Das Programm der Ludwigsburger Schlossfestspiele erstreckt sich weit über Genre- und Nationalitätengrenzen hinweg und erfordert, um die Qualität der künstlerischen Angebote einigermaßen auszubalancieren, eine weise Planung, die es ohne Risiko nicht geben kann. Thomas Rothschild beschreibt, was daran gelungen ist.

Ludwigsburger Schlossfestspiele

Was einige Herren nicht leiden können

Was den Salzburger Festspielen recht ist, ist den Ludwigsburger Schlossfestspielen billig. Der Kunstgenuss bedarf eines verbalen Überbaus. Also muss eine Rede an den Anfang, und man ist dankbar, wenn die nicht von einem Politiker gehalten wird und einem die austauschbaren Phrasen erspart. Zwar haben die Vorträge in der Regel nichts zu tun mit dem, was dann über mehrere Wochen hinweg folgt, aber sie verleihen ihm eine intellektuelle Weihe wie früher der obligatorische „Kulturfilm“ des Vorprogramms dem läppischen Spielfilm im Kino. Philipp Blom, dem man offenbar gesagt hatte, dass er über alles reden dürfe, nur nicht über fünfzehn Minuten, sprach über die durch das Festival-Motto vorgegebenen „Farben der Freiheit“ – gemeint waren bei ihm das Rot, Blau, Weiß der französischen und der amerikanischen Flagge –, und zwar, wie es sich bei dem Thema geziemt, frei, und man darf ihm attestieren, dass er genau den Ton fand, in dem sich Allgemeinverständlichkeit und Seriosität treffen. Ein Festvortrag also ohne Pathos, das sich bei dem Gegenstand anböte, aber auch ohne Banalität und Anmache. Dass die Freiheit der Einen auf der Unfreiheit der Anderen beruhe – Blom erinnerte nicht nur an den Genozid und die Sklaverei, die die Grundlage der viel gerühmten amerikanischen Freiheit bilden, sondern auch an weniger drastische Ausbeutung hierzulande –, ist eine unbequeme Wahrheit, die gemeinhin verschwiegen wird. Jedenfalls von den Nutznießern der Freiheit.

Nach den Worten – die nicht weniger gedankenreiche Musik: Gautier Capuçon spielte mit dem Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele unter ihrem Leiter Pietari Inkinen eins der wenigen halbwegs bekannten Cellokonzerte des 20. Jahrhunderts, das erste von Dmitri Schostakowitsch. Ein guter Anfang: dramatisch und zugleich eingängig, ein Bekenntnis zur Herausforderung und doch – was man Schostakowitsch gelegentlich und ungerechterweise zum Vorwurf macht – auch für ein breiteres Publikum zugänglich. Immerhin hat der große Mstislav Rostropowitsch, dem das Konzert gewidmet ist, es immer wieder aufgeführt.

Danach eine – wie sich zeigte: zu Unrecht – außerhalb Finnlands fast unbekannte Komposition: die Lemminkäinen-Suite von Jan Sibelius. Pietari Inkinen wollte sie in geradezu missionarischem Eifer dem Ludwigsburger Publikum vorstellen. Bei seinem ersten Versuch im vergangenen Jahr musste er das Konzert wegen eines falschen Bombenalarms abbrechen. Diesmal konnte er das monumentale, aufwendig instrumentierte und – wie bei vielen skandinavischen und osteuropäischen Komponisten – unüberhörbar von heimischer Folklore inspirierte Werk bravourös und mit heftigem Applaus gekrönt zu ende bringen. Apropos Farben der Freiheit: Ganz nebenbei dokumentierte der Abend, dass sich die Rezeptionsgeschichte in den Künsten nicht auf Zensur und Verbote reduzieren lässt. Sibelius wurde fast ein halbes Jahrhundert vor Schostakowitsch geboren. Seine Lemminkäinen-Suite aber wurde erst 60 Jahre nach ihrer Entstehung, nur drei Jahre vor der Uraufführung von Schostakowitschs erstem Cellokonzert, in Deutschland uraufgeführt. An Stalin lag das nicht. Die Farben der Freiheit – wenn man denn das Recht des Künstlers, gehört zu werden, dazu zählt – lassen sich nicht allein aus Flaggen extrapolieren. Der greise Jean Sibelius, der das Glück hatte, 91 Jahre alt zu werden und so die um 58 Jahre verzögerte Drucklegung der bis dahin mehrfach überarbeiteten Suite noch zu erleben, hat sie so kommentiert: „Es ging wie es ging, weil einige Herren meine Legenden nicht leiden konnten.“

Aly Keïta am Balafon
Aly Keïta am Balafon
In the Country © Jorn Stenersen
In the Country © Jorn Stenersen

Wie um die ganze Spannbreite der Ludwigsburger Konzeption auszuloten, wurde der Eröffnungsrede ein Exempel außereuropäischer Kultur, ein Solo von Aly Keïta am Balafon, einer afrikanischen Spielart des Xylophons, vorangestellt und folgte dem Eröffnungsabend ein Kontrastprogramm. In der Alten Kelter von Bietigheim, einem besonders schönen Veranstaltungsraum, der in früheren Jahren regelmäßig von den Ludwigsburger Schlossfestspielen genutzt wurde, fand nach einer längeren Pause ein Konzert mit der norwegischen Sängerin Solveig Slettahjell, dem Gitarristen und Mundharmonikaspieler Knut Reiersrud und dem Trio In the Country, bestehend aus Morten Qvenild (p), Roger Arntzen (b) und Pål Hausken (dr) statt. Zu Recht stellt die Sängerin zusammen mit ihren Musikern den Tontechniker vor: Die Manipulation am Mischpult ist ein integrierter Bestandteil des Outputs. Die Versionen von Standards des Gospel und des Jazz wie „Trouble In Mind“ oder „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“ klingen vertraut und fremd zugleich durch die Durchdringung mit unorthodoxen Harmonien sowie durch die ungewöhnlich langsamen Tempi. Solveig Slettahjell hat eine „große“ Stimme, aber nicht das, sondern deren differenzierter, fast instrumentaler Einsatz macht ihren Vortrag so aufregend. Dass die Sängerin Erfahrungen über den Jazz hinaus hat, ist offenkundig. Zu ihrem Repertoire gehört beispielsweise Peter Gabriels „Mercy Street“. Einflüsse von Joni Mitchell, Cassandra Wilson oder Diana Krall, entfernt sogar von Mahalia Jackson sind erkennbar, aber auch die Beschäftigung mit der norwegischen Volksmusik, die durch Manfred Eichers ECM- und Siggi Lochs ACT-Label (auf dem das Programm des Konzerts vor knapp zwei Jahren konserviert wurde) in Deutschland bekannt wurde, mischt sich in ihren ganz spezifischen Jazz.

Am dritten Abend dann, in Kooperation mit dem Forum am Schlosspark, das Nederlands Dans Theater 2, die Nachwuchstruppe des weltberühmten Balletts aus Den Haag. Vier Stücke standen auf dem Programm. Es begann fast klassisch mit einem Pas de deux von Sol Léon und Paul Lightfoot, das die sehnsuchtsvolle, melancholische Stimmung von Schuberts Streichquintett C-Dur ins Tänzerische transformierte und bruchlos überging in eine Folge von Konstellationen, für die Mitglieder der Truppe zu sehr unterschiedlichen Musikfragmenten zwischen sich verschiebenden Paravents ebenfalls von Léon und Lightfoot choreographiert.

Deutlich entfesselter und expressiver waren die Choreographien von Edward Clug und Johan Inger. Beide bevorzugen groteske Gesten und eckige Bewegungen sowie den Dialog zwischen dem aus nur 16 Mitgliedern bestehenden Ensemble und den Solisten, die sich aus ihm herauslösen. Die suggestive Musik zu Clugs „Handman“ lieferte Milko Lazar, der seit Jahren eng mit dem im nahen Stuttgart gern gesehenen rumänischen Choreographen zusammenarbeitet: eine höchst fruchtbare und kongeniale Partnerschaft. In Johan Ingers „Out of Breath“, das sich einem kurzen Handlungsballett annähert, rennen die Tänzer immer wieder gegen eine schräge gebogene Wand an, versuchen sie zu überwinden, verschwinden hinter ihr. Von „Schubert“ hierher ist es ein weiter Weg.

Wahrscheinlich könnte Salif Keïta auch „Die schöne Müllerin“ oder die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ singen. Aber er schert sich nicht um die deutsche Lied- und Leitkultur. Stattdessen bringen er und seine Band den Saal mit ihrer repetitiven afrikanischen, dabei aber keineswegs puristischen Musik zum Tanzen. Diese Authentizität, diese Übereinstimmung von Material und Interpretation verstärkte den Eindruck vom Vorabend, dass der Flame Jeroen Berwaerts ein völlig schiefes Bild von seinen Fähigkeiten hat, wenn er mit den Blechbläsern der Ludwigsburger Schlossfestspiele von Gabrieli und Händel zu Spirituals und Gershwins „Summertime“ wechselt. Zu steifen Arrangements singt er „straight“, als hätte er noch nie etwas von Blue Notes gehört. Mit Jazzfeeling hat er so viel zu tun wie die Schelde mit dem Mississippi. Bei aller Liebe zu Grenzüberschreitungen und zu wechselseitigen Befruchtungen verschiedener Kulturen: diese Adaptionen waren nur peinlich. Zu allem Unglück hatte Berwaerts auch noch ein Spiritual ausgewählt, das Solveig Slettahjell wenige Tage zuvor meisterhaft dargeboten hatte. Wären der singende Trompeter und seine Bläser doch in der Renaissance und im Barock geblieben. Auch ihr Ausflug zu einem zeitgenössischen Komponisten wirkte wie der missglückte Versuch, der Spezialisierung auf Alte Musik zu entrinnen. Die „Distant Horizons“ des Schweden Tobias Broström sind leider so schwach, dass man bei dem Konzert gerne auf sie verzichtet hätte. Dabei hatte es mit Monteverdi und der Nutzung der Raumakustik, des Halls in der Ludwigsburger Stadtkirche so schön angefangen.

Die Kooperation mit dem Forum am Schlosspark hat den Ludwigsburger Schlossfestspielen ein Orchesterkonzert beschert, das beispielhaft den Mittelweg zwischen Zugänglichkeit und Vermeidung von Unterforderung beschritt und zugleich von dramaturgischer Logik zeugte. Am Anfang und am Ende standen die Tondichtungen von Generationsgenossen – „Die Toteninsel“ nach Arnold Böcklins bekanntem Bild von Sergej Rachmaninow und „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss. Dazwischen: das Violinkonzert von Antonín Dvořák. Solistin war die international gefeierte Koreanerin Hyeyoon Park. Im zweiten Teil des Konzerts saß sie im Publikum und spendete der Konzertmeisterin der Robert-Schumann-Philharmonie aus Chemnitz begeistert Beifall. Zu Recht. Die nämlich zeigte sich in „Heldenleben“ als ebenso virtuose wie musikalisch differenzierende Violinistin, der Strauss einen ausufernden Solopart komponiert hat.

Schon bei Rachmaninow hatte das Orchester unter der präzisen Stabführung von Felix Bender fasziniert durch die düstere musikalische Stimmung, die Profilierung der einzelnen Instrumentengruppen. Bei Strauss durfte es seine Ausdrucksvielfalt steigern, der Fantasie der Zuhörer freien Raum lassen. Ganz konnte man sich freilich der Beurteilung durch Romain Rolland – „Die Deutschen haben jetzt ihren Hymniker des Sieges“ – nicht entziehen, auch wenn das Programmheft versucht, das „Dokument seiner Zeit“ vom Verdacht der Verherrlichung des „prunkenden ‚Heroismus‘ Wilhelms II.“ freizusprechen.

Die Ludwigsburger Schlossfestspiele dauern bis zum 22. Juli.

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erstellt am 13.5.2017

Pietari Inkinen, Foto Jan David Günther
Pietari Inkinen, Foto Jan David Günther
Gautier Capuçon © Fabien Monthubert (Warner)
Gautier Capuçon © Fabien Monthubert (Warner)
Salif Keïta
Salif Keïta