„Offenbach ist ganz okay“, hieß es 2016 im Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig. Die Kuratoren stellten Offenbach als beispielhafte „Arrival City“ vor, die Neuankömmlingen gute Voraussetzungen für eine gelingende Integration bietet. Über eine Stadt im Wandel sprach Eugen El mit Heiner Blum, Künstler und Professor an der Hochschule für Gestaltung Offenbach.

Interview mit Heiner Blum

»Eine wahnsinnig glückliche Fügung«

Eugen El: Wann bist du nach Offenbach gezogen und warum?

Heiner Blum: Das war vor 19 Jahren. Vorher lebte und arbeitete ich in Frankfurt. Ich hatte damals Kontakt zur Fahrradhalle, einem studentischen Ausstellungs- und Clubprojekt in der Offenbacher Innenstadt. Dort lernte ich einige HfG-Studenten kennen, die mein Interesse für die Hochschule weckten. Gegenüber der Fahrradhalle gibt es ein Loftgebäude. Dort habe ich dann zehn Jahre mit meiner Familie gewohnt. An dem Tag, als ich den Mietvertrag unterschrieb, habe ich mich auch für die Professur an der HfG beworben. Das war eine wahnsinnig glückliche Fügung.

Wie hat sich Offenbach in diesen 19 Jahren entwickelt?

Bevor ich hierherkam, war ich einer dieser Frankfurter, die über Offenbach lästerten und nicht wussten, was für eine tolle und interessante Stadt es ist. Die Stadt hat bezüglich ihrer internationalen Qualitäten stark an Selbstbewusstsein gewonnen. Das ist absolut gerechtfertigt, denn Offenbach ist die Stadt, die es wirklich hinkriegt. Es ist die Stadt mit den meisten Nationen in Deutschland, und sie vertragen sich. Man ist hier in der ganzen Welt zu Hause.

Ein Meilenstein war die Eröffnung der Zollamt Studios [Das Atelierhaus wurde im August 2014 eingeweiht – Anm. d. Red.]. Das hat gezeigt, dass man nach dem Studium auch hier anfangen kann, seine gestalterische Existenz aufzubauen. Es ist auffällig, dass sehr viele Leute in Offenbach geblieben sind – auch jemand wie der Designer Sebastian Herkner.

Bis zur Gründung der Kressmann-Halle im Offenbacher Hafen war es extrem schwierig, aktuelle bildende Kunst in der Stadt, außerhalb der Hochschule, zu zeigen. Wir hatten zeitweise eine Galerie im Offenbacher Hauptbahnhof und haben bemerkt, dass es sehr schwer ist, Besucher nach Offenbach zu holen. Es ist manchen zu weit weg, andere haben Vorurteile gegenüber der Stadt. Hinzu kommen die hohen RMV-Ticketpreise. In letzter Zeit trauen sich immer mehr Leute über die Stadtgrenze. So wurde auch der Mainradweg am Hafen ausgebaut. Die Kressmann-Halle ist, ähnlich wie die Fahrradhalle, ein Indie-Projekt, das ein sehr großes Potential hat.

Robert Johnson Theorie, Club Robert Johnson, Offenbach, Quelle: heinerblum.de

Was sind deine Orte in Offenbach?

Hier schätze ich vor allem die Alltagskultur, Dinge, die das Leben der Menschen miteinander, den Alltag schön machen. Das funktioniert in Offenbach auf einem hohen Niveau. Es sind Läden wie der italienische Lebensmittelladen in der Karlstraße, Konstantinidis am Wilhelmsplatz, das Restaurant bei der Moschee in der Sandgasse. Was ich im Moment sehr mag, ist der Asia Palast – ein riesiges Asia-Restaurant in einer ehemaligen Fabrikhalle. Dort kann man sehr günstig essen gehen. Es ist ein unfassbar trashiger Ort, wie eine Kulisse aus einem James-Bond-Film.

Du hast einige künstlerische Projekte in Offenbach umgesetzt. Welche sind das?

Mit Kai Vöckler und dem Urban Media Project machen wir die Seite „Offenbach Loves U“, wo wir allen Menschen die Stadt so empfehlen, wie wir sie unseren Freunden empfehlen würden. Vor 2-3 Jahren habe ich mit den Künstlerinnen Anny und Sibel Öztürk das „Länderboten“ gemacht. Da haben wir anlässlich des Büchner-Jahres versucht, unter allen 154 Nationen, die es in Offenbach gibt, eine Person zu treffen, um mit ihr ein Interview und ein Foto zu machen. Wir haben das dann grafisch aufgearbeitet. Es gab eine Ausstellung im Klingspor-Museum und ein Buch. Das war eine Arbeit, die großen Spaß gemacht hat. Der Club Robert Johnson, die Reihe „Robert Johnson Theorie“ und das Institut für Klangforschung in den Zollamt Studios sind weitere kulturelle Projekte, die ich in Offenbach initiiert habe. Ich mache als Künstler nicht nur Dinge, die man im White Cube präsentieren kann, sondern auch situative Projekte. Einen Club oder eine experimentelle Theoriereihe zu machen, ist für mich auch eine künstlerische Arbeit.

Ausstellung „Länderboten“, Klingspor Museum Offenbach, 2013, Quelle: heinerblum.de

Wie siehst du die Rolle der Hochschule für Gestaltung (HfG) in der Stadt?

Als ich nach Offenbach kam, gab es bei meinen Kollegen und bei der Hochschulleitung eine Aversion gegen die Stadt. Mir ging es nicht so. Ich habe damals gemerkt, dass die Leute, die man in der Stadt getroffen hat, mein Lebensmittelhändler beispielsweise, gar nicht wussten, was die HfG ist. Ich habe dann für einem Hochschulrundgang ein Dutzend leerstehende Offenbacher Läden organisiert, und dort haben wir den Rundgang gemacht. Das war ein erster Schritt, auf Offenbach zuzugehen. Es ist mir sehr wichtig, dass sich die Hochschule mit der Stadt verbindet. Wir bekommen sehr viel Inspiration aus der Stadt. Auf der anderen Seite versuchen wir, positive Impulse in die Stadt hinein zu geben. Es ist mittlerweile Tradition, bei jedem Rundgang eine leerstehende Immobilie in der Stadt zu akquirieren und dort unsere Arbeiten zu zeigen.

Vor einigen Jahren haben wir in Offenbach den Kreativbeirat gegründet. Dort begegnen sich Akteure, die in der Stadt Einfluss haben und aus dem Stand heraus Dinge bewegen können. Wir treffen uns alle drei Monate, bringen Ideen ein und setzen sie sofort um. Auf diesem Weg ist an der HfG die Stiftungsprofessur „Kreativität im urbanen Kontext“ von Kai Vöckler entstanden. Auch die Zollamt Studios wurden auf diese Weise auf den Weg gebracht.

Das Gespräch führte Eugen El

Eine kürzere Fassung des Gesprächs ist in der Publikation „Kunstansichten 2017“ erschienen.

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erstellt am 24.4.2017

Heiner Blum, Foto: Barbara Homolka
Heiner Blum, 2009, Foto: Barbara Homolka
Zur Person

Heiner Blum

Geboren 1959 in Stuttgart, lebt und arbeitet in Offenbach am Main. Von 1977 bis 1983 studierte er Visuelle Kommunikation an der Gesamthochschule Kassel bei Gunter Rambow, Floris M. Neusüss, Klaus Honnef, Wolfgang Kemp und Peter Weibel. 1988 Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom mit dem Stipendium der Deutschen Akademie; 1993 erhielt er den Karl-Ströher-Preis des Museums für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, und 1995 den Förderpreis des Landes Baden-Württemberg. 2009 wurde er mit dem Reinhold-Kurth-Preis der 1822-Stiftung ausgezeichnet. Seit 1997 ist Heiner Blum Professor für Experimentelle Raumkonzepte an der HfG Offenbach.

heinerblum.de