Das Hamburger Festival „Theater der Welt“ neigt sich dem Ende zu. Thomas Rothschild sah dort eine szenische Adaption von Haydns „Schöpfung“, eine dilettantische Aufführung des niederländische Kollektivs Wunderbaum sowie mit „Sanctuary“ und „Burning Doors“ zwei erschütternde, politische Inszenierungen.

Theater

Kunst kann keine Wunder vollbringen

Auch die Elbphilharmonie hatte, in Konkurrenz zum Kakaospeicher, die ein Kritiker – Triumph der Quadratmeter – zum „eigentlichen Protagonisten“ von Lemi Ponifasios „Gabe der Kinder“ geadelt hat, beim Theater der Welt ihren Auftritt. Das ius primae noctis blieb den Hamburger Snobs allerdings vorenthalten. „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn in einer szenischen Fassung von La Fura dels Baus ist eine Koproduktion mit den Ludwigsburger Schlossfestspielen, wo sie bereits zu sehen war, ehe sie zum Theater der Welt in die nunmehr von jeglicher Skandalberichterstattung befreite Elbphilharmonie anreiste.

Die Elbphilharmonie verhält sich zum Kakaospeicher wie der Jungfernstieg zu Altona oder, ins Gigantische aufgeblasen, das Thalia Theater zu seiner Nebenspielstätte in der Gaußstraße. Deshalb ist es nicht ohne Ironie, wenn La Fura dels Baus just hier seine Aufwartung macht. Die Katalanen gelten ja immer noch als provozierendes, Tabus brechendes Ensemble, das sie einst waren, obwohl sie längst von der Bourgeoisie gehätschelt und rekommendiert werden. Die Herrschaften in der Elbphilharmonie brauchten nicht zu befürchten, dass sie mit Theaterblut übersprüht oder mit unsittlichen Zurschaustellungen belästigt würden. Auch Blasphemie war nicht zu erwarten. Geblieben ist das Gerede von der „wohl spektakulärsten Theatergruppe der Welt“ im Programmheft. Geht's nicht eine Nummer kleiner?

Das Insula Orchestra, elegant dirigiert von Laurence Equilbey, spielt, gut sichtbar, vor der eigentlichen Bühne auf alten Instrumenten. Die drei Solisten in fünf Rollen werden von einem Kran hochgezogen und herabgesenkt. Mehrfach tauchen sie, einzeln oder auch zu zweit, mit oder ohne beleuchtetem Kopfschmuck, in ein Aquarium wie vor dreizehn Jahren bei „Dido & Aeneas“ von Sasha Waltz. Der wenig einfallsreich geführte Chor Accentus hält Tablets mit abstrakten Mustern ins Publikum oder liest auf ihnen Text und Noten, mit dem großen Vorteil, dass das Wischen das Umblättern ersetzt. Klar: „Im Anfang schuf Gott das Tablet“.

Szenenfoto „Die Schöpfung“, Theater der Welt, Hamburg 2017, © Claudia Höhne

Grundsätzlich spricht nichts gegen szenische Adaption von Oratorien. John Neumeier oder Claus Guth haben das überzeugend vorgemacht. Aber was La Fura dels Baus und Carlus Padrissa zu Haydn eingefallen ist, hat mehr mit „Tausendundeiner Nacht“ zu tun als mit dem Alten Testament. Da werden Ballons und Leuchtkugeln, lauter rundes Zeug, umhergetragen und ein Glühbirnenzauber wie im Lunapark sorgt für Zirkusatmosphäre. Einmal dürfen eine Sängerin und ein Sänger, aus dem Wasserbecken gezogen, sogar wie Trapezartisten in der Luft schwingen. Der Chor wiederum, der aussieht wie eine Flüchtlingsprozession, friert ersichtlich, ehe er sich an den Tablets erwärmen darf. Wenn im Übrigen eine Analogie suggeriert werden soll zwischen der Vertreibung Adam und Evas aus dem Paradies und der Vertreibung heutiger Flüchtlinge aus ihrer Heimat, so wäre zu erklären, worin deren „Erbsünde“ besteht und was Gott, wie immer man ihn sich vorstellen mag, mit dem Islamischen Staat oder mit Despoten, vor denen Menschen flüchten, gemeinsam hat.

Nun wäre es vorstellbar, dass man die Schöpfungsgeschichte als Zaubermärchen interpretiert. Das wiederum wird von Haydns Musik nicht beglaubigt. Mit anderen Worten: „Die Schöpfung“ von La Fura dels Baus ist zu kurz gedacht. Nicht jede Schnapsidee ist ein Geistesblitz. Eine versteckte Hommage an Gerard Mortier und die Faszination durch Technik machen die nur scheinbar originelle Konzeption nicht plausibler.

Applaus für Kitsch

Zu all dem werden Sprüche – auf Englisch, versteht sich – projiziert, die dem Libretto bisher fremd waren, wie etwa: „Ohne Geschichte gibt es keinen Fortschritt“ oder „Natur ist die Mutter und die Tochter ihrer selbst“. Ganz am Schluss verkünden die Tablets: „Unser Durst nach Leben ist unendlich.“ Amen.

Diese „Schöpfung“ ist ein starkes Argument gegen die Kreationisten und für die Evolutionstheorie. Diese erspart uns jedenfalls einen Kitsch, wie er vom Publikum in der Elbphilharmonie mit anhaltendem Applaus gesegnet wurde. So ist er halt, der Mensch, den der Schöpfer „gemacht“ hat. Er „sieht's und freuet sich./ Auch unsre Freud' erschalle laut,/ Des Herrn Lob sei unser Lied!“

Dass die Installationen und Performances, die zurzeit, wenig exklusiv, von Festival zu Festival reisen und die deren Kuratoren mit dem gleichen Konformismus anpreisen, mit dem ihr Publikum Aperol Spritz trinkt und Pasta aus Schüsseln isst, das Theater in seiner vertrauten Form verdrängen werden, ist wenig wahrscheinlich. Das hat, dramatisch oder postdramatisch, die Erfindung und Verbreitung von Film und Fernsehen überstanden. Alles spricht dafür, dass es auch die Grenzüberschreitungen zu handlungs- oder dialogarmen Künsten überdauern wird. Die Behauptung, die Installation sei jene Alternative zum Theater, die dieses ein für alle Mal ausschlösse, ist das Verdikt von Großmäulern, die Moden und sich selbst wichtig machen.

Zu dem Schaden, den sie anrichten, gehört, dass es reicht, irgendetwas als Installation zu bezeichnen, um ihm Beachtung zu spendieren. Die Wahrheit ist: unter den mehr oder weniger (meist weniger) neuen Kunstformen gibt es, ebenso wie im traditionellen Theater, gute, interessante und schlechte, epigonale und belanglose Exemplare. Wer nicht unterscheidet, gleicht einem Schwätzer, der ein Auto schon deshalb für aufregend hält, weil es kein Fahrrad ist.

Szenenfoto „Sanctuary“, Theater der Welt, Hamburg 2017, © Kerstin Behrendt

„Sanctuary“ von Brett Bailey und seiner Gruppe Third World Bunfight aus Südafrika ähnelt einem Kreuzweg, in dessen Zentrum freilich nicht ein einzelner leidender Mensch, sondern die leidende Menschheit steht. Jeweils fünf „Zuschauer“ gehen zwischen Stacheldrahtverhauen von Station zu Station, wo sie fünf Minuten lang einem sorgfältig arrangierten lebendigen Bild der Situation von Verfolgten und Flüchtlingen ausgesetzt sind. Gesprochen wird nicht. Die einzelnen Personen teilen ihre Geschichte schriftlich mit, sehen den sie betrachtenden Besuchern schweigend in die Augen. Die physische Präsenz von Menschen macht diese Arrangements so beklemmend, obwohl man weiß, dass es sich um Darsteller handelt. Und das ist, wie immer ungewöhnlich, Rollenspiel, also Theater.*

Nach dem eindrücklichen, unter die Haut gehenden Erlebnis von „Sanctuary“ ist der Schwachsinn unter dem Titel „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ umso ärgerlicher. Dass Kreuzfahrten eine langweilige Angelegenheit sind, ahnt man auch ohne diese theatralische Belehrung. Dass das niederländische Kollektiv Wunderbaum aber den Humor von David Foster Wallace – von seinem „ebenso brillanten wie ätzenden Essay“ – teilt, bescherte dem Theater der Welt eine Aufführung, die über dilettantisches Schülertheater nicht hinaus reicht. Sie unterbietet, was sie zu parodieren vorgibt. So wenig Mitteilung in so schlechter Verpackung – das war wohl der Tiefpunkt des Festivals.

Szenenfoto „Du désir d'horizons“, Theater der Welt, Hamburg © Laurent-Philippe

Erholung von dieser Unterforderung in jeder Beziehung einmal mehr beim Tanztheater: „Du désir d'horizons“ von Salia Sanou aus Burkina Faso reiht Gesten der Zuneigung und der Entfremdung, der Fesselung und der Befreiung aneinander. Getanzt wird zunächst auf der leeren Bühne, dann dienen schwarze Feldbetten als horizontale Flächen und vertikale Trennwände in unterschiedlicher Formation. Und einmal mehr zwingt uns die Begegnung mit einer hierzulande unbekannten Kultur zur Auseinandersetzung mit unserer eigenen Wahrnehmung. Warum überrascht es und reizt zum Lachen, wenn Menschen aus Burkina Faso Sirtaki tanzen, nicht aber, wenn keineswegs griechischere Deutsche das Gleiche tun?

Man kann zur Kunst eine dezidierte Meinung haben. Man kann der Ansicht sein, dass sie sich mit den gesellschaftlichen Umständen beschäftigen müsse. Dann wird man mit Mondrian, dem Schwanensee oder mit Christian Morgenstern nichts anfangen können. Man kann der Ansicht sein, dass sie sich selbst genügen müsse. Dann wird man John Heartfield, Piscator oder Charles Dickens ablehnen. Oder man kann der Ansicht sein, dass man jedes Kunstwerk, jeden Künstler an seinen eigenen Ansprüchen messen müsse.

Einen politischen Anspruch hate das Mapa Teatro aus Kolumbien mit seinem Antidrogenstück „Los incontados“ ohne Zweifel, aber es gerät nicht zu Theater, in welchem Verständnis auch immer, sondern lediglich zu einem Sammelsurium szenischer Albernheiten.

Szenenfoto „Burning Doors“, Theater der Welt, Hamburg 2017 © Nicolai Khalezin

Anders bei „Burning Doors“ und dem von London aus agierenden Belarus Free Theatre. Das Stück basiert auf den realen Erfahrungen von Maria Aljochina von Pussy Riot, die beim Gastspiel der Gruppe auch selbst Fragen beantwortet, des Aktionskünstlers Petr Pavlenskij und des Filmregisseurs Oleg Sencov. Alle drei waren oder sind in Russland inhaftiert und wehren sich mutig gegen die absurden Anschuldigungen. Das dokumentarische Material wird, ergänzt um Zitate von Dostojewski und Foucault, in stilisierten, wo die Verfolger auftreten: in satirischen Szenen verarbeitet. Die Darstellung von physischer Gewalt und Folter im Geiste von Artaud erinnert an „The Brig“ vom Living Theatre. Was „Sanctuary“ in starre Bilder bannt, wird hier durch Choreographie in Bewegung umgesetzt.

Viel Applaus, kein Zwischenruf, der die Aufführung der Lüge geziehen hätte (der kam nur schriftlich, von Leuten, die das Stück nicht gesehen hatten). Eins freilich geht nicht. Man kann nicht diesem Abend zustimmen und zugleich Putin verteidigen. Wer das tut, muss sich Schizophrenie oder Zynismus vorwerfen lassen. Er gleicht einem Menschen, der vor fünfzig Jahren dem „Lusitanischen Popanz“ oder dem „Vietnamdiskurs“ von Peter Weiss zugejubelt und Salazar oder Lyndon B. Johnson sein Vertrauen ausgesprochen hätte. Kunst, die sich politisch versteht, ist von ihrer Haltung nicht zu trennen.*

Zu guter Letzt: der Triumph des Literaturtheaters. Ein großes Risiko war „Der Blick von der Brücke“ freilich nicht. Der Regisseur Ivo van Hove ist in aller Munde, und seine 2015 entstandene Inszenierung von Arthur Millers Stück am Pariser Odéon, der eine englischsprachige Version in London vorausgegangen ist, hat schon die größeren Städte Frankreichs bereist. Ivo van Hove entbeint das Drama, in dem Miller die Einwandererproblematik mit dem psychologischen Motiv des Ziehvaters verknüpft, der die Emanzipation der anvertrauten Tochter nicht erträgt, und lässt die Schauspieler in einem entsprechend minimalistischen Bühnenbild, einem nach oben offenen Kubus, der von einer niedrigen Plexiglasschwelle begrenzt ist und nach hinten nur eine schmale Tür offen lässt, agieren. Gegen Schluss werden die Regieanweisungen gesprochen, die vorgeschriebenen Gesten aber nicht ausgeführt.

* Ich halte mich für einen ziemlich unsentimentalen Menschen. Aber „Sanctuary“ und „Burning Doors“ haben mich nachhaltig erschüttert. Ich kann nicht umhin, die Bilder von „Sanctuary“ zusammen zu denken mit meinen Großeltern, die nach Auschwitz deportiert wurden, und mit meinen Eltern, die mit nichts als einer Salami in der Tasche flüchten mussten, mit der sie den Gestapo-Mann bestachen, der ihnen den Weg durch den Wald nach Schaffhausen wies, auch mit jener Esther Neukorn, an die ein Stolperstein vor der Katholischen Akademie erinnert, in der ich mein Hotelzimmer habe, und die 1940 in eine Heilanstalt eingewiesen und noch im selben Jahr ermordet wurde. Ich kann auch kein Verständnis aufbringen für Zeitgenossen, die Ausreden finden, um Verhaftungen und Folterung im heutigen Russland zu rechtfertigen. Der Kritiker ist immer auch ein Mensch mit einer individuellen Biographie und mit Erfahrungen, von denen er nicht abstrahieren kann. Übrigens weiß ich auch, dass Flucht nicht unbedingt Elend bedeuten muss, dass es Glücksfälle gibt, wie etwa bei jenem fiktiven Syrer, der an seine Mutter schreibt, dass er jetzt bei den Hamburger Sinfonikern Violine spiele (wenn es nicht bloß eine „Lüge“ ist, um die Familie zu beruhigen). Aber auch das absolviert jene nicht, die ihn in die Flucht getrieben haben. Und wer dafür keine Empathie aufbringt, dem fehlen vielleicht die Assoziationen, die ihn selbst betreffen. Die Kunst kann keine Wunder vollbringen.

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erstellt am 10.6.2017

Szenenfoto „Sanctuary“, Theater der Welt, Hamburg 2017, © Kerstin Behrendt

Festival in Hamburg

Theater der Welt

25. Mai – 11. Juni 2017

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