Benjamin Britten: Tod in Venedig

Apollo oder Dionysos

Benjamin Britten hat für seine Oper nach Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ die Rollen des Knaben Tadzio und seiner polnischen Familie mit Tänzern besetzt. Ihnen fehlt die gemeinsame Sprache, die Sprache der Oper, der Gesang. Ein genialer Einfall (und wenn hier das Wort „genial“ benutzt wird, ist es in seiner ursprünglichen Bedeutung zu verstehen, nicht wie in einem „genialen“ Schokoriegel oder einem „genialen“ Lederpflegemittel). Mit den Balletteinlagen der englischen Semi-Opera hat das nichts mehr zu tun. Die Aufspaltung des Ensembles in Sänger und Tänzer ist dramaturgisch begründet und ist Teil der Aussage.

Da lag es nahe, die Regie am Stuttgarter Opernhaus einem bewährten Choreographen anzuvertrauen, und Demis Volpi hat die Herausforderung bravourös bestanden. Dass er vom Ballett kommt, konnte man dem einen oder anderen Detail anmerken, im Wesentlichen aber beschränkte er sich choreographisch auf die Tänzer, ließ er sich bei den Sängern und beim Chor auf eine minutiöse Figurenzeichnung, auf opernadäquate Arrangements ein. Volpi hat den von Britten und seinem Librettisten Myfanwy Piper vorgeschriebenen Tänzern allerdings einen weiteren hinzugefügt: Apollo, der bei Britten nur als Stimme vorhanden ist.

Der Tod in Venedig
Auf dem Bild: David Moore (Apollon), Matthias Klink (Gustav von Aschenbach) Foto: Oper Stuttgart

Die Ausstattung von Katharina Schlipf verzichtet vollständig auf venezianische Reminiszenzen. Stattdessen bewegen sich graue Milchglaswände auf der Bühne und eröffnen für die einzelnen Szenen entsprechende Räume. Kofferkulis, wie man sie in Hotels verwendet, ersetzen einleuchtend und witzig zugleich die Gondeln. Der Chor wird als Karikatur heutiger Touristen verkleidet und bildet einen scharfen Kontrast zu Gustav von Aschenbach im schwarzen Anzug und Rollkragenpulli. Tadzio in der Badehose wiederum kontrastiert zu seiner Verkörperung in Aschenbachs Fantasie, zum vergoldeten Apollo.

Am Ende steht der tote Gustav von Aschenbach auf, geht an die Rampe und verneigt sich: der Sänger tritt aus seiner Rolle, die Kunst überlebt.

Bekanntlich hat Benjamin Britten diese, seine letzte Oper auch als Liebeserklärung an seinen Lebensgefährten Peter Pears geschrieben. Für ihn steht die Hauptrolle so ausladend im Mittelpunkt wie kaum eine Solistenrolle der Opernliteratur. Matthias Klink singt und spielt diesen Aschenbach, als hätte er sich die Figur, ihre Sehnsucht nach (auch sängerischer) Schönheit einverleibt. Der anhaltende Applaus am Ende war mehr als berechtigt. Mit dem Bariton Georg Nigl in mehreren Rollen stand ihm allerdings ein „Mephisto“, ein Dantesker „Vergil“ gegenüber, der ihm stimmlich um kein Deut unterlegen ist. Mit anderen Worten: musikalisch ist die Stuttgarter Aufführung, dirigiert von Kirill Karabits, zumindest ebenso ein Leckerbissen wie inszenatorisch.

Der Tod in Venedig
Auf dem Bild: Matthias Klink (Gustav von Aschenbach), Gabriel Figueredo (Tadzio), (Tadzios Freunde) Foto: Oper Stuttgart

„Der Tod in Venedig“, bei Thomas Mann ebenso wie bei Benjamin Britten, gilt ja als Vorzeigewerk für die Verschlüsselung von Homosexualität – der Autoren wie der Figuren – in der Kunst. Was in Brittens Oper und in der Stuttgarter Inszenierung fasziniert, ist die Virtuosität, mit der die (homo)erotische und die kunsttheoretische Dimension mit einander verflochten werden. „Liebe Schönheit, Vernunft und Form“ singt Apollo. Und Dionysos hält dagegen: „Schlage die Trommeln. Stolpere in den wirbelnden Tanz.“ Der Streit zwischen apollinischem und dionysischem Prinzip, die Ineinssetzung von sublimierter Sehnsucht nach dem Knabenkörper und nach der Regenerierung der entschwindenden Schöpferkraft, nach der absoluten Schönheit ist hier, um den Preis des Skandals, den das für eine in (pseudo)moralischen Kategorien denkende Öffentlichkeit bedeutet (und vor 44 Jahren noch viel mehr bedeutet hat), in idealer Weise in das Medium des Musiktheaters umgesetzt.

Für eine differenzierte Auseinandersetzung mit Brittens Oper und insbesondere dem Libretto, auch der möglichen „Verklärung der Pädophilie“, verweise ich auf Alban Nikolai Herbsts gescheite Analyse einer aktuellen Inszenierung durch Graham Vick an der Deutschen Oper Berlin mit dem auch für die Stuttgarter Inszenierung gültigen Satz: „So ist diese Oper imgrunde ein durchgehaltener Monolog, in den immer wieder Außenreize hineinfahren.“

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erstellt am 08.5.2017

Der Tod in Venedig
Auf dem Bild: David Moore (Apollon), Foto: Oper Stuttgart
Oper

Der Tod in Venedig | Death in Venice

von Benjamin Britten
in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere 7. Mai 2017
Koproduktion der Oper Stuttgart und des Stuttgarter Balletts
Weitere Aufführungen