Tankred Dorst begann mit zeitkritischen Stücken für Marionettentheater. Seit 1960 aber schrieb er für Schauspieler. Er gehörte zu den meistgespielten Theaterautoren. Unter den unzähligen Dramen, die er seit 1971 zusammen mit seiner Frau Ursula Ehler verfasste, ist das bekannteste „Merlin oder das wüste Land“. Am 1. Juni 2017 starb Tankred Dorst im Alter von 91 Jahren in Berlin. Ernst August Klötzke erinnert an den großen Dramatiker.

Zum Tod von Tankred Dorst

Einer, der immer fragte

Von Ernst August Klötzke

Tankred Dorst ist tot. Diesen kurzen Satz zu schreiben, fällt schwer, denn die in ihm steckende Eindeutigkeit lässt weder Zweifel noch Optionen zu.

In vielen der Meldungen über sein Ableben war zu lesen und zu hören, dass er der meistgespielte deutsche Dramatiker der Gegenwart war (das mag beeindrucken), für mich war er einfach der Lieblingsautor, dessen Sätze so voller Musik und kluger Perspektivwechsel sind.

Seine Augen bleiben mir besonders in Erinnerung, dieses jungenhafte Sprühen, aus dem zwei Phänomene gleichsam sprachen, nämlich eine lustvolle Aufmerksamkeit gegenüber der Welt und eine scheinbar immerwährende Übertragung des gerade Erlebten in die Thematik des nächsten Stückes.

Manches, über das er, Ursula Ehler und ich sprachen, fand ich später in seinen Büchern wieder, immer gewandelt in Worte, deren poetischer Gehalt aus einer sehr subtil gefassten Sprachschönheit resultierte. Nichts wurde da ausgelassen, weder mein eher jämmerlicher Gesang einiger Lieder von Henry Purcell anlässlich eines Besuches in Berlin, noch unsere Gespräche über Wagners „Ring des Nibelungen“.

Wir saßen zu dritt in einem Studierzimmer im Hessischen Staatstheater Wiesbaden, ich mit und gegen die Klavierauszüge und Partituren der Tetralogie kämpfend, Tankred Dorst und Ursula Ehler immer nach der Musik fragend, nach Motivzusammenhängen, nach Instrumenten, nach der Syntax und dem musikalischen Subtext.

Genau dies zeichnete den Menschen und Künstler Dorst aus: Er ist einer, der immer fragte und wissen wollte, und dies auch im hohen Alter, und damit in einer Lebensphase, aus der man doch eher Antworten als Fragen erwartet.

Und so sind auch seine Stücke, die mehr fragend als antwortend sind, das ist das Eigentliche und das, was bleibt.

Dorst war im besten Sinne des Wortes ein Künstler der Gegenwart, in dem sich Vergangenheit und zukünftig Mögliches fanden, einer, der immer wieder und immer anders den Menschen in seinen vielen Facetten ohne Verklärung ins Licht rückte.

In seinem Schauspiel „Herr Paul“ heißt es: „Wer lebt, stört“. Tankred Dorst wird weiter stören, und das ist gut so.

Ernst August Klötzke, geb. 1964, Komponist und Musikwissenschaftler, Professor für Musiktheorie und Vizepräsident der HfMDK Frankfurt, leitete bis 2011 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden die Musiktheater-Werkstatt und bis Sommer 2011 auch die Schauspielmusik.

Ein Tag mit Tankred Dorst, Dezember 2015

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erstellt am 09.6.2017

Tankred Dorst (1925-2017)
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