26. April 2017

Textland

Gallaghers größter Fan

Uwe Kopfs einziger Roman „Elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ räumt mit ein paar Lebenslügen schwachbrüstiger Altachtundsiebziger auf

„Well, I like sherry brandy/ My baby sure like gin“ – Rory Gallagher, Too Much Alcohol

Er betet zu Beckenbauer, wenn nach dem fünften Teller Fruchtsuppe in der Verschickung die Blase zu platzen droht. Ob Beckenbauer, Bukowski oder Polanski: in Toms Leben herrscht das Assoziative im Verein mit einer randlosen Unschärfe bis zum Selbstmord. Der Kreis zwischen Kind und Greis schließt sich im Wechsel von zu spät und gar nicht. Tom vergreist im Verlauf seiner Jugend und bleibt doch Kind bis zum Tod mit vierzig im Mai Achtundneunzig. Er nimmt den Mund voll als erzählendes Ich, um sich manchmal im Satz das Wort von einem auktorialen Erzähler widerspruchslos entziehen zu lassen. Dann reißt er es wieder klugscheißend an sich. Obwohl er kaum ein Buch zu Ende gelesen hat, kehrt Tom das Wesentliche der Weltliteratur für den Hausgebrauch zusammen. Trotzdem verdampft die Literatur als Tropfen auf dem heißen Stein, wenigstens im Vergleich zu einer Flasche Jever.

Seiner Ursprungsumgebung in Hamburg-Farmsen-Berne bleibt Tom in allen Stadien des an sich erfreulichen Niedergangs erhalten. Er gibt den Mann mit der Ledertasche, siehe Charles B. Er klappert eine Reihe von Gewährsmännern ab, ich nenne Herrn Hirtz, einen taoistisch geschulten Ejakulationsverweigerer. Hirtz verweist auf Dankschreiben zufrieden gestellter Frauen. Er weiß: „Die Männer des Abendlandes onanieren alleine, und wenn sie mit ihren Frauen schlafen, dann onanieren sie praktisch in ihre Frauen.“

Das ist natürlich so egal und zu hoch wie das große Latinum für den Baumschüler. Jede Sexchance löst eine Krise aus, die Tom aus der Fassung dreht. Die größte Annäherung an den Normalverlauf bietet Jenny in einer Totalität der Kleinwüchsigkeit. Es folgt eine randalierende Brandenburgerin mit einem Stiefvater wie Würzfleisch, der besungene Todeskampf der titelmelodischen Seidenraupe und Eva, mit der alles anders werden könnte. Seelisch zuhause ist Tom in der Musik von Rory Gallagher. Er trifft den Bluesrocker in einer Corker Kneipe namens Sin é, wo Gallagher schottischem Whiskey den Vorzug gibt und über einen anderen genialen Trinker, den walisischen Dichter Dylan Thomas, kluge Sachen sagt.

Das Treffen ist ein Romangipfel. Kopf beschreibt Toms fanatische Befangenheit in Gallaghers Gegenwart als Verhungern vor vollen Schüsseln. Von der Warte der Vernunft wäre das ein Augenblick der Anthropophagie. Man isst, was man auf der Welt am besten findet, sie sich so einverleibend. Doch Gallaghers größter Fan kann aus der Nähe zum Idol keinen Lustgewinn ziehen. Er bleibt auf der Strecke seiner mauen Lebhaftigkeit. Das wird großartig erzählt, auch wenn man jedes Detail kennt, als Überlieferung einer Generation von Gesamtschülern, die von ihren kampferprobten Omas ernährt werden und mit ihren Ahnen in der Versenkung verschwinden. Man wird einmal finden, dass Toms Spielraum als Stadtteilindianer und Nischenbewohner eine Nussecke des unverdienten Glücks war.

Uwe Kopf, Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe, Roman, ein TEMPO Titel im Hoffmann und Campe Verlag, 316 Seiten

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erstellt am 24.4.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.