Kunst und Satire scheinen sechs Jahre nach Beginn des friedlichen Volksaufstands in Syrien nicht mehr zu existieren. In den Berichten westlicher Medien dominieren heute die militärische Lagebeurteilung oder Urteile darüber, wie „islamistisch“ die Gegner des Regimes sind. Doch noch heute kämpfen syrische Künstler mit der Waffe der Satire für Freiheit und Pluralismus, berichtet Christin Lüttich.

Die Kunst des Widerstands in Syrien

Humor gegen den Tod

Von Christin Lüttich

Während die Welt anfangs noch erstaunt die Kreativität und den scheinbar grenzenlosen Mut syrischer Künstler bewunderte, ist heute kein Platz mehr für farbenfrohe Geschichten über zivilen Widerstand und die Rolle der Kunst im Aufstand gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Das würde westlichen Vorurteilen und Stereotypen entgegenlaufen.

Denn auch wenn es nicht immer offen ausgesprochen wird, überwiegt doch insgeheim die Vorstellung: Jegliche Volksbewegung im Nahen Osten wird am Ende scheitern, da die Menschen noch nicht „reif“ zur Demokratie seien und die anfangs noch demokratischen Aufstände am Ende von fanatischen und religiösen Extremisten zweckentfremdet würden.

Gesang, Tanz, kreative Protestaktionen

Auch wenn es heute oft verdrängt wird: Die syrische Revolution ist ein Volksaufstand gegen Unterdrückung und Unfreiheit und für Würde, Freiheit und Grundrechte. Der Tod war dabei von Anfang ein steter Begleiter, verging doch kein Protest, ohne dass Demonstranten durch die staatlichen Sicherheitskräfte verwundet oder getötet wurden. Doch anstelle stummer Trauer nachzugeben, haben die Syrer mit sehr kreativen Mitteln ihrer Forderung nach einem Leben in Freiheit Ausdruck verliehen.

Denn auch wenn die Proteste unbewaffnet waren, ließen die Demonstranten keine Zweifel an ihrer verbalen Schlagfertigkeit zu. Immer neue Protestlieder waren zu hören, oft mit satirischem Wortwitz gespickt, Protest- und Trauerzüge schlugen in Feste um, auf denen der traditionelle Dabke-Rundtanz zelebriert und gemeinsam gesungen wurde – gegen den Tod, für das Leben.

Einer der Helden dieses Widerstands war der Feuerwehrmann Ibrahim Qashoush, der in seiner Freizeit Gedichte und Liedtexte schrieb. Im Juli 2011 sang er in der mittelsyrischen Stadt Hama mit hunderttausenden Menschen auf dem zentralen Orontes-Platz das von ihm komponierte und mit englischen Wörtern gespickte Lied: „Los Bashar, hau ab. Es ist Zeit zu gehen. Selbst wenn du auf den Mond fliegst, wollen die Menschen immer noch Freiheit.“ Nur wenige Tage später musste Qashoush seine Unverblümtheit mit dem Leben bezahlen und wurde – vermutlich von staatlichen Sicherheitskräften – brutal ermordet.

Die Gruppe „Freie Lautsprecher“ ließ Qashoushs Musik weiterleben. Noch bis 2013 brachten sie an öffentlichen Plätzen in der Damaszener Innenstadt versteckt Lautsprecher an, die sie aus der Ferne aktivierten und die lautstark Qashoushs Revolutionslieder ertönen ließen.

Vor allem in den ersten Jahren des Aufstands wurde Kunst zum ultimativen Mittel des Widerstands gegen das Regime, zum einigenden Element, das ein Wir-Gefühl erzeugte. Jahrzehntelang hatte die Furcht vor den omnipräsenten Geheimdienstmitarbeitern ein solches Wir-Gefühl unterdrückt. Bei jeder Begegnung schwang die Angst mit, das Misstrauen gegenüber Unbekannten wurde zum kollektiven Schutzmechanismus. Erst mit Beginn des Aufstands gegen das Assad-Regime konnte dies überwunden werden.

Die Revolution artikulierte gemeinsame Werte, in denen sich Menschen unterschiedlichster Ansichten und Herkunft wiederfanden. Quasi über Nacht schlossen sich junge Aktivisten in Kollektiven zusammen, um gemeinsam künstlerische Widerstandsaktionen zu planen.

Puppentheater des Kollektivs »Masasit Mati«
Puppentheater des Kollektivs »Masasit Mati«

»Unser Lachen ist stärker«

„Die Revolution hat es uns Syrern erlaubt, uns selbst zu entdecken, uns gegenseitig kennenzulernen, aus unseren kleinen, begrenzten und elitären Kreisen herauszutreten“, erklärt Rafat Alzakout, Initiator der satirischen Puppenshow „Top Goon: Tagebücher eines kleinen Diktators“, die auf den sozialen Medienkanälen verbreitet wird.

Schon im Sommer 2011 fing er mit diesem satirischen Film-Puppenprojekt an, aus Angst um die eigene Sicherheit sowie die seiner Familie zunächst noch unter dem Pseudonym Jamil Alabyad. Er und die meisten anderen Mitglieder des über Nacht gegründeten Kollektivs „Masasit Mati“ kommen ursprünglich aus dem professionellen Theaterbereich, entschieden sich dann aber dazu, mittels Handpuppen und Kamera, fünfminütige satirische Sketche per YouTube zu verbreiten.

Protagonist der Show ist eine Puppenfigur des syrischen Präsidenten Bashar Al Assad, der hier verniedlicht als „Beeshu“ gemeinsam mit seinem Rowdy und Handlanger „Shabih“ auftritt und mit schwärzestem Humor und Satire durch den Kakao gezogen wird. So sieht man „Beeshu“ als kindlichen, aber blutrünstigen, eitlen aber ängstlichen Idioten, gern dabei zu, wie er sich mit Putin über Strategien zur Niederschlagung der Proteste abstimmt, oder sich an seinem Geburtstag über die niedrige Zahl der getöteten Demonstranten ärgert.

„In Syrien war vieles verboten. Das größte Tabu war aber die Kritik am Präsidenten, der als unfehlbarer und väterlicher Führer mit göttlichen Zügen dargestellt wurde“, sagt Rafat Alzakout. „Das entspricht natürlich keineswegs der Wirklichkeit, er ist ein Verbrecher und Massenmörder, der versucht, sich mittels Propaganda und dem Ammenmärchen des säkularen Bollwerks gegen den religiösen Fanatismus als einziger Hüter des Friedens in der Region darzustellen. Diese Argumentationsweise, die brutale Unterdrückung derer, die Freiheit fordern, aber auch die Komplizenschaft der internationalen Gemeinschaft wollten wir mittels Satire anprangern. Satire und schwarzer Humor sind unserer Ansicht nach die stärksten Waffen, die wir diesem Regime entgegensetzen können. Denn es will mit seiner Gewalt unseren Willen brechen, uns zum Aufgeben bringen, doch unser Lachen ist stärker.“

Dass der syrische Künstler an diesem Gedanken festhält, den er 2013 in einem Gespräch äußerte, zeigen die neueren Folgen der Satireserie aus dem Jahr 2015, in der nun auch die Rolle islamischer Geistlicher, militärischer Milizenführer und sensationsheischender Journalisten karikiert wird.

Bemerkenswert ist die Vielfalt künstlerischen Ausdrucks in Syrien, die nach 2011 einsetzte, sowohl geografisch als auch gesellschaftlich. Jahrzehntelang ging das politische Machtmonopol mit einem künstlerischen Monopol einher. Kunst wurde oftmals von Eliten für Eliten gemacht, nur selten haben es Film, Musik oder Theater geschafft, eine über gesellschaftliche Schichten hinweg breite Diskussion anzuregen.

Die Revolution hat zu einem regelrechten Ausbruch an kreativer Vielfalt und dem Bedürfnis künstlerischer Artikulation geführt. Das einstige Gravitationszentrum Damaskus hat an Bedeutung verloren und die neu gewonnen Freiräume, ob in Gebieten der Opposition, virtuell im Internet oder auch im Exil, haben einer regelrechten Demokratisierung künstlerischen Schaffens Platz gemacht.
Ein gutes Beispiel dafür ist die bis 2011 selbst Syrern unbekannte Ortschaft Kafr Nabel in der nordwestlichen Provinz Idlib, die es dank ihrer kreativen Plakate zu nationalem und internationalem Ruhm gebracht hat. Bis heute kommentiert eine Gruppe junger Studenten jeden Freitag kritisch und mit beißendem Spott mittels selbst gemalter Plakate die Entwicklungen in Syrien, und spart dabei auch nicht mit Kritik an oppositionellen Gruppen. So karikiert sie die Unterstützung Russlands für das Assad-Regime, in dem Putin und Assad als Liebespaar auf der Titanic dargestellt werden, aber auch rebelleninterne Machtkämpfe.

Die Kunst verstummt nicht

Auch sechs Jahre nach Beginn des Aufstands spielt die humorvolle Kunst eine unerlässliche, identitätsstiftende Rolle in der syrischen Revolution. Sie hat die Menschen nicht nur einander nähergebracht, sondern der Humor erlaubt es ihnen auch auf kritische und selbstkritische Distanz zu gehen. Der Humor ist schwärzer, scharfzüngiger geworden, da die Kunst von der immer stärker eskalierenden Gewalt in Syrien beeinflusst wird. Doch hat sie sich dadurch auch ihre Rolle erhalten als Lebens- und Hoffnungsspende, die sich der gewaltgeprägten Logik des Regimes, aber auch der neuen Warlords in den befreiten Gebieten entzieht.

Immer mehr syrische Kunstschaffende sehen sich angesichts der andauernden Gewalt, die seit dem militärischen Eingreifen Russlands Ende 2015 weiter eskaliert, zur Flucht ins Exil in die Nachbarländer und nach Europa gezwungen. Vor allem die andauernde Bombardierung der von der Opposition kontrollierten Gebiete durch syrische Flugzeuge und russische Kampfjets zwingen die Menschen in einen Kampf ums Überleben, in dem künstlerisches Schaffen nur noch schwer möglich ist.

Angesichts dieser Abwanderung der syrischen Künstler ist es umso erstaunlicher, dass Kunst und Humor in Syrien selbst nicht verstummen, sondern weiterleben. So fand im Sommer 2016 das „Syria Mobile Films Festival“ im römischen Amphitheater der südsyrischen Stadt Bosra Al Sham statt, die von der Opposition kontrolliert und immer wieder angegriffen wird. Solche Initiativen schaffen einen Freiraum für Pluralität und Diskussion, der Achtung, Aufmerksamkeit und Unterstützung entgegengebracht werden sollte. Trotz oder gerade wegen des alltäglichen Horrors sind auch Satire und Humor aus der Kunst des Widerstands bis heute nicht verschwunden.

Christin Lüttich hat zusammen mit jungen syrischen Intellektuellen und Filmemachern „Bidayyat for Audiovisual Arts“ mitbegründet. Die Organisation unterstützt von Beirut aus syrische Dokumentarfilmer bei ihrer Arbeit. Seit 2015 lebt und arbeitet sie in Berlin, wo sie neben ihrer Tätigkeit in der deutsch-syrischen Solidaritätsinitiative „Adopt a Revolution“ auch syrische künstlerische Projekte produziert.

Zuerst erschienen in der Zeitschrift Südlink 179.

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erstellt am 25.4.2017

u.a. mit einem Text von Christin Lüttich:

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