Die Düsseldorfer Fotografieklasse von Bernd und Hilla Becher steht im Mittelpunkt mehrerer Ausstellungen. In Frankfurt zeigt das Städel rund 200 Haupt- und Frühwerke der Becher-Schüler und ihrer Lehrer. Das Münchner Haus der Kunst widmet Thomas Struth eine Einzelausstellung. Martin Lüdke stellt zwei aktuelle Publikationen über die Becher-Klasse vor.

Fotografie

Die Bechers und ihre Folgen

Die Fotografie galt lange Zeit als Handwerk. Bloßes Handwerk, ohne Kunstanspruch. Drei Jahre Lehre, und man war „gelernter“ Fotograf und konnte, wenn man es konnte, die Welt und ihre Bewohner so abbilden, wie sie (vermeintlich) waren und sind. Der Malerei und nicht nur der Porträtmalerei wurde damit aber der Garaus gemacht. Sie kam in eine Krise, die sie durch immer neue Stilrichtungen, Impressionismus, Expressionismus, Abstraktion, zu überwinden hoffte. Nicht die Verdoppelung der Realität, ihr Abbild, wollte die Malerei nun auf die Leinwand bringen, sondern ihr Wesen, ihre Struktur, ihre Substanz. Punkt.

Die Fotografie hielt sich da mit ihren Ansprüchen lange Zeit zurück. Und stellte sich bescheiden hinten an. Die Museen in aller Welt verhielten sich entsprechend zurückhaltend. Trotzdem verwundert es (mich) noch heute, dass zum Beispiel an der Düsseldorfer Kunstakademie erst 1976 die erste Professur für Fotografie eingerichtet worden ist. (Zu diesem Zeitpunkt war Joseph Beuys wieder wegen seiner Aufmüpfigkeit – „fristlos“ – entlassen worden.) Düsseldorf hatte schon im 19. Jahrhundert mehrere Schulen hervorgebracht, Malerschulen allerdings, die (römischen) Nazarener (Cornelius & Co.), später die (amerikanischen) Realisten à la Bierstadt und Leutze, die heute einen hübschen Saal im Metropolitan Museum in New York füllen.

In den späteren siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts kam eine neue, ebenso erfolg- wie folgenreiche Schule dazu, die „Düsseldorfer Photoschule“ des Ehepaares Bernd (1931–2007) und Hilla (1934–2015) Becher. Die beiden dokumentierten auf ihren Bildern eine (untergehende) Bau- und Industriekultur. Wassertürme und Gasbehälter, Hochöfen und Fabrikhallen, Fördertürme und Getreidesilos, Kohlebunker, Fachwerkhäuser und ganze Industrielandschaften, vorzugsweise im Ruhrgebiet, aber letztendlich quer über die ganze Welt. Selbst in Paterson, New Jersey, wo der gleichnamige, wunderbare Film „Paterson“ von Jim Jarmusch spielt, haben die Bechers einen Wasserturm aufgetrieben. Man kennt diese Bilder. Sie hängen mittlerweile in jedem anständigen Museum. Man erkennt diese Bilder, weil sie in einem Verfahren, das vormals dialektisch genannt worden wäre, durch Abstraktion zu einer gesteigerten Konkretion gelangen. Die Bechers lösen ihre Objekte aus allen Zusammenhängen. Die Wassertürme stehen, wenn möglich, noch aus der umgebenden Landschaft gelöst, vor grauem Hintergrund nur für sich.

Ebenso die Fördertürme, die Hochöfen, ja alles, was die Bechers fotografierten, das wird zu einem singulären Zeugnis – und damit (paradox, dialektisch, wie man es auch nennen will) zu einem eindringlichen Verweis auf den Kontext, aus dem es gelöst worden ist. Der Hochofen, der da für sich in der Landschaft steht, nichts, gar nichts, außer einem matten Grau ist sonst zu sehen, dieser Hochofen verweist auf die Industrie(kultur), der er entstammt. Er ist das Zeugnis einer vergangenen Epoche. Alle Aufmerksamkeit wird auf das jeweilige Objekt gelenkt. Gerade dadurch aber, dass es aus allen Zusammenhängen gelöst worden ist, verweist es wieder auf diese Zusammenhänge. Durch die strenge Formalisierung ihrer Bilder unterscheidet sich die Fotografie der Bechers von konkurrierenden Konzepten (fast aller bekannten Fotographen jener Zeit) und erzeugt den Eindruck von Abstraktion und Anonymität. Zudem zeichnen sich diese Bilder durch eine große (Tiefen-)Schärfe aus. Die Objekte sind so ins Licht gesetzt, dass sie keine Schatten werfen.

Eines der berühmtesten Bilder: „Fachwerkhaus Rensdorferstraße 1, Salchendorf“. Wo immer dieser Ort liegen mag, weit weg von überall ist er sicher. Bei flüchtiger Betrachtung könnte man es für ein Bild von Mondrian halten. Doch sind im Hintergrund einige Häuser zu sehen, und wenn man genau hinsieht, lässt sich im Garten hinter dem Haus sogar eine Taube erkennen, vermutlich das einzige Lebewesen im gesamten Œuvre der Bechers. Der Vordergrund dominiert. Eine fensterlose Hauswand. Schwarze Holzbalken strukturieren eine weiße Fläche. Darüber ein spitzes Schindeldach. Die reine Abstraktion – auf einem gegenständlichen Bild.

Die Bilder der Bechers sind berühmt geworden. Sie haben Schule gemacht, allen voran bei ihren Schülern an der Düsseldorfer Akademie. Man kann bei den Schülern der Bechers, und die meisten der heute bekannten (Foto-)Künstler sind durch ihre Schule gegangen, den Einfluss der Lehrer erkennen, aber, angesichts der Strenge der Becher’schen Bildsprache erstaunlich, keinerlei Uniformität. Sie alle, darunter Elger Esser, Andreas Gursky, Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff, Thomas Struth, auch Thomas Demand, sind ihre eigenen Wege gegangen. Sie haben sichtbar Ansätze der Bechers aufgenommen und selbstständig weiter entwickelt. Ihre Bilder, bis auf die von Demand, sind alle in diesem Band enthalten. Sie zeigen fast ausnahmslos die gleiche, kompromisslose Strenge des Bildaufbaus, die gleiche Konzentration auf den Gegenstand. Und dadurch oft auch wieder den Umschlag – vom einzelnen Objekt auf den Zusammenhang, dem es sich verdankt. Das Frankfurter Städel Museum zeigt noch bis 13. August 2017 rund 200 Haupt- und Frühwerke der Becher-Schüler und ihrer Lehrer.

Der vorliegende Fotoband, der erstmals 2009 erschienen ist und jetzt geringfügig aktualisiert und ergänzt wurde, zeigt mehr als nur Bilder. Der Kunsthistoriker Stefan Gronert hat den Band zusammengestellt und, zuweilen ein bisschen akademisch steif, dennoch informativ eingeleitet.

Thomas Struth

Meisterschüler der Bechers

Ebenfalls bei Schirmer/Mosel ist der Katalog der großen Ausstellung von Thomas Struth im Münchner Haus der Kunst erschienen, der bislang umfangreichsten Darstellung seines fotografischen Werks. Struth, 1954 am Niederhein geboren, hat an der Düsseldorfer Kunstakademie, zunächst bei Gerhard Richter, dann in der Klasse der Bechers von 1973 bis 1980 studiert. Er zählt seit Jahren schon zu den bedeutendsten (Foto-)Künstlern der Gegenwart. Seine meist großformatigen Bilder hängen unterdessen in allen großen Museen der Welt. Struth hat den dokumentarischen Impetus der Bechers beibehalten, geht aber interpretierend darüber hinaus. Wie die meisten seiner (ehemaligen) Mitschüler hat er aus der Werbung das Großformat übernommen. Im Gespräch mit Okwui Enwezor, dem Direktor des Münchner Hauses der Kunst, wehrt sich Struth (zurecht) gegen den Begriff der Retrospektive, den eine solche Ausstellung naturgemäß nahelegt. Er beharrt dagegen auf dem Prozesshaften seiner Arbeit. Der amerikanische Philosoph Arthur C. Danto hat diesen Sachverhalt auf die treffende Formel gebracht: Wenn die Zukunft offen ist (und wer wollte daran zweifeln), dann kann die Vergangenheit nicht verschlossen sein. Struth sieht sein fotografisches Werk in solchen Zusammenhängen.

Thomas Struth: Har Homa, Ostjerusalem 2009, Inkjet print, 148,6 × 184,8 cm © Thomas Struth

Das zeigt sich deutlich in einem der letzten Zyklen der Ausstellung, den Bildern aus Israel und Palästina. Ein zerstörtes Haus auf den Golanhöhen, das Bild einer Siedlung auf dem gegenüberliegenden Hang in Ostjerusalem, das Shuafat Camp in Ostjerusalem, hinter der Mauer, die von den Israelis hochgezogen wurde und nicht minder bizarr wirkt wie einst die Mauer, die Berlin in zwei Hälften trennte. Kein Baum, kein Strauch. Alles menschenleer und damit leblos. Am eindriglichsten jedoch: eine Landstraße bei Ostjerusalem, die sich einen Hang hochzieht, auf der anderen Seite des Tales dann eine große Siedlung, grauer Beton, trist, öde, grau, leblos. Doch gleich hinter der Kurve, von der aus die Straße sichtbar wird, es bleibt unklar, ob der Untergrund aus festgefahrenem Schotter oder verstaubten Beton besteht, schleppt eine verschleierte Palästinenserin zwei Plastiksäcke, offenkundig ihren Einkauf, nach Hause. Die einsame Frau, das einzige Lebewesen auf diesem großformatigen Bild (148 × 188 cm), verstärkt durch ihre Erscheinung noch den Eindruck der Leblosigkeit dieser gesamten Gegend. Struth hat mit Straßenbildern aus Düsseldorf angefangen. Er hat dann den öffentlichen Raum wieder eingeschränkt, zum Beispiel mit seinen berühmten Museumsbildern. Viele dieser verschiedenen Werkgruppen präsentiert dieser Band. Er zeigt, was Struth in Düsseldorf gelernt und was er daraus gemacht hat. Er denkt konzeptionell. Und so hat er Düsseldorf in die Welt getragen und (für uns) eindrucksvolle Bilder dieser Welt zurückgebracht.

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erstellt am 16.6.2017

Bernd & Hilla Becher: Fachwerkhaus Rensdorfstraße 1, Salchendorf, 1961
Bernd & Hilla Becher: Fachwerkhaus Rensdorfstraße 1, Salchendorf, D 1961 © 2009 Bernd & Hilla Becher, courtesy Schirmer/Mosel, München

Stefan Gronert
Die Düsseldorfer Photoschule
Photographien 1961 – 2008
Hrsg. v. Lothar Schirmer
Gebunden, 320 Seiten, 332 Abb.
ISBN: 9783829608039
Schirmer/Mosel Verlag, München 2017

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Ausstellung in Frankfurt

Fotografien werden Bilder.

Die Becher-Klasse

27. April bis 13. August 2017

Städel Museum

Thomas Struth
Ausst.-Kat. Haus der Kunst, München
320 Seiten, 230 Abb.
ISBN: 9783829607988
Schirmer/Mosel Verlag, München 2017

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