinnen und Komponisten, die schon – ideal und idealisiert – alles für und in ihrem Werk gegeben haben, noch – so sprachparadox das nun ist – mehr tun, noch viel mehr tun müssen. Ein anderer Grund, warum so immens viele Ton-Klang-Künstler sich nicht auf die Gestehung von Musikstücken allein konzentrieren können, ist die prekäre ökonomische Situation der zeitgenössischen Musik heute, gestern, vorgestern… Vom Komponieren allein kann kaum jemand leben. Die Existenzsicherung bedarf der Mehrfachbetätigungen, ob man will oder nicht, ob man kann oder eher weniger. Komponisten arbeiten teils in musikfremden Bereichen, üben erlernte, gutbürgerliche Berufe aus, sind Arzt, Kaufmann, Vermessungstechniker oder Studienrat, oder jobben, da sie womöglich keine Zweitausbildung absolviert haben, in Kiosk oder Kneipe. Wohl die meisten Komponisten aber sind im sozial-ästhetischen Großsegment Musik tätig. Immerhin. Sie erteilen Unterricht: instrumental oder vokal, Tonsatz, Komposition, gelegentlich Musikwissenschaft, privat, an Musikschulen und – nicht nur pekuniär attraktiver – an Musikhochschulen. Sie arbeiten in Verlagen als Lektoren, betreuen also die Werke ihrer Kolleginnen und Kollegen, die wiederum selbst vielleicht als Rundfunkredakteur, als Tonträgerproduzent oder als Sachbearbeiter im Notenarchiv der öffentlich-rechtlichen Anstalten ihr Auskommen verdienen. Jedenfalls gab es in der jüngeren Vergangenheit einige Komponisten, die diese Arbeitsfelder außerhalb der (Hoch-)Schulen über Jahre, teils Jahrzehnte hinweg klug und mit wegweisenden Ideen gefüllt haben: etwa Hans Otte, Ernstalbrecht Stiebler, Manfred Niehaus, Herbert Eimert, Juan Allende-Blin, Earle Brown, İlhan Mimaroğlu. In der Summe aller Neue-Musik-Schaffenden seit Schönbergs Zweitem Streichquartett, um mit den Jahren 1907/08 eine der unstrittigen Zeitkoordinaten für den Beginn der Neuen Musik zu markieren, tendiert die Zahl solcher in Firmen angestellten „Komponisten für Komponisten“ allerdings stark gen Null. Wenden sich diese Autoren nach Feierabend schließlich ihrer eigenen Musik zu, haben sie sich dann jedoch mit den gleichen Fragen auseinandersetzen wie die selbstständigen: Interessiert sich ein Interpret, ein Veranstalter, ein Verlag für das Werk? Wie und wo lässt sich das benötigte Zuspielband realisieren? Wer kümmert sich um all das, was nach der fertigen Partitur weiterhin zu tun ist, bis und damit die erdachte Musik auch klingende Musik wird?

Aufhebung von der ansonsten gesellschaftlich fest verankerten Arbeitsteiligkeit ist hier geboten; sie wird in der Neuen Musik auch allerorten praktiziert. Erstaunlich, wie groß und stetig größer werdend die Zahl derjenigen Komponisten ist, die auch als Dirigenten agieren – und das nicht nur als Interpret in eigener Sache, weil man alle Fäden und Wiedergeburten seines Werks selbst betreuen muss. Der nicht dirigierende Wolfgang Rihm weiß die Antwort: „Geld! Es gibt höhere Honorare. Die meisten Komponisten können vom Komponieren nicht leben und müssen dirigieren. Für die meisten Komponisten aber ist diese Tätigkeit, wo man an einem Abend viel mehr verdient, als man sonst für einen Kompositionsauftrag eines Orchesterwerks bekommt [lacht fast stumm] einfach zu verlockend. […] Das mit dem Dirigieren muss jeder für sich entscheiden. Ich finde, wenn einer spürt ‚Ich kann da wirklich etwas bewegen. Ich kann eine Sichtweise, eine Hörweise artikulieren, die ein anderer jetzt nicht artikulieren könnte‘, dann muss er es tun – gut. Aber man muss auch genau wissen, was man nicht kann.“ (1)

Zweifellos, niemand kann alles. Indes gibt es gerade im Areal der neuen Musik sehr viele Personen mit Doppel-, Trippel- oder x-fach-Begabungen. Damit sind jetzt gar nicht mal diejenigen gemeint, die sich umfassend künstlerisch äußern, die ebenso gut komponieren wie sie zeichnen und schriftstellern oder die ein, manchmal auch zwei Instrumente genauso herausragend beherrschen, mithin auch als Improvisator, wie den Taktstock und das Ausdenken ganz eigener Musik. Solches polyphone Tun, von der Gesellschaft oft beargwöhnt, zuweilen auch bewundert, gerne aber das eine gegen das andere ausspielend, bewegt sich im künstlerischen Bereich, sei es produktiv als Gesamt-, inter- oder multimedial arbeitende Künstler -, sei es reproduktiv wie im Fall der mannigfach musikalischen Interpretentätigkeit. Dieses Artikulationsspektrum, in dem Singer-Songwriter, Composer-Conductor, Composer-Performer behände agieren, ist auch ästhetisch ein weites Feld. In sozial-ökonomischer Perspektive wächst es noch um ein Vielfaches. Komponistinnen und Komponisten betätigen sich auch als Organisatoren von Festivals, als Konzert-Agenten, als Verleger, als Labelmanager, als Layouter, als Notensetzer, als Programmierer, als Website-Gestalter, als Elektrotechniker, als Vermittler, als Übersetzer, als Librettist, als Vortragsreisende, als Archivare, als Vorlass-Verwalter, als Instrumentenbauer etc. etc. Nicht zu vergessen, das Formulieren von Anträgen an Stiftungen, Ministerien, Kulturämter, von Ideenskizzen an Veranstalter und die Wahrnehmung von Ausschreibungen, damit ein Projekt eventuell öffentlich wird, damit auch die Miete in den nächsten Monaten bezahlt werden kann. All dies ist künstlerisch unproduktiv, höchst aufwändig und zeitraubend; allein die kontinuierliche Kontaktpflege zu den im Umgang nicht immer unkomplizierten Entscheidungsträgern. Und wäre das alles nicht schon mehr als genug, kommt – darauf mag der Musikbetrieb nicht mehr verzichten – die dringliche Bitte um den noch ausstehenden Werkkommentar, der auch geschrieben werden will.

Komponist, Klangkünstler sein – das heißt neben allen Gaben, die er oder sie besitzt, die durch intensives (Selbst-)Studium erarbeitet, verfeinert und weiterentwickelt werden, sich zudem noch immens viele Fähigkeiten anzueignen, um die Aufgaben zu schultern, damit von den wenigen Brosamen vielleicht ein paar auf dem eigenen Teller landen.

Sicher, manche Komponisten handhaben alle Erfordernisse, die der Kulturbetrieb – der sich übrigens hierin selten kritisch befragt – an sie stellt, bravurös, erweisen sich teils sogar als virtuose Vermarkter. Einige haben große Lust dazu, alles Nötige für ihre Kunst auch außerhalb des Werkes selbst zu tun. Andere können es einfach nicht und finden womöglich auch nicht die Hilfe durch Dritte. Wiederum andere sind derart unzufrieden mit der gewährten, freilich meist nicht selbstlosen Unterstützung, dass sie ihr Oeuvre vollends selbst verwalten wollen, Partituren und/oder CD-Aufnahmen in eigener Regie publizieren und distribuieren. Kontrollzwang und/oder Geldfluss spielen hierbei eine Rolle. Anderen – und das ist wohl das Gros – bleibt indes gar kein anderer Weg als der des Kleinstunternehmers, da sich zu wenige für ihre Kunst interessieren. Und wenn es dann doch schon einige sind, so verfügen diese nicht unbedingt über die Schlüssel, die weitere Türen öffnen könnten. Die Ökonomie und Öffentlichkeit der Neuen Musik ist verflixt und zugenäht. Und andere Komponistinnen und Komponisten pflegen das Arbeitsprinzip „alles aus (m)einer Hand“ so beharrlich, wie nochmals ganz andere unermüdlich Kollaborationen eingehen müssen, weil es ihrer ästhetischen Praxis entspricht, ihrer Vorstellung vom künstlerischen Ich. Ever or never – One (Wo)Man Show… Und vieles dazwischen.

(1) „Musik ist nie bei sich“. Stefan Fricke im Gespräch mit Wolfgang Rihm, in Neue Zeitschrift für Musik 2002, Heft 2, S. 52-56.

Hinweis

Der Text erschien zuerst in: Neue Zeitschrift für Musik, Heft 3/2017, S. 24f.
Faust-Kultur dankt dem Autor, der Redaktion und dem Verlag Schott Music Mainz für die Erlaubnis der Zweitveröffentlichung.

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erstellt am 30.6.2017

Stefan Fricke

Stefan Fricke ist Redakteur für Neue Musik/Klangkunst beim Hessischen Rundfunk (hr2-kultur) und Mitglied im Bundesfachausschuss Neue Musik des Deutschen Musikrats.