Der Schweizer Gion Antoni Derungs hat zu einem mehrsprachigen Libretto von Giovanni Netzer „Benjamin“, eine Version der alttestamentarischen Geschichte von Josef und seinen Brüdern, als A-cappella-Oper komponiert. Neco Çelik hat sie nun in Stuttgart in Szene gesetzt. Die Inszenierung ist ein Volltreffer, meint Thomas Rothschild.

Oper

Josef und seine Brüder

Zu ihrem 20. Geburtstag hat die Junge Oper Stuttgart, die erste ihrer Art, die pädagogische und künstlerische Ziele in sich vereinigt, einen Volltreffer gelandet. Der vor fünf Jahren verstorbene Schweizer Gion Antoni Derungs hat zu einem mehrsprachigen Libretto von Giovanni Netzer eine Version der alttestamentarischen Geschichte von Josef und seinen Brüdern, die aber auch im Koran eine wichtige Funktion erfüllt, als A cappella-Oper komponiert, und Neco Çelik hat sie im Kammertheater, der bevorzugten Heimstatt der Jungen Oper, grandios in Szene gesetzt.

Zusammen mit dem Chor, der fast die ganze Zeit auf der Bühne steht, agieren die acht Solisten, zum Teil in zwei Rollen, statisch, stilisiert, meist frontal zum Publikum. Wer nun meint, die jungen Sängerinnen und Sänger und der Projektchor benötigten einen Bonus, liegt schief. Allesamt singen ihre Parts, die ohne Instrumentalbegleitung nicht eben leicht zu bewältigen sind, tadellos. Hinzu kommt, als stumme Rolle, der Tänzer Ibrahima Biaye als der jüngste Sohn Jakobs Benjamin, der dem Stück den Titel gab, das freilich mit zumindest gleichem Recht „Josef“ heißen könnte. Dieser Benjamin windet und krümmt sich nach einem choreographischen Muster, das uns nun schon ein paar Jahre lang weniger im Ballett, als im Theater und in der Oper begleitet und inzwischen etwas verbraucht wirkt. Die Stuttgarter mögen sich an Ismael Ivo erinnern, der das Tanztheater im Theaterhaus etabliert hat, als Biaye noch ein Kleinkind war.

Benjamin ist in dieser Oper zugleich ein Engel Gottes. Zu Beginn steigt er auf einer der drei Leitern im Hintergrund herab, um am Ende auf ihr nach oben zu entschwinden. Jakobs Haus hat der Bühnenbildner Stephan von Wedel nur durch seine Konturen angedeutet. Es ist nicht sehr stabil, kann gekippt und sogar umgeworfen werden. Ein virtuoses Spiel treibt das Ensemble mit den Mänteln, die dem vom Pharao in Amt und Würde erhobenen und zugleich angefeindeten Josef um die Schultern gelegt und wieder abgenommen werden.

Szenenfoto „Benjamin“, Junge Oper Stuttgart © Christoph Kalscheuer

Musikalisch changiert das Werk, das Jan Croonenbroeck von hinter den Zuschauerreihen dirigiert, zwischen gregorianischen Chorälen, impressionistischen Passagen und Anleihen bei der Volksmusik. Derungs hat eine Musiksprache gefunden, die die Zuhörer nicht überfordert, aber sich auch nicht mit einer anbiedernden Schlichtheit bescheidet. Sehr bewusst und effektvoll verflicht er die Stimmlagen oder nutzt er deren Kontrast. Sie sind es auch, die für die Differenzierung der gemeinsam handelnden, ähnlich aussehenden Brüder Ruben, Juda und Dan sorgen.

Die Junge Oper, sagten wir, verfolgt künstlerische und pädagogische Ziele. Künstlerisch hat sie es mit „Benjamin“ hundertprozentig erreicht. Warum dieses Stück opernunerfahrene junge Menschen eher zu dieser Kunstform verführen soll als, sagen wir, „Pique Dame“ oder „Orpheus in der Unterwelt“, bleibt ein Geheimnis der Zuständigen. Dass der Librettist in rätoromanischer, lateinischer, italienischer und deutscher Sprache singen lässt, man also die Übertitel lesen muss, wenn man den Text verstehen will, weist darauf hin, dass ihm an widerstandsloser Zugänglichkeit nicht gelegen ist. Es wäre oberflächlich, wollte man diese Entscheidung damit begründen, dass die Akteure, die Juden und die Ägypter, unterschiedliche Sprachen sprechen. Eher schon fordert es dazu auf, Sprache wie Musik wahrzunehmen: befreit von Semantik.

Nebenbei: das Lob sollte die Leiterin der Jungen Oper dem Publikum und der Kritik überlassen. Der Hang zur aufgekratzten Selbstfeier, den sie mit ihrer langjährigen, meist mehr, seltener weniger erfolgreichen Vorgängerin teilt, mag zwar psychologisch verständlich sein – das Bedürfnis, sich ihm anzuschließen, steigert er nicht. Etwas weniger PR, etwas mehr (selbst)kritische Auseinandersetzung mit der künstlerischen Tätigkeit bekäme den Institutionen, den Veranstaltern wie den Medien, gut. Es ist ja kein Naturgesetz, dass Theatermacher ihre geglückte Arbeit anders bejubeln müssen als der Bauarbeiter, der den Kanal repariert hat. Der hätte mit gutem Grund die Befürchtung, als hysterisch verspottet zu werden, wenn er die Ausdrucksformen von den Kunstschaffenden übernähme. Obwohl er dazu jedes Recht hätte. Der Kanal stinkt, wenn er streikt.

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erstellt am 30.6.2017

Szenenfoto „Benjamin“, Junge Oper Stuttgart © Christoph Kalscheuer

Oper

Benjamin

Oper für alle ab 14 Jahren von Gion Antoni Derungs
Text von Giovanni Netzer in rätoromanischer, lateinischer, italienischer und deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Jan Croonenbroeck
Regie Neco Çelik
Bühne Stephan von Wedel

Oper Stuttgart