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Das Trauma der verschlossenen Tür

Karine Tuils neuer Roman „Die Zeit der Ruhelosen“ ist als psychologische Studie und Thriller eine Klasse für sich

François Vély ist immun gegen Schockelemente. Die Wände seiner Villa decken Bilder, die andere verstörend oder erregend finden, dem Hausherrn aber nur den Hauch einer ästhetischen Befriedigung verschaffen. Das muss man wissen, um zu begreifen, wie es dahin kommen kann, dass ein Mann von überragendem Format und Vermögen sich selbst der Internationale des verurteilenden Facebook-Prekariats zum Fraß vorwirft. Für ein Porträt seiner in ihrer Spannweite kaum darstellbaren Persönlichkeit posiert der Unternehmer auf Bjarne Melgaards umstrittener Pornpop-Plastik Black woman in the shape of a chair. Er entspricht der Bitte eines Fotografen, das Objekt zum Schauplatz seiner mit Yoga und Diät in perfekter Form gehaltenen Erscheinung zu machen. François übersieht nonchalant „die politische Brisanz“ und den Kommentarcharakter der Inszenierung. Von der Empörungsindustrie an den medialen Pranger gestellt und als Rassist gegeißelt, erschöpft sich seine Selbstverteidigung in der Überzeugungskraft eines feuchten Händedrucks.

Ein Snob sackt durch – François repräsentiert eine von drei Absturzvarianten, denen Karine Tuil in ihrem jüngsten Roman nachgeht. „Die Zeit der Ruhelosen“ ist als psychologische Studie und Thriller eine Klasse für sich, sehr gut geschrieben und so belebend wie ein Fahrvergnügen. Die Autorin steuert das Scheitern ihrer Helden von biografischen Zentralpunkten an. François’ Vater, ein Mann der Résistance, stellte einst Buchstaben um. Zum Zweck einer Neuerfindung als reibungslose Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in Frankreich machte er Vély aus Lévy. Nun setzt ein jüdisch eifernder Sohn dem katholisch Angepassten zu.

Romain Roller, Alpenjäger im Offiziersrang, verliert in Afghanistan seine soldatische Zuversicht und den Glauben an Frankreich. Der Chasseur alpin mit maghrebinischem Migrationshintergrund überlebt einen als Hinterhalt deklarierten Planungsfehler, während befreundete Untergebene aus seiner Banlieue zerfetzt werden.

Am Ende eines abseitigen Aufstiegs trainiert der schwarze Sozialarbeiter Osman Diboula (aus Clichy-sous-Bois) an der Seite des französischen Präsidenten, bis er nach einem Kurzversagen seiner Selbstbeherrschung als „Casting-Fehler“ abgehakt wird. Die Deklassierung zersetzt ihn. Sie zerstört das Verhältnis zu seiner im Aufstiegsfieber kochenden Gefährtin. Osman vergeht vor Scham, dem „Nährboden für überschäumende Wut, brennenden Ehrgeiz und Rachegelüste“. Er erfährt „das Trauma der verschlossenen Tür“, das ihn, in einer genial erzählten Zusammenführung, mit Romain und François verbindet. Kein Schwarzer, kein Araber und kein Jude erhält (so sagt es Tuil) in Frankreich Zugang zum inneren Kreis der Macht.

In einer als Resort allgemein zugänglichen „Dekompressionskammer“ für heimkehrende Teilnehmer an der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) in Paphos auf Zypern begegnet Romain der Journalistin Marion Decker. Wegen ihr sprang François’ erste Frau Katherine aus dem Fenster und die mitarbeitende Geliebte Sophie aus ihrer Fassung. Die neue Gattin führt den ausgebrannten Oberleutnant in die Hörigkeit. Auf dem Weg dahin versagt er gegenüber seiner Familie.

Romain betrachtet sich nun als Wanderer zwischen den Welten der Lebenden und der Toten. Ausgerechnet die fatale Marion reanimiert seine sensitiven Stummel. Er öffnet sich einer gefährlichen Frau, während François die (Marion zuliebe) abgehalfterte Sophie gefährlich wird.

Ein Schmetterling schlägt in Rott am Inn gedankenverloren mit den Flügeln und löst so eine Reaktionskette aus, in deren Verlauf ein Erdbeben vor Papakolea Beach einen Tsunami auf die Reise nach Japan schickt. In „Zeit der Ruhelosen“ werden drei einander so absurd fern wie in dem Bild vom Schmetterling vor sich hin rollende Steine gleichzeitig angehalten. Im Folgenden erlebt François die von Vernichtungswut befeuerte Skandalisierung seiner Person, zurecht, wie seine Tochter findet, die Kafkas Brief an den Vater zur Vorlage einer Abrechnung macht. Osman kehrt als Versager zurück ins Ghetto. Romain füllt seine innere Leere mit bausteinartigen Nachahmungen richtigen Lebens.

Dann übernimmt es Osman, François zu verteidigen, Romain lässt sich von einer Sicherheitsfirma anheuern, plötzlich sind alle in Bagdad – und die Spannung steigt.

Karine Tuil, Die Zeit der Ruhelosen, Roman, aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff, Ullstein Buchverlage, 502 Seiten

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erstellt am 01.5.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.