Auf Anweisung des Zentralkomitees der SED und des Ministerrates der DDR hatten, beginnend mit dem Jahr 1978, in Dresden als jährlich durchzuführendes Musikfestspiel internationalen Ranges die Dresdner Musikfestspiele stattzufinden. Sie finden bis heute statt. Hans-Klaus Jungheinrich hat sie besucht und zieht Vergleiche.

Dresdner Musikfestspiele

Musikstadt im Licht

Von Haus aus bin ich ein ziemlicher Frankfurter Lokalpatriot und vertrat immer gerne die Meinung, dass die Mainmetropole an Weltoffenheit in Deutschland nicht zu übertreffen sei. Von Frankfurt aus strahlte die auch der musikalischen Moderne verbundene kritische Philosophie Theodor W. Adornos (und der aufklärerischen Nebenheiligen Horkheimer & Habermas) in die Welt, von München kam der finster-funzelige Hans Sedlmayr mit seinem „Verlust der Mitte“. Beides ist freilich lange her. Krasse Image-Differenzen zwischen den deutschen Metropolen gibt es inzwischen wohl viel weniger. Der oberflächliche Eindruck eines Reisenden wird Frankfurt als eine quasi amerikanische Businessstadt wahrnehmen, München und Dresden aber in ihrer dominierenden Bausubstanz als deutlich geprägt von ehrwürdigeren Geschichtsdenkmälern. Hinter den auffälligen Stadtsilhouetten verstecken sich aber auch viele unvermutete Institutionen und Kulturschätze. So verfügen die eher konservativ konnotierten Städte München und Dresden ähnlich wie Köln über sehr lebendige Einrichtungen zur „Pflege“ (deutet dieser Ausdruck mehr aufs Gärtnerische oder auf Sorge um krankes oder sieches Kulturgut?) der Neuen Musik – wie übrigens auch Wien. Frankfurt besitzt nach dem Wiedererstehen der Alten Oper eines der erstrangigen Konzerthäuser Europas.

Aber, Adorno hin, Adorno her, die zeitgenössische Musik hat trotz des in Frankfurt ansässigen „Ensemble Modern“ hier kein sonderlich großes Anhängerpotential. Die zweifellos etwas laue Frankfurter Kulturhaltung wird oft mit dem traurigen Umstand des vom Nationalsozialismus zum Verschwinden gebrachten jüdischen Bildungsbürgertums erklärt. Das Beispiel der bedeutenderen Schweizer Städte Zürich, Basel, Luzern und Genf zeigt, dass kulturelle Aktivität generell mit wirtschaftlicher Prosperität und allgemeiner Wohlhabenheit verknüpft zu sein scheint. Die schöne sozialdemokratische Formel von der „Kultur für alle“ ist angesichts galoppierender Eintrittspreise bei hochkulturellen Veranstaltungen wieder zu einer utopischen Verheißung geworden. Dennoch gibt es auch halbwegs unabhängig davon Musikstädte, in denen Oper und Philharmonien ein ähnlich populärer Gesprächsstoff sind wie Fußball – sprichwörtlich, dass in Wien bis hin zum Taxifahrer und zur Blumenfrau zwei Millionen kompetente potentielle Staatsoperndirektoren auf ihre Berufung warten.

Eine gewaltige Hypothek

Wenn wir den Blick auf Dresden richten, sehen wir eine eigenartige Mischung von Tradition und neuerlicher Arriviertheit. Die Region gilt neben Oberbayern als zweites deutsches „Silicon Valley“. Eine gewaltige Hypothek, auch gegenüber der in vielem verwandten ehemaligen Residenzstadt München, ist die DDR-Vergangenheit. Ihr ist wohl auch die peinliche und für gesamtdeutsche Verhältnisse weit überproportionale Präsenz von Pegida und Rechtsradikalismus geschuldet. Die in der DDR-Zeit nur minimal und selektiv am Leben erhaltenen Bauwerke aus der Barockzeit zeigen sich mittlerweile wieder in eindrucksvoller Pracht; altstädtische Ergänzungen und Rekonstruktionen gerieten nicht immer glücklich und folgten mehr kommerziellen als ästhetisch-städtebaulichen Direktiven. Mit zwei bedeutenden Kulturmonumenten identifizieren sich die Dresdner Musikfreunde ohne Vorbehalt – mit der Semperoper und dem 1969 gebauten Kulturpalast am Altmarkt. Die Semperoper, eine der schönsten Theaterschöpfungen des 19. Jahrhunderts, wurde am 40. Jahrestag der Bombardierung Dresdens im Februar 1985 im alten Glanz wiedereröffnet. Dieser Termin war für die DDR ein Politikum; ich erlebte, wie die dazu eingeladenen Korrespondenten aus dem Westen in der Lobby des damals ersten Hotels der Stadt (es hatte den bruderlandfreundlichen Namen „Newa“), allen voran der fernsehnotorische Peter Merseburger, aufeinander lauerten und ihre News austauschten wie sonst nur an einem Kriegsschauplatz.

Der Kulturpalast am Altmarkt sticht zwar etwas schrill vom diskret-zeitlosen stalinistischen Klassizismus der übrigen Platzbebauung ab, bietet aber insgesamt eines der überzeugenderen Beispiele originärer späterer DDR-Architektur. Die breite Glasfront erinnert von ferne an die Fassade der Frankfurter Doppeltheateranlage. Der ursprünglich von Wolfgang Hänsch projektierte Bau wurde während mehrjähriger Schließung unlängst vom Architekten Stephan Schütz umsichtig restauriert und vor allem innen verändert; bei geringfügig vermindertem Platzangebot im Auditorium ist immerhin noch für mehr als 1700 Besucher Raum; die „gefühlt“ weiträumigere Semperoper hat 400 Plätze weniger. Das Innere ist hell und freundlich gehalten; die ältere Bühne wurde in eine Podiumsstruktur mit weiteren Besucherplätzen an der Stirnseite modifiziert. Der Kulturpalast wurde pünktlich fertig vor Beginn der 40. Dresdner Musikfestspiele und war einer ihrer Hauptschauplätze. Die diesmal besonders üppige Festspielsaison (vierwöchig statt zweiwöchig dank des Jubiläumsjahrs) stand unter dem Motto „Licht“, was gewiss auch inspiriert war von der Optik dieses splendiden Konzertsaales, in dem vor allem die Dresdner Philharmonie beheimatet ist.

Der Metapher „Licht“ ordnet Festspielintendant Jan Vogler (früher Angehöriger der Dresdner Staatskapelle und nach wie vor ein gefragter Violoncellosolist) Begriffe zu wie Aufklärung, Freiheit, Transparenz und Mut und verweist etwas obenhin auch auf die Komponistennamen Bach, Beethoven, Schostakowitsch und Strawinsky. Auch das zeitgenössische Komponieren soll nicht ferngehalten werden, doch vermisst man eine doch sehr naheliegende Assoziation: „Licht“ ist der Titel des aus sieben abendfüllenden Teilen bestehenden musiktheatralischen Hauptwerkes von Karlheinz Stockhausen, das noch niemals komplett aufgeführt und von dem auch in Dresden jetzt kein Stäubchen merklich wurde.

Der Dirigent Vladimir Jurowski © Drew Kelly

Der Kulturpalast als aktuelles Vorzeigeprojekt gab mithin vor allem Gelegenheit zu Orchesterkonzerten, die auch geeignet waren, die vorzügliche Akustik ins helle Licht zu stellen. Es gab ein imponierendes Defilée von Gastorchestern, die mit großen Formaten und brillanten Solisten paradierten. Das London Philharmonic Orchestra leitete seine beiden Abende mit dem Dirigenten Vladimir Jurowski immerhin mit je einer reizvollen symphonischen Petitesse des russischen Romantikpioniers Michail Glinka ein, die man kaum je zu hören bekommt (Spanische Ouvertüre Nr.2, Walzer-Fantasie h-moll). Hauptwerke waren Mahlers 4. und Schostakowitschs 15. Symphonie, beide vorgetragen mit größter interpretatorischer Intensität. Zwei außergewöhnliche Solisteneindrücke drückten den Konzerten ihren Stempel auf: der Pole Jan Lisiecki mit Chopins e-moll-Klavierkonzert, das man zumeist als ein eloquent-leichtgewichtiges Passagengefunkel vorbeirauschen hört, hier aber in einer atemberaubenden Hochgespanntheit vernahm, wo jeder Lauf zu einem Hasardstück, jede Melodiephase zu einer expressiven Offenbarung zu werden schien.

Chopin als „Ernstfall“ und als Gegenstand rigoroser künstlerischer Verausgabung. Nicht weniger spannend am folgenden Tag der Amerikaner Steven Isserlis mit Prokofiews Violoncellokonzert e-moll in der Urfassung, einem selten gespielten, überwiegend spröden, ernsten, erratischen Stück, das der Solist mit souveräner Überredungskraft zur Wirkung brachte. Gewissermaßen als bedeutsamen Nachklang zu dieser Darbietung konnte man einige Tage später Jan Voglers konzentrierte Wiedergabe der Sinfonie für Violoncello und Orchester op.68 von Benjamin Britten mit dem City of Birmingham Orchestra in der Semperoper verstehen. Auch dieses wenig geläufige Britten-Werk fesselt mehr durch ein betont introvertiertes Sich-Abwenden vom common sense und gönnt sich nur gegen Schluss eine Apotheose in Richtung Rosarot, die vielleicht aus kommunistischen Hoffnungen, die vor allem der jüngere Britten hegte, resultiert.

Britten und Schostakowitsch schätzten sich gegenseitig sehr. Mit Schostakowitschs dem Jahr 1917 gewidmeter 12. Symphonie figurierte die von Vogler namhaft gemachte Licht-Thematik im Spiegel einer vorerst und scheinbar geglückten Revolution. Im Œuvre des wohl authentischsten musikalischen Chronisten eines „Zeitalters der Extreme“ (Eric Hobsbawm) spielt dieses Opus eine eher problematische Rolle: als nach der bereits flammend „subjektiven“ 10. Symphonie vermeintlicher Rückfall in offiziöse Parteilichkeit und als weniger überzeugend „affirmatives“ Gegenstück zu der tragischen, die gescheiterte Revolution 1905 nachzeichnenden 11. Symphonie. Die Festspielaufführung der Dresdner Philharmoniker unter der engagiert-sachlichen, auf jede Pose verzichtenden Direktion von Michael Sanderling ließ die Musik unkorrumpiert und überzeugend erscheinen: in angestrengtem Sich-Durchringen zum finalen Licht nicht mehr so durchdrungen „gläubig“ wie in der 1. Symphonie, aber doch noch mit einem Rest von Glauben an eine kommunistische Zukunft.

Dresdner Philharmonie, Foto: Marco Borggreve

Das Dresdner Publikum mag seine eigene Meinung zur Wahrheit solcher „Licht“-Verkündigungen haben. Immerhin hat man das Gefühl, Schostakowitsch gehöre hier noch mehr als anderswo zu den akzeptierten „Klassikern“. Die Kulturpalast-Konzerte brauchen über Publikumszuspruch nicht zu klagen. Gut besucht auch das Gastspiel des Orchestre de Paris mit Thomas Hengelbrock und dem musikalischen Kleinod der sieben „Chants d’Auvergne von Joseph Canteloube, minuziös abgetönt von der Mezzosopranistin Kate Lindsey. Ein anderer Sängerauftritt mit Klavier, flapsig einen etwas bärenhaften walisischen Charme des Bassisten Bryn Terfel exponierend, zeigte dann doch auch akustische Defizite des Saales bei kammermusikalischen Gegebenheiten: profilarmer Klavierklang (Eugene Asti), seltsam im Raum vagierender Sound einer an sich großen Stimme.

Alternativorte taten also wohl. Etwa das in exquisit halbruinösem Zustand gehaltene Barockpalais im Großen Garten, auch akustisch ein idealer Platz für das potente Schumann-Streichquartett mit einem streng klassisch gehaltenen Haydn/Mozart/Beethoven-Abend. Oder, fast noch auratischer, die als Konzertraum dienliche Abfüllhalle des Weinschlosses Wackerbarth in Radebeul und inmitten einer villenbestückten Winzerhügellandschaft, die dem Rheingau in nichts nachsteht. Hier brachte der junge chinesische Pianist Niu Niu mit somnambuler Hochperfektion die edelsten Schlachtrösser der Klavierliteratur wie Schumanns Fantasie C-Dur oder Liszts Sonate h-moll zur Zelebration.

Der Pianist NiuNiu © Jiyang Chen

Zurück in den Kulturpalast! Voglers Festspielkonzept begibt sich auch ein gutes Stück aus der musikalischen Hochkultur heraus. Max Raabe mit seinem Palastorchester zum Beispiel: In einem uhrwerksartig genau stilisierten und geradezu hermetischen Ablauf wird hier ein sozusagen depraviertes Kulturgut wie der (echte oder simulierte) Schlager der 1920er und 1930er Jahre zur Essenz einer staunenswerten Show, in deren Mittelpunkt der elegant-süffisante Sänger Raabe steht, blond und unbewegt und in jeder Fiber Antipode zu aller Pop- und Rock-Schaustellerei. Ein interessanter Tribut ans Lutherjahr war die Begegnung mit dem rekonstruierten „Luther“-Stummfilm (hochpathetischer Expressionismus) von Hans Kyser (1927) mit einem pfiffig neukomponierten symphonisch-elektronischen Soundscape von Sven Helbig (live gespielt vom MDR-Sinfonieorchester unter Leitung von Kristian Järvi).

Eher Trauriges begab sich im Zusammenhang mit dem Gastspiel der Tschechischen Philharmonie im Kulturpalast. Vor der angesetzten Aufführung des „Vaterland“-Orchesterzyklus von Smetana betrübte die Ankündigung, dass der Dirigent Jiri Belohlávek krankheitshalber verhindert sei. Kollege Petr Altrichter führte das Orchester mit dem klangprächtigen patriotischen Hexameron vertretungsweise temperamentvoll zum Erfolg. Vier Tage später musste die Musikwelt den in dieser Schnelle unerwarteten Krebstod des großen Dirigenten Jiri Belohlávek erfahren.

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erstellt am 10.6.2017

Die Dresdner Semperoper, Foto: Wikimedia Commons

Festival

Dresdner Musikfestspiele

18. Mai bis 18. Juni 2017

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