Philipp Mosetter, Foto: Jamal Tuschick
Philipp Mosetter, Foto: Jamal Tuschick

22. Mai 2017

Textland

Das Ehebett als Rätsel der Menschheit

Philipp Mosetter las in der Nicolaischen Buchhandlung zu Berlin bewegend aus der „Einladung“

Mit dem Dritten Reich endete das deutsche Bürgertum. Ihm folgte eine amorphe Mittelklasse, der es allerdings gelang, „eine bewohnbare Republik aufzubauen“ (Hans Magnus Enzensberger). Diese Klasse konstituierte sich als Interessenverband im Geist des Liberalismus und der Trittbrettfahrerei. Wie die Geschichte gezeigt hat, gehörten zur Erschöpfung die ausgehängten Klotüren von Achtundsechzig, so wie eine ganze Reihe von Tor- und Feigheiten auf dem Grenzgang zwischen Bourgeois und Citoyen. Mit einer Neigung zum Mutwillen beschwört Philipp Mosetter in der „Einladung“ den von Grund auf erschlafften Charakter eines (von einer Magda einst) mitgenommenen Ach-du-bists aka „depressiven Nichts“, dem eine Gegend nur lieblich genug erscheinen muss, um ihn vom Kurs seiner Grundsätze abzubringen. In der Nicolaischen Buchhandlung unterschied Mosetter das erzählende Ich nicht von sich. Abgesehen vom mitschreibenden Kollegen waren nur Frauen erschienen, ein gelöstes Aufkommen. Es plauderte ergänzend und unterstützend in den Vortrag. Mosetter war angespannt. Er vibrierte, vielleicht war dem im Schwarzwald geborenen Badener der Abstand zum Auditorium zu gering. Gelegentlich schilderte er die näheren Umstände seiner Herkunft als beinah mysteriöse Angelegenheit mit Erregungen bis in die Kurpfalz. Mosetter trug sich schottisch, das Klanmuster seiner Jacke könnte die Chieftains hochländischer Grahams ausgezeichnet haben.

Ich steckte den Erzähler in die Jacke des Autors. Darin beschließt er seinen Geburtstag zu feiern, nach Jahrzehnten der Enthaltsamkeit. Er schleift das Monument seines Eigensinns, indem er zum ersten Mal die titelstiftende Einladung ausspricht. Damit beginnen die Schwierigkeiten, als unvorhergesehene „Folgen einer Harmlosigkeit“. Judith, Rita, Helene, Frieder, Konrad und Sam müssen am Tag der Bewährung mit einem Mietwagen vom Flughafen abgeholt werden. Leichter und sinnvoller wäre es gewesen, ihnen rechtzeitig die Freundschaft zu kündigen.

Eine Leichtfertigkeit wird für alle zur Last. Wer wüsste nicht besseres, als im Morgengrauen einzuchecken und im Nirgendwo einer vormittaglich-vorstädtischen Landschaft zu landen? Philipp sieht Raubtiere Absperrungen überwinden. Plötzlich erscheint jede Beiläufigkeit als getarnte Invektive. Warum sagt der das so? Das kann doch nur fies gemeint sein. Philipp, „der das Ehebett für eine der großen Rätsel der Menschheit“ hält, lässt an eine dreißigjährige Jungfrau denken, die einer Erfahrung hinterher hechtet, die bei allen anderen längst ordentlich im Egal verstaut ist. Er macht sich zu viele Gedanken. Drei eingeladene Paare erklärt er zu Delegierten seiner Vergangenheit, andere müssen für Philipps Gegenwart geradestehen.

Mosetter unterbrach sich, um tragische Vorfälle einzustreuen, die er als (nummerierte) „Kurzromane in drei Sätzen“ verstanden wissen wollte. Ihnen gemeinsam war die sich loriotisch wegduckende Pointe als altmodischer Stilbeweis. Sie passten zu Mosetters Jackett und Philipps, die Fröhlichkeit eines Leichenschmauses entbehrende Geburtstagsfeier.

Philipp Mosetter, Die Einladung. Ein Protokoll, Edition Faust, 192 Seiten

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erstellt am 22.5.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.