Das veneziansiche Teatro La Fenice hat die Inszenierung der Verdi-Oper „La Traviata“ von Robert Carsen aus dem Jahr 2004 wiederaufgenommen. So stimmig, so am rechten Ort ist einem das herzergreifende Melodram, sind einem die vertrauten Melodien noch nie erschienen, meint Thomas Rothschild.

Oper

Es regnet Geldscheine

Die schmale Fassade zwischen Restaurants und Kirche lässt die Dimensionen des nach dem Brand im Jahr 1996 nahezu originalgetreu wieder aufgebauten Teatro La Fenice nicht erahnen. Hat man den Saal betreten, versteht man, das dieses fünfstöckige Logentheater in Venedig als eins der schönsten Opernhäuser der Welt gilt.

Was einem dann, bereits bei den ersten Takten, sofort auffällt, ist die phänomenale Akustik. Noch in der letzten Reihe hat man den Eindruck, als säße man mitten im Orchester.

Ein weiteres Mal hat das Teatro La Fenice die Inszenierung der „Traviata“ des Kanadiers Robert Carsen aus dem Jahr 2004 wiederaufgenommen. Die gemäßigte Moderne dieses Opernroutiniers ist geeignet, ein traditionalistisches ebenso wie ein aufgeschlosseneres Publikum zufriedenzustellen. Die Abweichungen vom Gewohnten betreffen Details, nicht etwa, wie bei Peter Konwitschnys Grazer Version, die Gesamtkonzeption.

Schon während der Ouvertüre werfen distinguierte Männer, einer nach dem anderen, Violetta Geldscheine hin, die diese triumphierend entgegennimmt. Im zweiten Akt dann zeigt das Bühnenbild von Patrick Kinmonth nicht das Landhaus, in das sich Alfredo und Violetta zurückgezogen haben, sondern einen Wald, in dem Geldscheine wie zur Erinnerung an Violettas Vergangenheit als Nobelhure von oben herab flattern. Dieses symbolistische Bühnenbild erleichtert nicht eben die Auf- und Abtritte. Später kehrt die Waldmetapher als zerrissene Tapete wieder: die Reminiszenz an das verlorene Idyll. Für eine Rückkehr ist es, nach dem Gesetz des Melodrams, zu spät. Violetta muss, wie Mimi in der „Bohème“, nach kurzer Euphorie an Tuberkulose sterben.

Traviata am Teatro La Fenice
Traviata am Teatro La Fenice (Screenshot)

Die Einstimmung auf das Motiv des Geldes wird dem Libretto und dessen Vorlage von Alexandre Dumas nicht ganz gerecht. Violetta verkauft ja ihr Hab und Gut, um das Zusammenleben mit Alfredo zu ermöglichen. Und auch dessen Vater Giorgio Germont, der sie bittet, Alfredo frei zu geben, damit seine Tochter nicht wegen der Familienschande von ihrem Freier verlassen wird, handelt, genauer betrachtet, zwar zunächst nicht gegenüber der gesellschaftlich verachteten Traviata, der „vom rechten Weg Abgekommenen“, aber gegenüber der Tochter verantwortungsvoll. Nicht er, sondern der in der Oper nur erwähnte, aber nicht auftretende Schwiegersohn in spe repräsentiert die bürgerliche Doppelmoral.

In der zweiten Hälfte des zweiten Akts treten nicht Chorsänger als Zigeuner und als Stierkämpfer auf. Sie singen nur, an Tischen sitzend, die vorgesehenen Partien, während Nachtclubtänzerinnen und -tänzer auf einer kleinen Bühne die Verkleidung übernehmen. Na ja.

Über die Aktualität des Librettos, auf die Robert Carsen, auch mit den Kostümen, abhebt, kann man unterschiedlicher Meinung sein. Im neunzehnten und im frühen zwanzigsten Jahrhundert war das Motiv einer Männergesellschaft, die bereit ist, für Liebesdienste zu bezahlen, die Frauen aber, die die Leistung erbringen, verachtet, in der Literatur weit verbreitet, von Dostojewski bis zu Arthur Schnitzlers „Spiel im Morgengrauen“. Violetta darf einen Salon führen, in dem die Gesellschaft verkehrt. Lieben und heiraten darf die Prostituierte nach deren Normen nicht. Nur das Geld macht sie unabhängig – wie Schnitzlers zur wohlhabenden Geschäftsfrau avancierte Leopoldine. Dass sich eine Frau die Ehrbarkeit erwerben kann, indem sie einen reichen Mann heiratet, dem sie als Gegenleistung ihren Körper lebenslang zu Verfügung stellt, stört die Allgemeinheit heute ebenso wenig wie zu den Zeiten, da man noch von Vernunftehe sprach.

Die gegen Ende immer nüchterner werdende Inszenierung beraubt die Story ihres sentimentalen Emotionsdrucks, überlässt ihn ganz der Musik. Aber das ist wohl so beabsichtigt.

Die Hauptrollen sind während der aktuellen Aufführungsserie, die bis zum 16. Juli dauert, doppelt und dreifach besetzt. Bei der Premiere sang Jessica Nuccio die Titelrolle, makellos schön bis in die Höhen, treffsicher und kraftvoll in den Koloraturen: eine Violetta, die man sich besser nicht wünschen kann. Leonardo Cortellazzi, der als Alfredo für den vorgesehenen Piero Pretti eingesprungen war, verfügt über eine nicht ganz so kräftige Stimme, aber über die nötige Italianità, den Schmelz (oder sollte man doch sagen: das Schmalz), dem nicht nur die Frauen auf der Bühne verfallen. Den alten Germont singt, als einzige Besetzung in allen Vorstellungen, Luca Grassi, ein intonationssicherer Bariton, der sowohl die Strenge des fordernden wie auch die Milde des geläuterten Vaters musikalisch umzusetzen vermag.

Am Pult stand bei der Premiere der aktuelle Chefdirigent des Teatro La Fenice, der Venezolaner Diego Matheux. Dass er und das Orchester in ihrem Element waren, ließ nicht nicht verheimlichen. Und dass hier, in diesem Saal, vor 164 Jahre die Uraufführung von Verdis wahrscheinlich süffigster Oper stattgefunden hat, mag als Anekdote abgehakt werden. Und doch scheint der genius loci den Besucher in den Bann zu schlagen. So stimmig, so am rechten Ort ist einem das herzergreifende Melodram, sind einem die vertrauten Melodien noch nie erschienen.

Videotrailer: Traviata am Teatro La Fenice

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erstellt am 21.5.2017

Traviata am Teatro La Fenice (Screenshot)

Oper in Venedig

La Traviata

Von Giuseppa Verdi

Inszenierung Robert Carsen
Bühne und Kostüme Patrick Kinmonth
Choreography Philippe Giraudeau

Teatro La Fenice