Textland

Theoretischer Elternteil

Stefan Beuse las in der Berliner Buch Disko aus seinem „Buch der Wunder“

Stefan Beuse sitzt im Kegel einer Schreibtischleuchte wie unter einer fast verreckten Höhensonne in der Buch Disko, die den Pankower Florakiez bereichert, als Geheimtipp für fortgeschrittene Leser. Beuse ist kein abgebrühter Vorleser, der einen Text vermuckt, um die Zuhörer in Erwartungsspannung zu halten. Das Damoklesschwert der nachlassenden Aufmerksamkeit zielt auf sein Genick. Das sagt er, sonst wüsste ich es nicht. Beuse registriert den abschweifend wippenden Fuß in der dritten Reihe. Er spürt die bezähmte Unruhe und die zur Ordnung gerufene Konzentrationsschwäche, wo immer sie sich einstellt im Plural ihrer Erscheinung. Das ist natürlich grausam, oder um mit Heiner M. einen Joker zu bringen: Was der Autor dem Publikum nicht antut, das tut das Publikum dem Autor an. Doch will heute Abend niemand Beuse beißen.

Er stellt sein „Buch der Wunder“ vor. Darin konkurriert die Bereitschaft zum Glauben mit einer naturwissenschaftlichen Weltauffassung am Beispiel der Geschwister Penny und Tom. Das Romanmotto verschwistert die Antagonisten. Es zitiert den Überastronauten Neil Armstrong: „Mystery creates wonder and wonder is the basis of man’s desire to understand”. Armstrong dient Tom als Vorbild, während Penny (eine Kurzform von Penelope) aus anderen Quellen schöpft. Tom ahmt seinen wissenschaftshörigen Vater nach. Beuse schildert den Alten als Pedanten, der in seiner Kellerwerkstatt Luftfahrtzeuge in klein nachbaut und den Sohn in die Kunst der Erbsenzählerei einführt. Seine Rationalität erscheint zwanghaft. Schließlich rauben ihm (den Garten untergrabende) Mäuse den Verstand.

Tom ignoriert die fatale Schwäche im seelischen Aufbau des väterlichen Kellergeistes. Er erklärt der Schwester den Himmel als Illusion. Des Himmels monumentale Bläue täusche den Menschen über die unzumutbare Wahrheit seiner Stellung im Universum hinweg. Tom begreift das Leben als Präzisionsleistung in einem bestimmten Frequenzbereich. So eingerüstet, landet er in der Werbung. Was ein Elend.

Beuse springt in der „Buch Disko” von der Kindheit seiner Held_innen in die Strangulationssphäre der Erwerbstätigkeit. Der größte Großkunde macht weltweit in Pudding. Nebenbei produziert er eine Scheinrealität. Tom trägt dazu bei. Er setzt Kinder so in Szene, dass man einen „theoretischen Elternteil” zur Aufsicht gerade noch ahnt. An einer Peripherie der Pseudofreiheit wird eine Reihenhauszeile als stabilisierende Instanz hochgezogen. Es geht um Einweisungen und Entmündigungen, die als Geschmacksversprechen deklariert sind. Es geht um die Vernichtung jener Organe, die zur Wundererkennung gebraucht werden.

Stefan Beuse, Das Buch der Wunder, mairisch Verlag, 244 Seiten

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erstellt am 19.6.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.