Intendant Oliver Reese hat das Frankfurter Schauspiel in Richtung Berlin verlassen. Er wurde mit einem rauschenden Theaterfest verabschiedet. Reeses Nachfolger Anselm Weber könnte zum Konkursverwalter werden, meint Martin Lüdke im Hinblick auf die Diskussion um einen möglichen Neubau des Schauspielhauses.

Schauspiel Frankfurt

Aus und vorbei

Abschiedsfest für Oliver Reese, Foto: Birgit Hupfeld

Acht Jahre Oliver Reese und ein Triumph zum Abschied. „Time to say goodbye. One Song for the road.“ Unter diesen Motto stand der „Musikalische Rückblick auf acht Jahre Intendanz Reese.“ Eine „Abschiedsvorstellung“ mit Beiträgen des gesamten Ensembles. Von B bis Z, von Katharina Bach und Constanze Becker, bis hin zu Viktor Tremmel, Till Weinheimer und Carina Zichner. Dazu eine Live-Band. Die Stimmung war prächtig. Und steigerte sich noch. So voll war das Frankfurter Schauspielhaus wohl noch nie. Nicht einmal in den späten sechziger Jahren, als protestierende Studenten den Saal stürmten. Bereits vor den Kassen, „Ausverkauft“, war dort zu lesen, drängten sich hoffnungsvolle Restkarten-Aspiranten. Auf der Treppe, im Foyer, in der Panorama-Bar, überall. Das Haus war bis auf den letzten Platz besetzt. Und selbst auf der Bühne waren noch ein paar Hundert Zuschauer untergebracht worden. „Bye, bye Junimond“.

In der Mitte der sonst schmucklosen Bühne ein großes, rundes Podest. Hinten eine Band. Vorne, im schnellen Wechsel, eine bunte Nummernfolge. Glanzstücke aus dem Repertoire. Das achtjähriges „Kind“, auf dem alten „Steyr-Waffenrad“ seines Vormunds, das Radfahren hatte er gerade erst gelernt, und ihm schien, es ging gut, erstaunlich gut, machte sich tollkühn auf den Weg von Traunstein nach Salzburg. Peter Schröder zelebriert, es geht bergab, die Geschwindigkeit steigt, noch einmal den Monolog von Thomas Bernhard, aus „Ein Kind.“ Ein Kabinettstück, nur überboten durch den Brot-Monolog von Constanze Becker (aus Falk Richters „Safe Places“), gleichsam hundert Brotsorten in einer Minute durchgerasselt, ein Kabinettstück. Und so reihte sich ein Höhepunkt an den anderen. Corinna Kirchhoff, Josefin Platt. Max Mayer zitterte sich in den Tänzer Nijinsky hinein. Und Nico Holonics holte wieder seine „Blechtrommel“ hervor. Bestimmt drei Stunden lang, und keine Sekunde langweilig.

Oliver Reese verabschiedet sich vom Frankfurter Publikum, Foto: Birgit Hupfeld

Weil es Schlag auf Schlag ging, vor allem aber, weil die tatsächlichen Höhepunkte aus den acht Intendantenjahren von Oliver Reese noch einmal aufgerufen wurden. Es war, alles in allem, eine gute, ja eine sehr gute Zeit für das Frankfurter Theater. Die ist nun vorbei. „Bye, bye, Junimond“. Weil Reese geht, in der Nachfolge von Claus Peymann, an das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm. Auch, weil sein Nachfolger Anselm Weber auf einer Zeitbombe sitzt. Wie lange das Haus noch hält, bevor es „aus Sicherheitsgründen“ geschlossen werden muss, das wissen die Götter, die sich nun erst einmal mitsamt Rio Reisers „Junimond“ verabschiedet haben. Als alles vorbei war, da kam noch einmal der alte Kulturdezernent Felix Semmelroth auf die Bühne, lobte die kluge Entscheidung, Reese nach Frankfurt zu holen, und wünschte ihm für Berlin das gleiche Verhandlungsgeschick, das er in Frankfurt, bei angedrohten Etat-Kürzungen, bewiesen hatte. Vom Ensemble bekam Reese noch eine voluminöse, dreibändige Brecht-Ausgabe mit auf den Weg. Und er selbst dankte, wenn ich recht erinnere, „allen“. Bye, bye, Junimond. Das Publikum erhob sich und klatschte.

Klatschte. Und Tolga Tekin, ein Laiendarsteller, der im Rollstuhl sitzen muss und seit er in Sebastian Hartmanns „Dämonen“ einmal selbst auf der Bühne stand, fortan in keiner Premiere mehr fehlte und, durch sein kehliges, tiefes Lachen allen Zuschauern zum vertrauten Klang geworden ist, dieser junge Mann wurde mit auf die Bühne gehievt und vom Publikum und den Schauspielern umjubelt. Ein bisschen Schiller-Gefühl kam auf: Alle Menschen werden Brüder. Und weiter ging der Beifall. Keiner wich von der Stelle. Klatschte. Reese dankte, ging von der Bühne. Kam wieder. Das Publikum klatschte ohne Unterbrechung. Man spürte das Goethe-Gefühl von „Hier und Heute“. Tatsächlich war eine Epoche zu Ende gegangen, die mit Buckwitz angefangen hatte. Das Frankfurter Theater, das deutsche Theatergeschichte geschrieben hatte. Von Buckwitz bis zu Reese, gute sechzig Jahre lang.

Anselm Weber ist jetzt, fürchte ich, zum Konkursverwalter bestellt worden. Frankfurt ist (leider) nicht Hamburg. Diese Nordlichter haben sich mit der Elbphilharmonie einen Leuchtturm geleistet, der weithin strahlt. Wir Frankfurter haben, fürchte ich, einen Oberbürgermeister gewählt, der nicht als großer Freund des Theaters bekannt geworden ist. Reese ist Vergangenheit. Das alte Frankfurter Schauspielhaus am Willy-Brandt-Platz wird bald Vergangenheit werden. Darum gilt es jetzt, mit dem neuen Intendanten Anselm Weber und einem neuen, mutigen Konzept, Hamburg sollte da als Beispiel dienen, die Zukunft zu bauen. Nicht kleinkariert sparen. Sondern ein Zeichen setzen. Ein kulturelles Wahrzeichen im Frankfurter Bankenviertel. „Bye, bye, Junimond“. Rio Reisers Lied beginnt schließlich mit dem Vers: „Die Welt schaut rauf zu meinem Fenster.“

Abschiedsfest für Oliver Reese, Foto: Birgit Hupfeld

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erstellt am 27.6.2017

Oliver Reese und Frankfurts ehemaliger Kulturdezernent Felix Semmelroth, Foto: Birgit Hupfeld

Eine kleine Auswahl an Szenenfotos

Zuletzt begeisterte die Open-Air-Inszenierung ÖDIPUS – VOR DER STADT das Frankfurter Theaterpublikum, Foto: Birgit Hupfeld

GATSBY, Foto: Birgit Hupfeld

DÄMONEN, Foto: Birgit Hupfeld

WERTHER, Foto: Birgit Hupfeld

TRAUMNOVELLE, Foto: Birgit Hupfeld