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Lichtkekse

It's Never Too Late – Andriana Seecker und Andreas Catjar bescherten dem Berliner Ballhaus Ost einen Tanzabend voller berührender Augenblicke

It's Never Too Late im Ballhaus Ost, Foto: Andreas Catjar
It's Never Too Late im Ballhaus Ost, Foto: Andreas Catjar

Stiefel erinnern an ein furioses Damals. Sie sind übriggeblieben wie der Sessel und die Diskokugeln. Zu den Relikten aus der Zeit vor der langen Nacht zählt ferner eine Schaukel. Sonargeräusche erzählen von großen Objekten unter Wasser, ich tippe auf sowjetische Boote mit ballistischen Raketen aus der Projektreihe 941 Akula. Wir von der Nato rechneten sie zur Typhoon-Klasse. Ihre Besatzungen sind längst mumifiziert. Manche erlitten als Kröten oder Galeerensklaven eine Wiedergeburt auf Dryland, während die Geisterschiffe sang- und klanglos zu Museen wurden. Über dem grauen Meer unter Berlin liegen schwarze Bretter und bedeuten die Welt – in der zwei überlebt haben. Ein moderner Mensch im Unterhemd, den die Freiheit des Nichts in die Ataxie treibt, und Captain Jackie Sparrow im Tutu. Andriana Seecker spielt den alten Haudegen als junge Frau extra biegsam. Ihre Fußtechniken überzeugen mit gestochener Schärfe. In dem stärksten Augenblick eines an berührenden Augenblicken reichen Tanzabends im sagenhaften Ballhaus Ost vertraut Seecker ihre Nase dem Molton eines Vorhangs ohne jede Scheu an. Zugleich regnet es Lichtkekse im Menetekelrausch.

Seecker sagt: „In meiner Arbeit haben für mich alle Elemente, die Inspiration sein können, den gleichen Stellenwert – Tanz, Sound/Musik, Bild, Material, sie beeinflussen und bedingen einander. Tanz wird zur Sprache, ein Raum zum Bild und Musik wird Bewegung. Tanz ist für mich Kommunikation mit mir selbst und anderen, er schafft viele verschiedene Möglichkeiten und Formen von Begegnung – schöne, verrückte, lustige, unheimliche, berührende, außergewöhnliche. Und meistens solche, die man nicht vergisst, weil der Körper sich erinnert. So, lets meet and dance!”

In schweren Momenten der Inszenierung belastet sich die Performerin mit Mitspieler Andreas Catjar. Kuli’esk lädt sie sich ihn auf den Rücken und untergräbt blindlings mit bloßen Fingern die Larve des Antagonisten. Später zeigt sie sich explizit unansprechbar. Sie lässt sich schütteln, aber nicht rühren. Als Kommunikationsverweigerin erreicht Jackie Sparrow eine Gipfelkette von Höhepunkten. Nun wird sie auf Englisch autobiografisch. Sie memoriert eine Liebe zur Tanzkunst, der ihre Extremitäten im Weg waren. Sie hätte sich gern passend operiert (aktiv), doch kam eine spiteful destination (gehässige Bestimmung) dazwischen. Oder etwas in der Art. Andreas Catjar verfehlt die Rolle des genialen Anderen nicht. Er halbiert gekonnt, wo Seecker gekonnt verdoppelt. Er stottert grandios und ist dramatisch unflüssig. Er kommt (dramaturgisch effektiv) einfach nicht aus dem Knick. Sein Spiel illustriert ein Wort von Schopenhauer, der alles Leid an den Umstand hängt, dass wir durch Erinnerung und Vorhersehung leben. Wer das abstreift, tanzt wie Jackie Sparrow. Ach so, in der Selbstwahrnehmung der Künstler ist der Weltuntergang nur ein leerer Club. Darin tauschen eine Tänzerin und ein Musiker die Professionen – it’s never too late …

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erstellt am 26.6.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.