In Arthur Honeggers und Paul Claudels Werk „Jeanne d`Arc au bûcher“ stehen Wort und Musik, chorische Massenszenen sowie Soli von Schauspielern und Sängern absolut gleichberechtigt neben- und beieinander, um Klangkunst zu formen. Wer dieses Gesamtkunstwerk in der Oper Frankfurt verpasst, verpasst wirklich etwas, meint Andrea Richter.

Oper

Die Zerrissenheit der Welt

Kahl und grau die Bühne. Quergeteilt von einem gläsernen Zwischenboden. Wir wissen bereits aus dem Vorspiel – „La Damoiselle élue“ von Claude Debussy -, dass der Teil oberhalb dem Himmel, der Teil unterhalb der Erde zugeordnet ist. Ein goldener Engel schwebt oben wie Christbaumschmuck, wie ein Nachhall der soeben gehörten Kantate. Dunkel erste Orchestertakte, aus dem Hintergrund treten zerlumpte, nur am Oberkörper bekleidete Menschen hervor. Viele, sehr viele. Chor und Extrachor der Oper (großartig!). Sie singen getragen vom Dunkel des durch den Krieg zerrissenen Frankreich. Ein einzelner Sopran wendet sich an Gott und bittet um Hilfe. Und wieder der dunkle Chor. Eine Erzählerin: „Es war einmal ein junges Mädchen namens Jeanne“. Aufregung, Beschleunigung. Das Volk erinnert sich. Eine wunderbare Mär? Wird Frankreich für immer zerrissen bleiben? Soweit der Prolog, den Honegger und Claudel den 1935 fertiggestellten elf Szenen des Oratoriums 1944 nach der Teilbefreiung Frankreichs voranstellten.

Das Heulen eines Hundes aus der Kehle eines elektronischen Tasteninstruments, das damals bei französischen Komponisten sehr in Mode war: Ondes Martenot. Es wird noch öfter ausgefallene (Glissando-)Klangfarben zeichnen. Überhaupt verwendet Honegger eine eigenwillige Orchestrierung: Statt Harfen Klaviere, statt Hörnern Saxophone, Celesta, 3-fach Klarinetten und Fagotte sowie zusätzliche Schlagzeuge. Elegischer Chor der Engel: Stimmen des Himmels. Eine junge Frau, Jeans, T-Shirt, kurze Haare fährt an einer Eisenstrebe (gleichzeitig Schandpfahl und Fahrstuhl) aus der Höhe durch ein Loch im Himmelsboden herab. Zwischen Himmel und Erde wird von nun an ihr Platz sein. Ein Mann mit einem dicken Buch in den Händen tritt zu ihr. „Jeanne, Jeanne…“ Sie erkennt ihn: Bruder Dominik. Beide sind Sprechrollen: Johanna (nomen est omen!) Wokalek (Baader Meinhof Komplex, Die Päpstin etc.) und Sébastien Dutrieux. Dominik liest ihr aus den Prozessakten vor. Als Ketzerin, Hexe, Abtrünnige, als Gottesfeindin, Königsfeindin und Feindin des Volkes sei sie angeklagt. Jeanne kann es nicht fassen.

Szenenfoto „Jeanne d`Arc au bûcher“, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller

Und schon landen wir in einem höchst makabren Tiergericht. Das Schwein übernimmt den Vorsitz. Auffallend und entlarvend der Gleichklang des historisch wahren Anklägers von Jeanne d`Arc, Erzbischof Cauchon, mit dem französischen Wort für Schwein = cochon. Der Esel wird zum Schreiber ernannt, die Beisitzer sind Schafe. Ein Prozess, dessen Absurdität einerseits durch sakrale lateinische Texte, andererseits musikalisch durch IAs, Geblöke, Jazz, Cantus Firmus, Barockmusik und Fanfarenklängen und schließlich durch Bilder wie den Schweinebischof in einer vom Esel gezogenen Badewanne charakterisiert wird. Ohrenbetäubender Lärm. Ruhe. Jeanne am Schandpfahl hat wieder das Wort.

So könnte man Szene für Szene durchdeklinieren und vom Kartenspiel, vom Kinderlied oder vom Nachtigallengesang sprechen. Oratorium, Oper, Melodram, Schauspiel, Film. Ein unglaubliches Spektakel, spektakulär in Szene gesetzt vom künstlerischen Leiter des berühmten katalanischen Theaterkollektivs La Fura dels baus, Àlex Ollé und seinem Team. Zwischen mittelalterlichem Festplatz, neuzeitlichem Schrottplatz und zunehmenden Mengen von Rauschgoldengeln im Himmel nähert sich das Geschehen dem unabänderlichen Ende: Der Verbrennung Jeannes auf dem aus Bürostühlen bestehenden Scheiterhaufen. Die Überschreitung aller Epochen-Grenzen in Musik und Wort wurde von Ollé konsequent in Bilder umgesetzt und erlangt so eine aktuelle politische Aussage: aus den Worten Claudels „La France déchirée“ (zerrissenes Frankreich) und dem damals schon unterlegten Gedanken des nach dem 1. Weltkrieg zerrissenen Europas kommt heute die globale Dimension der Zerrissenheit der Welt hinzu. Jeanne stellt als ethische Institution immer wieder die richtigen Fragen. Sie glaubt an eine Erlösung, zumindest an das Ende der Qualen. Der Himmel mit all seinem allegorischen Rauschgold ist weit entfernt. Doch er ist immerhin eine Idee, wie es weitergehen könnte. Auf der Erde verbrennt diese Idee vom Frieden und vom Guten. Und wir, die blöden Schafe, haben sie in Brand gesetzt. Und warum? In der Kartenspielszene wird es erklärt: Alles nur ein Spiel von Torheit, Hochmut und Geiz, alles nur Politik. Gewinnen oder verlieren? Egal, Hauptsache das Spiel der Mächtigen geht weiter. Allerdings ist auch der Tod mit von der Partie.

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erstellt am 14.6.2017

Szenenfoto „Jeanne d`Arc au bûcher“, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller

Oper

Jeanne d`Arc au bûcher

Dramatisches Oratorium von Arthur Honegger
Text von Paul Claudel

Musikalische Leitung Marc Soustrot
Regie Àlex Ollé (La Fura dels Baus)
Regiemitarbeit Susana Gómez
Bühnenbild Alfons Flores
Kostüme Lluc Castells

Jeanne d’Arc Johanna Wokalek

Oper Frankfurt