Im Bockenheimer Depot zeigt die Oper Frankfurt „Betulia liberata – Eine Kirchenbegehung“ – eine unterhaltsame Inszenierung des Oratoriums, das Wolfgang Amadeus Mozart als Fünfzehnjähriger komponiert hat. Die Musiker des Opernorchesters, der Sopran Karen Vuong und der Mezzosopran Ezgi Kutlu verleihen der Aufführung große musikalische Intensität, berichtet Stefana Sabin.

Mozart im Bockenheimer Depot

Opernfiktion und Straßenwirklichkeit

Zur Straße hin sind die hohen Portale geschlossen, dahinter, im Innern des ehemaligen Straßenbahndepots in Bockenheim suggerieren dunkle Holzbänke, brennende Kerzen und gestapelte Gesangbücher ein Kircheninterieur. Im von Franziska Bornkamm derart umgestalteten Bockenheimer Depot schaut das Publikum auf diesen Kirchenraum, also zur Straße hin und auf den Haupteingang, über dem ein Gemälde als buntes (Kirchen)Fenster prangt. Darauf blickt eine Frau himmelwärts, während sie mit der rechten Hand ein Schwert hält und es auf den vor ihr liegenden Mann richtet: es ist die schöne Judith, unmittelbar bevor sie den assyrischen General Holofernes tötet und damit die von ihm belagerte Stadt Bethulien befreit. Im deuterokanonischen Buch Judith wird dieser Mord erzählt – und die Geschichte ist ein Topos der Kunst (das Fenster im Bockenheimer Depot reproduziert ein Gemälde des venezianischen Rokokomalers Giambattista Piazzetta) und der Literatur – und wurde vom Wiener Hofdichter Pietro Metastasio in einem Libretto von 1734 aufgegriffen, um indirekt auf die politische Situation seiner Zeit zu verweisen, als das Heer von Karl Emanuel III. die österreichische Armee ähnlich bedrängte wie damals die Assyrer die Israeliten.

Szenenfoto „Betulia Liberata“, Bockenheimer Depot, Frankfurt: Barbara Aumüller

Metastasios Libretto wurde so beliebt, dass es schon fünfzehnmal vertont worden war, bevor Don Giuseppe Ximena von Padua 1771 den damals fünfzehnjährigen Mozart, der sich während einer Italienreise mit seinem Vater in Padua aufhielt, mit einer neuen Vertonung beauftragte. Die Uraufführung dieser „azione sacra“, so Mozarts Gattungsbezeichnung, wird für 1772 angenommen, ist aber nicht belegt. 1786 ist eine Aufführung belegt, aber diese Komposition ist in Vergessenheit geraten, vielleicht weil der barocke Stil untypisch für Mozart ist und eher an Giovanni Adolfo erinnert. Nun hat die Oper Frankfurt dieses mozartsche Jugendwerk wieder ausgegraben und es zur szenischen Aufführung in der Regie von Jan Philipp Gloger gebracht.

Regisseur und Dramaturg waren gut beraten, auf die Rezitative zu verzichten und nur die sechzehn Arien und Chorpartien zu inszenieren und sich mit dem Hinweis „Frei nach der Azione sacra“ von den Handlungszwängen zugunsten einer assoziativen Szenenfolge zu befreien. So also treten im angedeuteten Kirchenraum Kreuzritter, Pilger, Puritaner, Hexenjäger auf, die alle irgendwie vom Bedrängtsein und dem individuellen wie kollektiven Kampf dagegen erzählen – und schließlich schreitet Judith zwischen den Kirchenbänken (in einem dem Judith-Gemälde von August Riedel nachempfundenen Kostüm) und berichtet in einer großen, dramatischen Arie, während sie mit dem Schwert fuchtelt, von ihrer Heldentat.

Es sind Szenen einer „Kirchenbegegnung“, so der Titel der Frankfurter Inszenierung, die dem Ernst der Musik mit parodistischen Effekten entgegenwirkt und auf originelle Weise, durch die immer wieder geöffneten Tore des Depots, Innen und Außen, Opernfiktion und Straßenwirklichkeit miteinander verbindet. Aber es sind die Musiker des Opernorchesters unter dem Schweizer Dirigenten Titus Engel sowie vor allem der Sopran Karen Vuong und der Mezzosopran Ezgi Kutlu (beide in mehreren Rollen), die der Aufführung große musikalische Intensität verleihen.

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erstellt am 25.6.2017

Szenenfoto „Betulia Liberata“, Bockenheimer Depot, Frankfurt: Barbara Aumüller

Wolfgang Amadeus Mozart

Betulia liberata – Eine Kirchenbegehung

Frei nach der Azione sacra von Wolfgang Amadeus Mozart
Text von Pietro Metastasio

Musikalische Leitung Titus Engel
Regie Jan Philipp Gloger
Bühnenbild Franziska Bornkamm

Tenor Theo Lebow, Mezzosopran Ezgi Kutlu, Sopran I Karen Vuong, Bass Brandon Cedel, Sopran II Sydney Mancasola

Oper Frankfurt