Zum ersten Mal seit 1989 findet das Festival „Theater der Welt“ wieder in Hamburg statt. Thomas Rothschild hat dort die ersten Inszenierungen besucht, unter anderem „Die Weber“ nach Gerhart Hauptmann. Er berichtet außerdem von der Premiere des Stücks „Valentin“ von Herbert Fritsch am Deutschen Schauspielhaus.

Theater

Hamburg und die Welt

Die Freie und Hansestadt Hamburg hat an beiden Straßenseiten deutlich markierte Fahrradstreifen eingerichtet. Verschleudertes Geld. Die Radfahrer bevorzugen den Gehsteig und wetteifern im Fußgänger-Bowling. Angesichts dieser Rücksichtlosigkeit kann man die monatlichen Fahrraddemos für mehr Radwege in Hamburg nur als dreist bezeichnen.

Überhaupt wäre das hartnäckige Gerücht von der Ordnungsliebe der Deutschen eine Überprüfung wert. Ein Faltblatt von Theater der Welt, das noch bis zum 11. Juni währt, gibt an, die Dauerperformance „The Time Between Us“ im Hamburger Hafen sei von 25. bis 29. Mai täglich von 9:00 bis 24:00 Uhr geöffnet. Also mache ich mich, sehr zur Freude der Hamburger Verkehrsbetriebe, am 26. Mai auf die Reise in jenes Gebiet, von dem einer der Festivalleiter stolz verkündet, man habe ein „Waste Land“ zu Leben erweckt. Als ich um 11 Uhr ankomme, ist weit und breit kein Mensch, den ich nach dem Weg fragen könnte. Kein Schild verweist auf die „Special Performance“. Als ich das kleine Holzhäuschen endlich gefunden habe, steht davor ein Mann in blauem Hemd und schreibt mit Kreide etwas an die Außenwand. Ich könne jetzt nicht ins Haus, gibt mir der Künstler Bescheid, aber wenn ich um 14 Uhr wieder käme, könnte ich mir mit ihm einen Film anschauen. Ich beschließe, auf die „Zeit zwischen uns“ zu verzichten. Und wünsche mir Radfahrer, die den für sie vorgesehenen Streifen benützen, und Performer, die sich an angekündigte Zeiten halten.

Szenenfoto „500 Meters“, Paper Tiger Theater Studio © Krafft Angerer

Ein Zitat aus Marinettis „Futuristischem Manifest“ von 1909 in der Performance „500 Meters“ vom Paper Tiger Theater Studio: wer würde das bei Gästen aus China vermuten? Gleich mit drei exotischen Darbietungen fing Theater der Welt an: mit Lemi Ponifasios „Die Gabe der Kinder“, mit Tianzhuo Chens „Ishvara“ und eben mit „500 Meters“. Nach dem stellenweise zwar faszinierend schönen, insgesamt aber arg raunenden Zeremoniell von Ponifasio im 9000 m² großen, extra dafür reaktivierten Kakaospeicher im Hamburger Hafen, nach Chens monumentalem Kitsch auf einem Hakenkreuz – ja, ja, wir wissen: ein asiatisches Glückssymbol – überraschte das Paper Tiger Theater Studio durch seine Modernität und seine Weltoffenheit. Ja, das war Theater, wie man es hierzulande nicht alle Tage sieht.

Weil sich aber auch einer der Gastgeber, das Thalia Theater, in diesem Rahmen präsentieren wollte, wurde die Premiere der „Weber“ von Gerhart Hauptmann oder vielmehr „nach Gerhart Hauptmann“ kurzerhand ins Festivalprogramm aufgenommen. Bei früheren Ausgaben von Theater der Welt haben Auftritte osteuropäischer Ensembles, gerade auch aus Ungarn, für eindrucksvolle Höhepunkte gesorgt und bedeutsame Anregungen hinterlassen. Diesmal hat der Ungar Kornél Mundruczó, von Haus aus Filmregisseur, mit den deutschen Schauspielern des Thalia Theaters gearbeitet. Man muss „Die Weber“ nicht aufführen. Aber wenn man es tut, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Man kann sie als das historische Drama inszenieren, das sie zur Zeit ihrer Entstehung, 48 Jahre nach den dargestellten Ereignissen, bereits waren. Man kann zeigen, worin die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen dem Frühkapitalismus von 1844 und dem Kapitalismus von heute bestehen. Man kann Entsprechungen zwischen der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts und der Veränderung der Arbeitswelt durch Automatisierung und Digitalisierung untersuchen. Mundruczó entscheidet sich für keine dieser Möglichkeiten. Stattdessen öffnet er seinen Bauchladen der Bühnentechniken, insbesondere ihrer akustischen Dimensionen.

Es beginnt mit einer langen, einer sehr langen Ouvertüre. Zu sehen ist – nein, nicht eine Weberei, sondern eine Schneiderwerkstatt, eine Art Sweatshop, in dem, auf engem Raum, Kinder neben Erwachsenen schuften. Zu hören ist eine Geräuschsymphonie aus Hämmern, Zischen, gelegentlichem halligem Aufschrei. Das ist nicht neu. Die Gruppe Stomp beispielsweise bestreitet damit ihre Programme. Aber es ist perfekt gemacht. Fast zu schön, um erschreckend zu sein.

Der erste Akt wird dann – mal raten! richtig – als Video auf die Leinwand gebeamt, die weit mehr als die obere Hälfte der Bühne einnimmt. Dreissigers Kontor ist ein Nobelgeschäft, durch dessen Fenster das Hamburger Rathaus zu erkennen ist. Die unerlässlichen Mikroports, die schon so nicht sonderlich attraktiv sind, wirken in der Großaufnahme wie Auswüchse der Schläfen.

Szenenfoto „Die Weber“, Thalia Theater © Krafft Angerer

Der zweite Akt spielt im unteren Teil der Bühne. Die schlesischen Dialoge, die so gesprochen werden, dass man sie kaum versteht, werden als Oberuntertitel auf die noch nicht entfernte Leinwand projiziert.

Erst danach gibt sie den Blick auf den oberen Teil der Bühne frei, wo der dritte Akt mit dem Reisenden spielt. Der vierte Akt beginnt mit dem Pastor Kittelhaus unten und wird oben fortgesetzt, wo ein Warhol-Imitat herumhopst, Velvet Underground von shiny boots of leather singt und sich Dreissiger Goldbarren in den Hintern stopfen lässt. Spätestens hier hat der Regisseur jedes Gefühl für Timing verloren, und ein echter Hund fügt seinen eigenen Rhythmus hinzu. Danach bricht Dreissigers Haus, oder was an seiner Stelle zu sehen ist, malerisch zusammen.

Der Fabrikant Dreissiger ist in dieser Inszenierung weder ein Kapitalist von 1844, noch ein Unternehmer von heute, sondern eine Witzfigur. Und der alte Hilse kann im kurzen fünften Akt, wieder unten, an der Nähmaschine, nicht mehr retten, was die Regie kaputt gemacht hat. Zum Opfer gefallen ist ihr die Anklage gegen Hunger und Not, die es ja durchaus, wenngleich nicht im schlesischen Gewand, noch gibt. Dass Mundruczó mit Hauptmanns Naturalismus nichts anfangen kann, ist verständlich. Nicht das Theater, sondern das Fernsehen hat sein Erbe angetreten. Aber der Gast aus Ungarn findet keinen überzeugenden Ersatz dafür. Außer ein paar modische Accessoires. Nicht aus einer Weberei und auch nicht aus einer Näherei, wo man Jeans zerschneidet und verschmutzt, um sie teurer verkaufen zu können, sondern aus dem Theater. Aus dem Bauchladen eben.

Übrigens: Wilhelm II hat auf „Die Weber“ genau so reagiert wie Stalin auf Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“. Die Potentaten gleichen sich, jenseits der ideologischen Vorwände, aufs Haar, und das Theater bewährt sich als Katalysator. Wegen Mundruczós Inszenierung freilich wird kein Staatsmann seine Loge kündigen. Ein paar Leute haben die Vorstellung zwar verlassen – vielleicht weil das vorbereitete Essen im Atlantic kalt wurde oder weil ihnen der geschlachtete Hund auf der Bühne den Appetit zu verderben drohte –, aber politische Prominenz wurde unter ihnen nicht gesichtet. War sie überhaupt gekommen? An diesem Abend durfte sie ja keine Reden halten. Manfred Lahnstein, wenn es nicht ein Doppelgänger war, blieb bis zum Schluss, aber der hat seine politischen Ämter längst niedergelegt, um Unternehmer aus der Nachkommenschaft Dreissigers zu beraten.

Szenenfoto „Valentin“, Deutsches Schauspielhaus Hamburg © Thomas Aurin

Warum die einen Tag später erfolgte Premiere einer Inszenierung des zurzeit am meisten gepriesenen Regisseurs, von Herbert Fritsch nämlich, nicht im Rahmen von Theater der Welt stattfand, wissen wir nicht. Wollte das Deutsche Schauspielhaus nicht neben dem Thalia Theater und Kampnagel firmieren, oder hat man es nicht gefragt?

Herbert Fritsch gehört neben Christoph Marthaler und Alvis Hermanis zu den aktuellen Regisseuren, um die sich die großen Bühnen reißen. Sie gelten, jedenfalls für jene Klientel, die ein sinnliches Bildertheater einer trockenen Belehrung oder der Bestätigung des ohnedies Bekannten vorziehen, als sichere Miete. Eben erst wurde Fritschs Auseinandersetzung mit Grimms Märchen in Zürich bejubelt. Für seine jüngste Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg hat er sich Karl Valentin als Thema gewählt. „Valentin“ knüpft an „der die mann“ zu Texten von Konrad Baier an und präsentiert das Münchner Original als Vorläufer nicht des jungen Brecht, sondern der Konkreten Poesie, des Literarischen Kabaretts der Wiener Gruppe.

Ausgangspunkt ist der bekannte Valentin-Satz „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, vorgetragen hinter einer Reihe von Metronomen (ein Einfall, den auch Ruedi Häusermann schon hatte). Den „Liebesbrief“ rezitiert das Ensemble wie eine Parodie auf den Running Gag des Thalia Theaters, das im Layout seiner Plakate und Programmhefte die Wörter innerhalb der Silben trennt. Sprache und Körperbewegung stimmen bei Fritsch nicht überein, sondern werden kontrapunktisch eingesetzt. Dabei nutzt er wieder die Komik von Verrenkungen und Verzerrungen. Die Gliedmaßen schneiden sozusagen Grimassen. Wenn beispielsweise einer der Darsteller mitsamt dem seitlich umgefallenen Stuhl wie an diesen geklebt aufgerichtet wird, nähern sich Gegenstand und Sprache, Slapstick und Wortwitz einander an. Karl Valentins verquere Logik kommt im Vergleich zum Wortspiel eher kurz. Am nächsten kommt seinen Dialogen mit Liesl Karlstadt der Text „Aquarium“. Hängekulissen aus Packpapier werden kontinuierlich gesenkt und hochgezogen.

Begleitet wird das Schauspielerensemble, aus dem die zum Brüllen komische und sängerisch herausragende Ruth Rosenfeld hervorgehoben werden muss, diesmal von einer Big Band, bestehend aus Bläsern und einer Rhythmusgruppe. Einzelne „Nummern“ – etwa „Der verhexte Scheinwerfer“ – werden gesungen. Aus den Wörtern „Depperter Depp depperter“, denen schon die Popgruppe Haindling einen ihrer größten Erfolge verdankt hat, machen Fritsch und sein Komponist Michael Wertmüller ein Fugato. Gegen Ende singt das Ensemble Paul Linckes Glühwürmchen-Schlager von 1902. Ganz am Schluss, mit „Adieu, mein kleiner Gardeoffizier“ von Robert Stolz, scheint Herbert Fritsch ernst werden zu wollen, aber so recht kann man ihm das nach all dem Klamauk nicht abnehmen. Seine Formensprache ist aufs Komische festgelegt.

Ein jüdischer Witz berichtet von dem Friseur in einer Straße der Lower East Side, der ein Schild in sein Fenster hängt: „Der beste Friseur in New York.“ Der Friseur gleich nebenan hängt ein Schild aus: „Der beste Friseur in Amerika.“ Ein weiterer Nachbar verkündet: „Der beste Friseur in der Welt.“ Da hängt der vierte Friseur ein Schild aus: „Der beste Friseur in der Straße.“ In diesem Sinne kann man sagen: In Hamburg hat sich das beste Theater der Welt eingefunden. Das beste Theater in Hamburg liefert Herbert Fritsch im Deutschen Schauspielhaus.

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erstellt am 29.5.2017

Szenenfoto „Die Weber“, Thalia Theater © Krafft Angerer

Festival in Hamburg

Theater der Welt

25. Mai – 11. Juni 2017

Weitere Informationen

Theater in Hamburg

Valentin

Text Karl Valentin

Regie Herbert Fritsch
Musik Michael Wertmüller
Kostüme Bettina Helmi

Deutsches Schauspielhaus Hamburg