Von 1928 bis zu seinem Tod, 1940, schrieb Michail Bulgakow an seinem Opus magnum „Der Meister und Margarita“. Erst Ende der sechziger Jahre konnte der Roman erscheinen. In der neuen deutschen Übersetzung von Alexander Nitzberg diente er als Vorlage für die jetzt in Mainz gespielte Inszenierung von Jan-Christoph Gockel. Martin Lüdke hat einen vor allem unterhaltsamen Theaterabend erlebt.

Theater

In Moskau ist der Teufel los

Um es kurz vorweg zu sagen: Die Vorlage, einer der schönsten, der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts, ein Glanzstück der russisch / sowjetischen Literatur, ist unübertrefflich. Die Inszenierung Jan-Christoph Gockel) ist (fast) großartig. Das Bühnenbild (Julia Kurzweg) einfach umwerfend. Ein wahrer Geniestreich. Knappe vier Stunden, die wirklich schnell vergehen. Der Abend ist vom Anfang bis zum Ende ebenso turbulent wie unterhaltsam.

Aber: auch gelungen? Bis zur Pause bleibt die Handlung konfus. Im zweiten Teil geht sie im Klamauk unter. Der Grund: die Herren, Jan-Christoph Gockel, der diese Bühnenfassung erstellt hat, und sein Dramaturg Jörg Vorhaben, sind an den Ansprüchen der Vorlage von Michail Bulgakow, wie auch anders, aufgelaufen. Trotzdem: In Moskau ist der Teufel los.

I

Im Mai 1937 wartet der Komponist Dmitri Schostakowitsch, bereits im Mantel, einen kleinen Koffer trägt er bei sich, neben dem Fahrstuhl seiner Wohnung in Leningrad, heute wieder Sankt Petersburg, auf Stalins Schergen. Er möchte seiner Familie das Trauma der Verhaftung ersparen. Stalin hatte die Aufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Minsk“ bereits zur Pause verlassen. Ein untrügliches Zeichen für Ungemach. Aber Schostakowitsch wurde nicht verhaftet. Er überlebte den Stalinschen Terror. Das Trauma, die Angst, sind ihm geblieben. In Moskau ist der Teufel los. Julian Barnes erzählt in seinem (bislang) letzten Roman „Der Lärm der Zeit“, diese furchtbare Geschichte. Der Stalinsche Terror hatte sich lähmend über das ganze Land verbreitet. Dabei hatte es Väterchen Stalin durchaus mit den Künsten. Nur hatte er eigene Vorstellungen darüber. Auch das Telefongespräch von Josef Wissarionowitsch Stalin mit einem der bedeutendsten russischen / sowjetischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, Michail Bulgakow, gilt als verbürgt. Anfang der dreißiger Jahre. Die Zeit der avantgardistischen Experimente ging zu Ende. Die Zügel der Kulturpolitik wurden angezogen. Maler, Schriftsteller, Dramatiker wurden auf den Sozialistischen Realismus verpflichtet. Bulgakow erhielt, wo immer er sich auch bemühte, nur noch Absagen. Deshalb hatte er einen Brief an Stalin geschrieben, sogar eine Auswanderung erwogen. Und plötzlich hatte er Stalin selbst am Telefon. Das war weiß Gott nicht lustig. Warum das Gespräch mit Stalin in das Stück übernommen wurde, weiß tatsächlich nur der Teufel.

Von 1928 bis zu seinem Tod, 1940, schrieb Bulgakow an seinem Opus magnum, „Der Meister und Margarita“. Erst Ende der sechziger Jahre konnte, noch immer stark verstümmelt, der Roman erscheinen, kurze Zeit später auch in deutscher Übersetzung. Es ist ein großes Stück Literatur, ein Roman wohlgemerkt, der den Vergleich mit Thomas Manns „Doktor Faustus“ ohne weiteres aufnehmen kann. Anspielungsreich, voller versteckter und offener Hinweise. Dante, Goethe, die Bibel. Kants Kritik an den Gottesbeweisen. Der Roman, in der (hochgelobten, neuen) deutschen Übersetzung von Alexander Nitzberg, 2012 erschienen, mehr als fünfhundert Seiten stark, diente auch als Vorlage für die jetzt in Mainz gespielte Theaterfassung von Jan-Christoph Gockel.

An verfilmten Romanen leiden oft beide, der Roman und der Film. Ebenso verhält es sich mit den Versuchen, solche Stoffe auf die Bühne zu bringen. Der Roman von Louis Begley „About Schmidt“, mit Jack Nicholson in der Verfilmung von Alexander Payne, ist das seltene Beispiel einer gelungenen Umsetzung. Payne hat die Substanz des Stoffes aufgenommen und völlig frei, aber sozusagen dem „Geist“ der Geschichte verpflichtet, überzeugend umgesetzt.

Genau das hat Gockel nun nicht geschafft. Er hat, zu Gunsten des unterhaltsamen Spektakels, nicht nur die politische Dimension (fast) vollständig ausgespart. Auch die erkenntnistheoretische Frage, was wirklich wirklich ist, wird kaum sichtbar. Und die religiöse Frage geht im Klamauk unter. Und doch: In Moskau ist der Teufel los.

Dieses Moskauer Stadthaus nimmt fast die ganze Bühne ein. Szenenfoto „Meister und Margarita“, Staatstheater Mainz © Bettina Müller

II

„Es war Frühling, eine heiße Dämmerstunde am Patriarchenteich. Zwei Herren zeigen sich.“ So beginnt der Roman. Der Eine, Redakteur einer Literaturzeitschrift, Berlioz, der Andere, ein Dichter. Die Beiden streiten sich, und zwar über Jesus. Der Dichter hat ein Werk über die diese Figur geschrieben, das der andere – als antireligiöses Poem – in Auftrag gegeben hatte. Der Auftrag bezog sich auf den Mythos Jesus. Der Werk beschreibt dann aber, eine zwar negative, aber historische Figur. Berlioz versucht seinem Kollegen klar zu machen, dass allein die Nicht-Existenz Jesu von Bedeutung sei. Bald tritt noch ein dritter Herr hinzu, der sich an dieser Diskussion interessiert zeigt. So beginnt das Stück. Der Herr heißt Woland. Ein Professor, der bereits mit Kant über die Gottesbeweise diskutiert hatte. Besser bekannt ist Woland, nun ja, hier liegt die Brisanz des Stoffes, als der Teufel höchstpersönlich. Der Teufel in der Hauptstadt der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken. Das Buch durfte, zur Erinnerung, erst Ende der sechziger Jahre erstmals erscheinen, gekürzt und verstümmelt. Jedweden Zweifel an seiner Machtfülle beseitigt der Teufel sogleich mit der Voraussage künftigen Geschehens. So wird der Redakteur Berlioz noch am gleichen Abend seinen Kopf verlieren, und zwar unter der Straßenbahn. Ein Gottesbeweis? Wenn es den Teufel gibt, muss ja wohl auch sein Widerpart existieren. Das könnte man als erste Ebene der Handlung bezeichnen. Klar, dass der Teufel, mit seinen Gesellen, darunter der Kater Behemoth, die Stadt ganz schön aufmischt. Auf der zweiten Ebene landet der Dichter, der sich unterdessen von der Existenz des Teufels überzeugt hat, deshalb in der Psychiatrie. Dort trifft er auf den Meister, der ein Buch über Pontius Pilatus und Jesus geschrieben hat. Wir werden nun Zeuge dieser Auseinandersetzung zwischen dem römischen Statthalter und dem (angemaßten) König der Juden. Der Roman im Roman. Auf der dritten Ebene bewegen sich der Meister, wie gesagt, verschwunden und in der Psychiatrie gut, das heißt sicher aufgehoben, und seine Geliebte Margarita, die dank diabolischer Mithilfe hexenhafte Fähigkeiten erwirbt und, nach einigen Eskapaden, am Ende auch wieder zu ihrem Meister findet. Robert Gernhardt hätte diese Beschreibung sicher nur mit der Bemerkung kommentiert: Mein Gott, ist das beziehungsreich, ich glaub’, ich übergeb’ mich gleich.

Bulgakow geht souverän mit diesem komplexen Stoff um. Er spielt regelrecht mit den verschiedenen Ebenen der Realität und ihren entsprechenden Ansprüchen. Was erst wieder die Lateinamerikaner mit ihrem magischen Realismus wagten, hat der russische (Arzt und) Erzähler ohne großes Aufhebens vorweggenommen. Vertraute Gewissheiten und gegebene Ordnungen setzt er wie selbstverständlich außer Kraft. Wer Kant kannte und im Moskau der dreißiger Jahre auftritt, kann auch noch mehr. Menschen verschwinden lassen, Köpfe abtrennen. Und überhaupt für Wirbel sorgen.

Es versteht sich, dass es in diesem Stoff nur so wimmelt an Anspielungen, die aus der Religionsgeschichte stammen, aus der großen europäischen Dichtung (allen voran Goethes „Faust“) bezogen sind, auf die gegebene sowjetische Wirklichkeit der dreißiger Jahres des 20. Jahrhunderts zielen.

Lässt sich dieser Stoff auf die Bühne bringen? Gockels Versuch zeigt: Vielleicht. Aber nur unter schmerzlichen Verlusten. An den Schauspielern hat es sicher nicht gelegen. Und ohne das grandiose Bühnenbild von Julia Kurzweg wäre die ganze Geschichte sicher in die Hose gegangen. Dieses Moskauer Stadthaus nimmt fast die ganze Bühne ein. Drei Stockwerke hoch, mindestens neun Wohnungen sind einzusehen (weil die vordere Hausfront fehlt). Überall ist etwas los. Ums Haus herum fährt eine Straßenbahn, unter der, zur Erinnerung, der Redakteur Berlioz seinen Kopf verliert. Selbst von hinten ist das Haus (auch für die Zuschauer) sichtbar. Der Schlussakt spielt auf der Bühne, auf der sich dann alle Zuschauer wie auf einem städtischen Platz versammeln. Wirklich grandios. Auch die Schauspieler agieren ausnahmslos großartig. In Moskau ist eben tatsächlich der Teufel los. Die in Mainz aber naheliegende Frage („Loreley“) bleibt aber unbeantwortet. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“?

Auch wenn Gockel noch weitere Ebenen eingezogen hat, permanenten Trubel veranstaltet, so dass selbst Stunden schnell vergehen, er hat nicht geschafft, eine klare Struktur zu finden.

Trotzdem: Im Kleinen Haus des Mainzer Theaters war der Teufel los.

Weil sich diese Bühne nicht so leicht umbauen lässt, wird die Stück die nächsten Tage (fast) durchgängig gespielt.

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erstellt am 21.6.2017

Eine Papptafel erklärt Jesus, vormals als Held angesehen, zum Schurken. Szenenfoto „Meister und Margarita“, Staatstheater Mainz © Bettina Müller

Theater

Meister und Margarita

Nach Michail Bulgakow
Inszenierung Jan-Christoph Gockel

Bis 2. Juli 2017

Staatstheater Mainz

Szenenfoto „Meister und Margarita“, Staatstheater Mainz © Bettina Müller

Michail Bulgakow
Meister und Margarita
Roman
Neu übersetzt von Alexander Nitzberg
Taschenbuch, 608 Seiten
ISBN 978-3-423-14301-1
dtv, München 2014

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