Die Württembergische Landesbühne Esslingen hat sich entschieden, anlässlich des 500. Jahrestags seit dem Anschlag der berühmten Thesen einen Auftrag für ein Luther-Stück zu vergeben. Verglichen mit Dieter Fortes großem Wurf von 1970 wirkt Jörg Ehnis „Luther!“ in der Regie von Marcel Keller naiv, meint Thomas Rothschild.

Theater

Allein gegen die Macht

Eigentlich ist es erstaunlich: Martin Luther, der für die deutsche Geschichte eine so nachhaltige Rolle gespielt hat, kommt in der Literatur kaum vor. Seinen eindringlichsten Auftritt hat er, als Nebenfigur, in einer Novelle, in Kleists „Michael Kohlhaas“. Auf der Bühne reüssiert er in einem der besten deutschen Dramen seit 1945, in Dieter Fortes „Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung“ von 1970. Es bleibt unverständlich, dass dieses Stück seit 2005 an keinem festen Schauspielhaus mehr gespielt wurde.

Die Württembergische Landesbühne Esslingen hat sich entschieden, anlässlich des 500. Jahrestags seit dem Anschlag der berühmten Thesen einen Auftrag für ein Luther-Stück zu vergeben. Und so verdienstvoll es ist, einen Teil des Etats Autoren zukommen zu lassen, muss doch festgestellt werden: verglichen mit Fortes großem Wurf wirkt Jörg Ehnis „Luther!“ in der Regie von Marcel Keller naiv, wie ein mit Elementen des Mysterienspiels angereicherter historischer Bilderbogen, welcher der Dramaturgie von Fernseh-Dokudramen folgt.

Es beginnt vor dem von zwei Zuschauertribünen flankierten Podium mit einer Straßenszene, die in Luthers Gegenwart versetzen soll. Historisierende Kostüme werden durch heutiges Deutsch konterkariert, das nur ein einziges Mal durch altertümelnde Sprache ersetzt wird, nämlich in der Aufforderung, die Handys abzuschalten, im Fall von Regen (der bei der Premiere, wenn auch schwächelnd, prompt einsetzte, als wollte Gott, falls er für das Wetter zuständig ist, doch signalisieren, dass er Katholik sei) keine Schirme aufzuspannen und nach der Pause die Plätze pünktlich einzunehmen. Luther protestiert gegen den Ablasshandel, und die Sympathie ist ihm gewiss, weil er – das Modell jeder Heldengeschichte – fast allein gegen die Macht kämpft. Der „Ketzer“ wird verjagt, der Gegensatz von „gut“ und „böse“ ist deutlich markiert.

Szenenfoto „Luther!“, Württembergische Landesbühne Esslingen, Fotograf: Patrick Pfeiffer

Luther verkündet seine Thesen. Freilich haben seine Argumente gegen den Ablass heute einen schwachen Stand, weil ohnedies niemand, nicht einmal der verbohrteste Katholik, die Gegenposition vertritt. Es ist eine Argumentation zum Abnicken. Interessanter wäre, was aus Luthers Berufung auf „klare Vernunftgründe“, aus seiner Gegenüberstellung von Religion und Kirche geworden ist. Die ehemals katholische evangelische Stadtkirche, die der Freilichtaufführung als Kulisse dient, lässt den Verdacht zu, dass die Institution, wenngleich nicht mehr römisch, nach wie vor den Glauben dominiert.

Der Teufel mit langem Zopf und Rotweinflasche (hervorragend: Martin Theuer) plaudert mit Luther über Gott, als wäre der Faust. (Dabei war es doch Hamlet, der in Wittenberg studiert hat.) In einem Nebensatz kommen auch die Fugger vor, die Dieter Forte ins Zentrum seines Stücks gerückt hat. Der Teufel lockt Luther: „Ich könnte dich reich machen, wie ich den Fugger reich gemacht habe.“ Luther kann nicht widerrufen, weil sein Gewissen ihm das verbietet. Auf der Wartburg macht er sich an die Übersetzung der Bibel, weil er will, dass sie „zum Hausbuch der Christen“ wird. Der Kardinal Thomas Cajetan wirft Luther vor, dass er mit seinen Bestrebungen, mit seinem Glauben „an die Vernunft des Menschen“ und seinem Vertrauen „auf Gottes Hilfe“ den Papst und die Kirche überflüssig mache. „Die Kirche steckt immer noch in allerlei Aberglauben“, gibt Luther zu bedenken. Hier könnte eine moderne Interpretation ansetzen. Es ging im Widerstand gegen die Reformation weniger um Ideen als um Macht und Privilegien.

Jörg Ehni hält sich ziemlich eng an Dokumente. Lucas Cranach dürfen wir beim Malen seines berühmten Porträts zusehen. Ehni lässt seinen Luther zu Thomas Müntzer sagen: „Du stinkst nach dem Schwefel der Hölle“, verschweigt nicht Luthers Aufruf, die aufständischen Bauern zu „stechen, schlagen, würgen“ und auch nicht seinen Judenhass. Just der Teufel – Luthers personifizierter Selbstzweifel – ist es, der den Reformator für Tausende erschlagene Bauern verantwortlich macht. In einer Vision von der Zukunft werden der Dreißigjährige Krieg, Hungersnöte und Elend als Folge der Reformation vorhergesagt. „Es ist alles auch in deinem Namen geschehen“, kommentiert der Teufel.

Hin- und hergerissen zwischen Papst und Teufel kann Luther immer noch nicht widerrufen. Ihm droht das gleiche Schicksal wie vor ihm Jan Hus und nach ihm Giordano Bruno. Übrigens: auch sie verdienten es, auf deutschen Bühnen eine Rolle zu spielen, obwohl sie keine Deutschen waren und keine deutsche Kirche sich auf sie beruft. Die hält es – wir sahen es eben – mit dem Ablassgegner und Bauernschlächter, mit dem Bibelübersetzer und Judenfeind Martin Luther. Die Schlüsse muss der Zuschauer ziehen.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 22.6.2017

Szenenfoto „Luther!“, Württembergische Landesbühne Esslingen, Fotograf: Patrick Pfeiffer

Theater

Luther!

Von Jörg Ehni
Regie und Bühne Marcel Keller

Württembergische Landesbühne Esslingen