Die Vergangenheit ist ein Moloch, der alles vernichtet, was nicht aufgeschrieben, aufgenommen und aufgehoben wird. Besonders flüchtig ist die Musik, selbst wenn ihre Notate, die Noten, weiter vorhanden sind. Unter den Wiederentdeckungen auf CD, die Hans-Klaus Jungheinrich ins Bewusstsein zieht, sind diesmal zwei Opern: Pfitzners „Rose vom Liebesgarten“ und Martinůs „Griechische Passion“.

CD-Empfehlungen

Opern-Schmerzenskinder

Wochenlang stand der dickleibige Klavierauszug unberührt auf dem Flügel, aber die Gattin ließ nicht locker. Geflissentlich legte sie den Band immer wieder obenauf, den der Kapellmeistergatte dann stets beiseite räumte, weil er den ewig grantelnden jungen Komponisten nicht leiden konnte. Endlich zollte er einmal der unmissverständlichen Botschaft Einverständnis und öffnete die Noten, zunehmend von dem gepackt, was er da spielte. Dann entschloss er sich, das Werk an seinem Hause aufzuführen.

Die Gattin hieß Alma Mahler, der Mann war der bereits hochberühmte Wiener Hofoperndirektor Gustav Mahler. Der Klavierauszug enthielt die Oper „Die Rose vom Liebesgarten“, ihr Autor war Hans Pfitzner. Das Werk war zwar einige Jahre zuvor bereits in Elberfeld uraufgeführt worden, aber die prominente Premiere 1905 unter Mahlers engagierter Leitung brachte erst den gehörigen Nimbus.

Die diskrete Macht der Gattinnen! Dieses Geschichtchen ist vielleicht die bekannteste Einzelheit in Zusammenhang mit der zweiten Pfitzneroper, die nur mehr sehr selten auftaucht (in den letzten Jahrzehnten lediglich zweimal in Zürich und Chemnitz). Wenn man Alma Mahler-Werfels Memoiren, wo auch viel gelogen wird, glauben darf, dann gelang es der zunächst schönen, später arg megärenhaften Dame auch nicht, Pfitzner dem stattlichen Fundus ihrer Liebhaber oder One Night Stands einzugliedern. Warum das schief lief, beschreibt sie ohne Scham.

Pfitzners Œuvre enthält immense musikalische Schönheiten, aber man kann dennoch nicht umhin, es mit etwas spitzen Fingern anzufassen. Die meisterhaft komponierte Eichendorffkantate „Von deutscher Seele“ – Wolfgang Rihm liebt ihre nachtwandlerischen Orchestertableaus – bewirkt bei der Nennung des Titels zunächst wohl, dass sich einem gelinde der Magen umdreht. „Die Rose vom Liebesgarten“ macht dann als Bezeichnung eher eingeschlafene Füße.

Das mit einem überschwänglich wagnernden Text von James Grun ausgestattete Stück entbehrt fast völlig einer dramatischen Handlung. Das symbolistische Sujet ergeht sich in stimmungsvollem Helldunkel und allerlei illusionären Schauplätzen. Ein durchweg tonmalerisch-lyrisches szenisches Vorspiel von fünfzig Minuten macht schon nahezu ein Drittel der Gesamtdauer aus. Die Musik schwankt zwischen ahnungsvoll-schmerzlich und aufblühend-narkotisch. Ein halberlöster, schon nostalgisch ins Unerreichbare versetzter Klingsor`scher Zaubergarten tut sich musikalisch auf. Das klangliche Zentralmotiv – pfeilerhaft das Werk einleitend und abrundend – besteht aus einem schlichten Dominantseptakkord. Mit einer sozusagen unentrinnbaren Suggestion zwingt sich Pfitzner, Naturklang in eine weithin auch komplex-modern „ausgehörte“ Partitur zu bannen. Sängerisch dominieren die männlichen Antipoden des heldisch-hellen Siegnot und des an Alberich anklingenden, indes schon etwas waidwund anmutenden – nein, nicht Nachtwanderers, sondern, apart ist Trumpf, Nacht-Wunderers.

Pfitzners Chef d'Œuvre bleibt der um die Zeit des 1. Weltkriegs komponierte „Palestrina“, ein philosophiebeladenes Schlüsselwerk zwischen den Zeiten. Neben dem „Armen Heinrich“, einer bereits mit 21 Jahren veroperten mittelalterlichen Legende, ist die „Rose“ aber ein durchaus hörenswertes Pfitzner-Opus, das sich infolge seines lyrisch betonten Inhalts auch gut zu konzertanten Aufführungen und als Hörerlebnis aus dem Lautsprecher eignet. An die Chemnitzer Opernwiedergabe 2009 entsinne ich mich als an eine die Kruditäten des Librettos nichtnaturalistisch in überzeugend dezent abstrahierende Bilderfolgen auflösende interpretatorische Transferleistung. Mit den männlichen Protagonisten Erin Caves (Tenor) und Kauta Räsönen (Bass) sowie dem klangvollen Minneleide-Sopran von Astrid Weber kann sich auch die aufgezeichnete Version hören Lassen. Chor und Kinderchor der Oper Chemnitz sowie die Robert-Schumann-Philharmonie demonstrieren, wie nach einem sicher guten Stück intensiver Probenarbeit alles doch recht mühelos und wohlabgetönt zu klingen vermag.

Ein innergriechisches Flüchtlingsdrama

Zumindest zunächst war auch Bohuslav Martinus letzte Oper „Die Griechische Passion“ ein Schmerzenskind. Der Komponist starb (1959), ohne sie auf der Bühne zu erleben. Die für London 1957 geplante Uraufführung kam nicht zustande, weil das griechisch-türkische Gezerre um die Insel Zypern aktuell die ganze Weltpolitik tangierte. Die Story von Nikos Kazantzakis behandelt indes eine Episode aus der Zeit der griechisch-türkischen Auseinandersetzungen 1922 und thematisiert den türkischen „Feind“ überhaupt nicht, sondern behandelt ein innergriechisches Flüchtlingsdrama. Geflohene Griechen werden von ihren eigenen Landsleuten feindselig aufgenommen und erleben sozusagen eine neue Heimat unter ihresgleichen als vergiftet. Manolios, der Sprecher der Geflohenen, und der ortsansässige Priester Grigoris werden zu den Häuptern der feindlichen Parteien. Vor der Folie eines gemeinsam initiierten Passionsspiels wird Manolios getötet. Die Flüchtlinge ziehen weiter.

Der Tscheche Martinu, früh und dauerhaft außer Landes lebend, schrieb Opern in vielen Sprachen, darunter die herrliche italienische Goldoni-Buffa „Mirandolina“ (Turbulenzen um eine viel umschwärmte muntere Wirtin) und die surrealistische „Julietta“, die sich als sein bedeutendster musikdramatischer Wurf erwies. „Greek Passion“ wurde ursprünglich auf Englisch geschrieben, und so wird sie auch vom Grazer Opernteam gebracht. Der wachsende Respekt der Theater vor dem humanistisch inspirierten Werk hat natürlich auch mit der Flüchtlingsthematik zu tun. Das konfliktuöse Potential wird in der Oper beträchtlich zugespitzt; dabei kommt es nicht nur zu vielen gesprochenen Passagen, sondern auch zu exzessiven Lärmphasen. Abrupte Choreinwürfe und schroffe Akzente als bloßer Hörstoff ohne erklärende Szene scheinen hier nicht ganz unproblematisch. Was besser herüberkommt, sind die volksliedhaften oder feierlich-geistlichen Melodiestrecken, gelegentlich auch tänzerisch-folkloristische Einsprengsel. Diese wären sicher beherrschender geworden in einer Alexis-Sorbas-Oper, die Martinu eigentlich mit Kazantzakis zusammen schreiben wollte. Die leicht irisierende Tonsprache Martinus mit ihren verschleiert tonalen Harmoniefolgen behauptet sich auch hier. Erstaunlicherweise auch eine besondere, auffällige Akkordfortschreitung, die als „mährische Kadenz“ bekannt ist und nahezu alle Partituren Martinus prägt als ein Markenzeichen. Fast als Alleinstellungsmerkmal, wenn es nicht Janáceks lapidare Tondichtung „Taras Bulba“ gäbe, die ganz darauf gründet..

Die auf CD festgehaltene Grazer Interpretation unter der Direktion von Dirk Kaftan, chorisch und orchestral solide untermauert, bewegt sich insgesamt auf einem vergleichbar hohen Niveau wie die Chemnitzer „Rose“. Dem Protagonistenpaar Rolf Romei (Tenor) und Wilfried Zelinka (Grigori) fehlt es nicht an durchschlagender Vehemenz. Verdienstvoll, dass sich das Plattenlabel Oehms (es edierte auch eine Grazer „Jenufa“ und bekümmert sich um viele Trouvaillen der Frankfurter Oper) solcher Raritäten des Repertoires versichert. Über das im Falle Chemnitz sprichwörtlich aktive Interesse von cpo an Verborgenheiten aus der Musikliteratur braucht man kaum noch ein lobendes Wort zu verlieren.

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erstellt am 17.6.2017

Hans Pfitzner
Die Rose vom Liebesgarten
CD
cpo, 2017

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Bohuslav Martinu
Die Griechische Passion
CD
Oehms, 2017

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