Zum 50-jährigen Bestehen der Murnau-Stiftung ist eine Edition mit sechs restaurierten Filmen erschienen. Sie enthält die Stummfilme „Zapatas Bande“ von Urban Gad, „Als ich tot war“ (von und mit Ernst Lubitsch) und „Asphalt“ von Joe May. Auch die Komödie „Viktor und Viktoria“ von Reinhold Schünzel, Helmut Käutners „Romanze in Moll“ und „Madeleine und der Legionär“ von Wolfgang Staudte finden sich in der Edition, die Thomas Rothschild empfiehlt.

DVD

Jenseits des Heimatfilms

Zu ihrem fünfzigjährigen Bestehen hat die in Wiesbaden ansässige Murnau-Stiftung eine Jubiläumsedition mit sechs restaurierten Filmen auf fünf DVDs auf den Markt gebracht. Am Anfang stehen die frühen mittellangen viragierten Stummfilme „Zapatas Bande“ und „Als ich tot war“ von Urban Gad und Ernst Lubitsch. Zugegeben, sie sind keine Meisterwerke. Aber sie machen deutlich, dass sich der Film seither eher technisch als künstlerisch weiterentwickelt hat. Noch ist ihnen die Herkunft aus der Jahrmarktsunterhaltung anzumerken. Sie bauen auf Typen-, Verkleidungs- und Situationskomik und auch auf Elemente der Schauerliteratur. Und sie nützen die Möglichkeiten, die den (Stumm)Film vom Theater unterscheiden: die Außenaufnahme, die Parallelmontage, die zeitraffende Inszenierung einer andauernden Konstellation (vorbildlich in der Schachszene bei Lubitsch). Immerhin kann man bei Gad die knapp 23-jährige Asta Nielsen in einer halben Hosenrolle bewundern und bei Lubitsch ihn selbst als Darsteller eines geplagten Ehemanns.

Ein Meilenstein der deutschen Filmgeschichte

1929, kurz bevor der Tonfilm technisch so weit entwickelt war, dass er zum Standard wurde, drehte Joe May den abendfüllenden Spielfilm „Asphalt“, und der ist nun wirklich ein Meilenstein der deutschen Filmgeschichte. Er zählt wie der zwei Jahre davor entstandene experimentelle Dokumentarfilm „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“ von Walter Ruttmann zu den Filmen, die, parallel zu gleichzeitig veröffentlichten Romanen, die Großstadt im Allgemeinen und Berlin im Besonderen thematisierten. Der Einfluss des russischen Films der zwanziger Jahre ist in den Stadtszenen unübersehbar. Im Vordergrund aber steht die eher kammerspielartige Handlung. Die zu jener Zeit ebenfalls beliebten Motive der Femme fatale und der eleganten Verbrecher erlangen ihre besondere Ausprägung durch Günther Rittau, den Kameramann von Fritz Langs „Nibelungen“ und „Metropolis“ und, 1930, des „Blauen Engels“. „Asphalt“ ist ein Musterexemplar für die Sprache der Großaufnahme, die Béla Balázs in den Mittelpunkt seiner Filmtheorie gestellt hat.

Ganz anders: Reinhold Schünzels „Viktor und Viktoria“ von 1933, ein frühes Beispiel für das Genre des Filmmusicals. Von hier führt ein direkter Weg zu „La La Land“. In Abwandlung von Stephan von Salas Urteil aus Arthur Schnitzlers „Einsamem Weg“ über die junge Generation seiner Zeit „Mehr Haltung und weniger Geist“ könnte man über den Oscar-Favoriten sagen: „Mehr Farbe und weniger Witz“. Was die filmische Umsetzung von Musik angeht, kann sich „Viktor und Viktoria“ durchaus neben der ein Jahr zuvor entstandenen „Verkauften Braut“ von Max Ophüls sehen und hören lassen. Da gibt es die durch die Bühne im Film motivierte „Nummer“, den unmittelbar in Gesang übergehenden Dialog und die Revueeinlage, die an Busby Berkeley denken lässt. Manches, etwa die Stimmlage von Friedel Pisetta, mag heute schwer erträglich sein, anderes, etwa der legendäre Charme von Adolf Wohlbrück oder die Nebenrolle von Aribert Wäscher, hat seine Wirkung nicht verloren. Bemerkenswert: als der Film Premiere hatte, waren die Nazis bereits an der Macht. Sie machten den Drehbuchautor und Regisseur und Sohn einer jüdischen Mutter zum „Ehrenarier“. Vier Jahre später verließ er Deutschland. Als er nach dem Krieg zurückkehrte, hatte man für ihn keine Verwendung mehr. 1954 starb er, nahezu vergessen, in München.

Frivolität wird in Biederkeit erstickt

Anders als Schünzel hat Helmut Käutner die Jahre des Nationalsozialismus in Deutschland überlebt. In seinem Melodram „Romanze in Moll“ von 1943 spielt ein großer Teil der UFA-Prominenz mit, die auch das Jahr 1945 unbeschadet überstanden hat: Marianne Hoppe, Paul Dahlke, Elisabeth Flickenschildt, Siegfried Breuer und Ferdinand Marian, der immerhin in dem berüchtigten „Jud Süß“ die Titelrolle, wenn auch widerstrebend, übernommen hatte und der dem jüngeren Vincent Price verblüffend ähnlich sieht. Aber Begabung und Ethos gehen nicht unbedingt Hand in Hand. Die schauspielerischen Leistungen sind auch heute noch beeindruckend. Käutner beweist sein unbezweifelbares Talent mit der souveränen Verwendung von Ellipsen, Bildmetaphern und musikalischen Symbolen. „Romanze in Moll“ kann als eins der künstlerisch überzeugendsten Bindegliedern zwischen dem deutschen Kammerspiel der Vorkriegs- und dem ambitionierteren Spielfilm der Nachkriegszeit gesehen werden. Dabei verhält sie sich – sie basiert immerhin auf einer Kurzgeschichte von Guy de Maupassant – zu französischen Filmen der Epoche oder auch zu den Filmen von Max Ophüls wie die Schwänke von Arnold und Bach zu den Farcen von Feydeau: Frivolität wird in Biederkeit und fast Wienerischer „Haltung“ (siehe oben) erstickt. Gegen eine Danielle Darrieux kommt die herbe Marianne Hoppe nicht an.

Auch Wolfgang Staudte war an dem Propagandafilm „Jud Süß“ beteiligt, wenngleich nur in einer kleinen Rolle. Nach dem Krieg hat er dies damit begründet, dass er nur so dem Dienst in der Wehrmacht entgehen konnte. Wie auch immer: fest steht, dass er der bedeutendste deutsche Regisseur – und zwar sowohl in der DDR, wie auch in der BRD – wurde, der die Geschichte des Nationalsozialismus und seines Fortwirkens nach 1945 im Spielfilm aufzuarbeiten versuchte. „Die Mörder sind unter uns“, „Rotation“, „Rosen für den Staatsanwalt“ und „Kirmes“ gehören ohne Zweifel zu den Höhepunkten des deutschen Nachkriegskinos. Weniger bekannt ist „Madeleine und der Legionär“. Er spielt im Algerienkrieg und kam Anfang 1958 in die Kinos, als dieser Krieg sich auf seinem Höhepunkt befand. Künstlerisch kommt er an Staudtes zuvor genannte Filme nicht heran, aber er teilt mit ihnen die pazifistische Gesinnung. Madeleine, gespielt von Hildegard Knef, denunziert drei Deserteure der Fremdenlegion, verkörpert von Hannes Messemer, Bernhard Wicki und Helmut Schmid. Es folgt ein konventionelles Fluchtabenteuer und eine ebenso vorhersehbare wie aufgesetzte tragische Liebesgeschichte zwischen dem sehr deutschen Deutschen Hannes Messemer und der nicht minder deutschen Französin Hildegard Knef. Der Zuschauer ist aufgefordert, Madeleines Lernprozess mitzuvollziehen. In Nebenrollen erfreut der Film durch Schauspieler wie Leonard Steckel, Werner Peters (Staudtes „Untertan“) und Siegfried Lowitz.

Joe May: „Asphalt“ (1929)

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erstellt am 25.4.2017

Jubiläumsedition der Murnau-Stiftung
5 DVDs, 470 Minuten

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