Gert Ueding, Literaturkritiker und Essayist, emeritierter Tübinger Rhetorik-Professor, erzählt in einem sehr persönlichen Buch von der Wirksamkeit, der Ausstrahlung und den Leistungen des Philosophen Ernst Bloch. Lothar Schöne hat die „Erinnerungen an Ernst Bloch“ mit Gewinn gelesen.

Gert Uedings Erinnerungen an Ernst Bloch

Wir fühlten uns alt neben ihm

Er war ein Star im kulturellen Leben der alten Bundesrepublik, ein Berühmtheit von Weltruf, und die große öffentliche Aufmerksamkeit verdankte er nicht nur seiner Arbeit, sondern auch seiner Zeugenschaft, die das ganze 20. Jahrhundert umfasste.

Gert Ueding, der Tübinger Rhetorik-Professor, erzählt in einem sehr persönlichen Buch von der Wirksamkeit, der Ausstrahlung und den Leistungen dieses Mannes. Ja – er erzählt, denn das Buch, das er über den Philosophen Ernst Bloch vorlegt, ist kein Sachbuch, sondern ein erzählerisches Werk. Das merkt man sofort auf den ersten Seiten – hier werden mit Verve und Herzblut die ersten Begegnungen, das scheue Herantasten eines jungen Mannes an den so viel Älteren, er zählte damals 76, liebevoll und plastisch dargestellt, eines Älteren, der nicht nur der „letzte deutsche Philosoph war, der originales Denken und Sprachgewalt“ mit universaler Bildung und persönlicher Autorität verband, sondern auch erstaunlich jung und energievoll wirkte: „Wir fühlten uns alt neben ihm.“

Die ersten Annäherungen geschahen nachts. Ernst Bloch suchte den Studenten Ueding in seiner Bude im Souterrain auf, weil er Tabak brauchte. Der Weg Blochs nach unten in die Studentenbude entpuppte sich als einer nach oben, jedenfalls für den jungen Gert Ueding, später sicher auch für den Philosophen. Denn zu erzählen hatten sie sich einiges. Bloch selbst war ein Erzähler par excellence, sodass seinem Gegenüber überhaupt erst aufging, was Erzählen bedeuten kann. Blochs Geschichten, Anekdoten, Legenden besaßen immer eine Pointe, und der Weg dahin war mit Spannung gepflastert. Um so eine Nachtgesellschaft kann man den jungen Ueding nur beneiden.

Doch das Erzählen, resümiert Ueding, ist in Blochs dialektischem Denken eingefangen, statt seine Philosophie zu demonstrieren und eine Theorie daraus zu bauen, sind seine „Geschichten selbst die Philosophie.“ Gern hätte der wissbegierige junge Mann ein Tonbandgerät mitlaufen lassen, doch das wäre ihm wie ein Verrat an den nächtlichen Zwiegesprächen vorgekommen. Gut, dass der Autor Ueding ein ausgezeichnetes Gedächtnis hat. Davon zu profitieren macht Freude und bringt Gewinn.

Ein Genie der Freundschaft

In sieben Kapiteln wird Ernst Bloch peu-a-peu immer lebendiger, und bald schon steht er leibhaftig vor uns. Der Erzähler Bloch wird porträtiert, der Redner, Lehrer, Autor, was ihm Freundschaft und Liebe bedeutete und, besonders schön, auch seine Frau Karola wird dargestellt („Sie besaß kein Büro, sie war es“), ebenfalls liebevoll, aber nicht unkritisch.

Worauf gründete sich der immense Erfolg des Universitätslehrers Bloch? Die Hörsäle waren überfüllt, wenn er las. Es war die „Überzeugungskraft seiner Person“, nie hat Ueding ihn „rechthaberisch erlebt oder überheblich wie so manch andere Dozenten.“ Hinzu kommt, dass Bloch die eigentümliche Sichtweise, die originelle Frage mehr schätzte als eine fertige Antwort. Ihm kam es auf geistige Weite an, und er besaß ein feines Gespür für die Stärken seiner Schüler, nicht für ihre Schwächen, wie das sonst leider allzu häufig der Fall ist.

Wunderbar, wie Ueding den Autor Bloch porträtiert. Bei ihm wurde dem Studenten und späteren Assistenten klar, dass Arbeit am Stil immer Gedankenarbeit und Arbeit am Gedanken immer Stilarbeit ist. An Beispielen macht er den „oratorischen Stil“ Blochs deutlich: die mündliche Rede habe er auf die schriftliche Form übertragen mit der Wirkung enormer Verlebendigung.

Ernst Bloch war ein „Genie der Freundschaft“, sein Leben wurde von bedeutenden Freunden begleitet, Brecht und Weill, Eisler und Klemperer und viele andere Namen tauchen auf – doch Ueding belässt es auch hier nicht mit kritikloser Aufzählung. Das Verhältnis Blochs etwa zu Walter Jens und Hans Mayer beleuchtet er sensibel und doch mit der nötigen Deutlichkeit. Bloch hat sie alle in seine Arbeit eingesponnen, bei alledem war ihm sein Werk das Wichtigste. Nachdem das Manuskript für den letzten Band an den Verlag abgegangen war, dauerte es nur wenige Tage, bis er starb. Seine Zeit hienieden war beendet – die seines Werkes mit Sicherheit nicht.

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erstellt am 04.6.2017

Gert Ueding
Wo noch niemand war
Erinnerungen an Ernst Bloch
Gebunden, 214 Seiten, 20 s/w Abb.
ISBN-13: 9783863514150
Klöpfer und Meyer, Tübingen 2016

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