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Auf der Flucht vor den Nazis erzählte die Berliner Künstlerin Charlotte Salomon die Geschichte ihres Lebens in Bildern und Texten, die das Ästhetische durch das Dokumentarische aushebeln. „Leben? oder Theater?“ ist der Titel ihrer gemalten Autobiografie. Stefana Sabin erinnert an Charlotte Salomon, die am 16. April 1917, vor genau 100 Jahren, geboren wurde.

Charlotte Salomon

»Ich habe genug von dieser Zeit. Ich habe genug von dieser Welt.«

In einer Haltung, die an die Kleine Meerjungfrau von Kopenhagen erinnert, sitzt eine Frau am Strand – die Farben lassen auf die Mittelmeerküste schließen – und zeichnet. Aber der Zeichenbogen wird nur durch seinen Umriss suggeriert: die Zeichnung scheint Teil der Wirklichkeit zu sein. Die Frau ist dem Meer zugewandt, so dass der Betrachter sie von hinten sieht: auf ihrem Rücken steht in großen schwarzen Lettern Leben oder Theater. Es ist das letzte Bild der gemalten Autobiographie von Charlotte Salomon.

Gemalte Autobiographien im Sinne eines narrativen Bildzyklus, in dem das Leben des malenden Ichs rekonstruiert wird, gibt es nur wenige. Ein berühmtes Beispiel ist Marc Chagalls Zyklus von Radierungen Mein Leben, in dem er – in Anlehnung an seine autobiographische Erzählung von 1921 – seine Lebensgeschichte chronologisch aufrollte.

Charlotte Salomon, Blatt aus „Leben? oder Theater?“, Joods Historisch Museum, Amsterdam
Charlotte Salomon, Blatt aus „Leben? oder Theater?“, Joods Historisch Museum, Amsterdam

Auch Charlotte Salomon erzählte ihr Leben in einem Bildzyklus. Anders als Chagall gestaltete sie ihre gemalte Autobiographie nicht als Rückblick, sondern als ständige Bewegung zwischen einer friedlichen Vergangenheit und einer gefährdeten Gegenwart. Anders als Chagall, der die gemalte Autobiographie der geschriebenen in einem Abstand von Jahrzehnten folgen ließ, kombinierte Charlotte Salomon Malen und Schreiben – sie schuf komplexe Kompositionen, in denen Wort und Bild sich ergänzen und überlappen und miteinander konkurrieren. Und wiederum anders als Chagall, der das jüdische Leben im osteuropäischen Schtetl verklärte, stellte Salomon die Verfolgung der Juden in der westeuropäischen Großstadt Berlin mit realistischer Intensität dar.

Charlotte Salomon stammte aus Berlin, wo sie 1917 geboren war, und gehörte dem assimilierten jüdischen Bildungsbürgertum an. Ihr Vater war ein renommierter Chirurg und Medizinprofessor, ihre Stiefmutter war Opernsängerin und Dozentin an der Musikhochschule. Die Salomons gehörten zu der intellektuellen und künstlerischen Szene Berlins. Der Komponist Paul Hindemith, der Architekt Erich Mendelsohn, der Rabbiner Leo Baeck, der Theologe Albert Schweitzer und der Physiker Albert Einstein gehörten zu den regelmäßigen Gästen der Salomons. Aber das harmonische Großstadtleben als assimilierte Juden in Berlin war auch für die Salomons eine tragische Täuschung.

Zuflucht in Südfrankreich

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde das Leben auch dieser Familie aus der Bahn geworfen: Dr. Salomon verlor seine Professur und seine ärztliche Zulassung, seine Frau verlor ebenfalls ihre Stelle an der Hochschule für Musik und durfte nicht mehr öffentlich auftreten. Charlotte wurde von der Schule verwiesen. Nach der Kristallnacht schickten die Salomons ihre Tochter nach Südfrankreich, wohin die Großeltern geflüchtet waren, und flohen selber nach Holland.

In Südfrankreich kam Charlotte bei ihren Großeltern unter, die ihrerseits auf dem Landsitz der wohlhabenden Amerikanerin Ottilie Moore Zuflucht gefunden hatten. Auf Moores Anraten hin fing Charlotte Salomon an, ihre Autobiographie zu malen, also ihr Leben in Wort und Bild zu rekonstruieren. Die Selbstsorge, die Sorge um die Erhaltung des Selbst, und ein Instinkt, Zeugnis ablegen zu sollen, wurden zum kreativen Impuls. 1941 und 1942 entstand ein Zyklus von über tausend Gouachen und Textseiten im Kleinformat von 32,5 × 25 cm, alles lose Blätter, meist nur einseitig bemalt und beschrieben.

Salomon griff auf alle Gattungen der Malerei zurück: Straßenszenen und Stadtlandschaften, Interieurs, Gruppenbilder ebenso wie Porträts und Selbstporträts. Sie wechselte zwischen wilder, lauter Farbigkeit und fast monochromer Farbstille, zwischen figurativer und fast abstrakter Darstellung, zwischen narrativer und serieller Komposition.

In regelrechten „Bildräumen“, wie die Kunstwissenschaftlerin Astrid Schmetterling diese Bilder nennt, rekonstruierte Charlotte Salomon das Berliner Familienleben, die Machtergreifung der Nazis und die Verhaftung ihres Vaters, ihre eigene romantische Beziehung zu dem Musikphilosophen Alfred Wolfsohn, ihre Flucht aus Berlin und das Wiedersehen mit den Großeltern, die Verhaftung in Villefranche und die Internierung in dem Lager Camp de Gurs, die Freilassung und die Angst – kurz, ihr ganzes bedrohtes Leben.

„Ich hab genug von diesem Leben. Ich hab genug von dieser Zeit,“ sagt einmal die Figur Charlotte, als zur inneren Verzweiflung die äußere Gefahr hinzukommt: Auf dem in erdigen Brauntönen gehaltenen Bild sitzt sie allein in einem konturlosen Raum, mit seitlich leicht gebeugtem Kopf, zusammengefalteten Händen und geschlossenen Augen – es ist fast ein Madonnenbild!

Die Täuschung der Assimilation

Am Anfang vermitteln die Bilder von Familienszenen einen fröhlichen Eindruck: Der Alltag in einem assimilierten jüdischen Haushalt, in dem sich die Familie um den Weihnachtsbaum oder nach großbürgerlicher Art um den Flügel bei Hausmusik versammelt, suggeriert einen sorglosen Wohlstand. Aber diese Bilder führen zugleich die Täuschung der Assimilation vor, in der sich das jüdische Bürgertum geborgen glaubte, wenn Bildausschnitte applaudierender Hände bei einem Konzert den applaudierenden Händen bei einer Nazikundgebung entgegengestellt werden.

Schrittweise – bildweise! – geht die Leichtigkeit des Seins in existentielle Angst über. Eine Straßenszene, auf der die Menge zur einer einzigen, marschierenden Masse wird, über der eine Hakenkreuzfahne weht, markiert den Einbruch der Gewalt. Stürzende Linien, zusammengeschüttelte Räume, verschobene Blickachsen machen die unsicheren Lebensumstände deutlich. Die Gesichter verzerren sich, Gestalten werden zu Konturen. Die Bildgestaltung wird sparsamer und sorgloser, die Sätze werden kürzer, der Farbauftrag wird unregelmäßiger, und die Farben werden dunkler.

Die schiere Zahl der Bilder bezeugt die großangelegte malerisch-epische Dimension des ästhetischen Vorhabens, aber auch die psychische Not, unter der es entstanden ist. Aus über 1300 Bildern wählte Charlotte Salomon etwa 780 aus und fügte sie zu einer Art fiktiven Autobiographie zusammen, die sie Ottilie Moore widmete und die sie „Leben? oder Theater?“ nannte. Die beiden Fragezeichen im Titel legen die Fiktionsleistung bloß – Ist das Leben oder seine Inszenierung? – und können zugleich existentiell interpretiert werden: Kann das Leben sein? Ist das Theater? Ist Leben bloß Theater? Kann so ein Theater Leben sein?

Als Gattungsbezeichnung benutzte Salomon die etwas altertümelnde Bezeichnung „Singespiel“ und fügte hinzu: „Bestehend aus einem Vorspiel, einem Hauptteil und einem Nachwort.“ Das Singspiel, das in Deutschland in Anlehnung an die französische „opéra comique“ entstand, wurde im späten 18. Jahrhundert populär und war, gemäß der Definition des Neuen Handbuchs der Musikwissenschaft, ein dramatisch-musikalisches Werk über heiter-sentimentale Sujets, zusammengesetzt aus geschlossenen musikalischen Nummern und gesprochenen Dialogen.

In der Art von Bühnenanweisungen werden immer wieder die Melodien angegeben, die einem bestimmten Bild „darunterliegen“ – Opern- und Operettenarien und Lieder gehören ebenso dazu wie Schlager oder Instrumentalstücke. Die Personen werden als „Darstellende“ unter leicht veränderten und lautmalerischen Namen vorgestellt. Ort und Zeit werden angegeben („Das Stück spielt in der Zeit von 1913-1940 in Deutschland, später in Nizza“), und die Bilder werden durch erklärende Kommentare ergänzt: eine geschriebene Geschichte, die die gemalte Geschichte durchgehend begleitet.

Ein Zeugnis und ein Testament

Die Entwicklung von den aufwendigen Kompositionen am Anfang über die zunehmende Gestaltungssparsamkeit bis zu der malerischen Nachlässigkeit am Schluss, als die erzählte Zeit die Erzählzeit eingeholt hatte, zeugt von der zunehmenden Hast, in der die Bilder entstanden, und suggeriert, dass Charlotte Salomon die Form dem Inhalt untergeordnet hat: sie wollte vor allem ihr Zeugnis vollenden.

Aber sie war noch nicht fertig, als Moore im September 1942 in die USA zurückging. Charlotte Salomon versteckte sich in Moores Villa zusammen mit einem ungarischen Emigranten, Alexander Nagler, den sie, inzwischen schwanger, im Sommer 1943 in Nizza heiratete. Vielleicht war es der Antrag auf die Heiratserlaubnis, der die Gestapo auf ihre Spur setzte, vielleicht die Denunziation eines Nachbarn: am 24. September 1943 wurden Salomon und Nagler abgeholt und nach Auschwitz deportiert. Nur wenige Tage davor hatte sie dem Arzt, den sie in Nizza aufgesucht hatte, zwei Pakete mit der Bitte überlassen, gut darauf aufzupassen. „Heben Sie das gut auf, es ist mein ganzes Leben,“ soll sie ihm gesagt haben. Bei der Ankunft in Auschwitz am 10. Oktober wurde Charlotte Salomon vergast, ihr Mann im Januar des folgenden Jahres. Die Autobiographie wurde zum Testament.

Als Ottilie Moore nach dem Krieg in ihr Haus an der Riviera zurückkehrte, übergab der Arzt ihr die beiden Pakete der Charlotte Salomon. Moore gab sie an Charlottes Eltern weiter, die im Amsterdamer Versteck überlebt hatten: Darin befand sich Leben? oder Theater? Alle anderen Gemälde von Charlotte Salomon waren entweder verschollen oder wurden bei einem Feuer in Moores Villa zerstört. So ist die gemalte Autobiographie das einzige Werk, das von Charlotte Salomon und ihrer Kunst geblieben ist.

Seit den sechziger Jahren sind immer wieder Teile des Zyklus in Deutschland, den USA, Israel und sogar in Japan gezeigt, und im Joods Historisch Museum Amsterdam, wo das Charlotte-Salomon-Archiv untergebracht ist, gehören mehrere Bilder zur ständigen Ausstellung.

Individuelle Tragödie als gesellschaftliches Drama

Eine erste Biographie, die Veröffentlichung des ganzen Zyklus in Buchform und seine Präsentation an einem so renommierten Ort wie der Royal Academy in London Anfang der 1990er Jahre sowie ein biographischer Film haben schließlich Charlotte Salomons Vermächtnis aus der Holocaust-Forschung in die Kunstgeschichte überführt. Dennoch wird sie auf den Gedenktafeln, die 2012 in Berlin angebracht wurden, nicht auch als Malerin, sondern nur als Opfer des Holocausts ausgewiesen.

So wird Salomons Zyklus als Zeitzeugnis betrachtet und als solches mit dem Tagebuch der Anne Frank immer wieder verglichen. Aber während jenes Tagebuch das Werk einer jungen Frau ist, die vielleicht zur Schriftstellerin herangewachsen wäre, ist dieser Zyklus das Werk einer ausgebildeten Künstlerin, die ihre malerischen Möglichkeiten schon zu nutzen verstand. Zwar wurzelt Charlotte Salomons Zyklus in einem persönlichen Drama, aber zugleich spiegelt er ein gesellschaftliches Drama. Es entfaltet sich darin ein Kapitel deutscher und europäischer Geschichte.

Dass die Übereinstimmung zwischen Kunst und Wirklichkeit, zwischen der realen Bedrohung der Künstlerin und der Darstellung dieser Bedrohung in ihrer Kunst – zwischen „Leben?“ und „Theater?“ – eine unbefangene Bewertung der Bilder unmöglich macht, lässt sich nicht bestreiten. Dennoch ist die beklemmende Wirkung dieser Bilder der spezifischen Verbindung von Gehalt und Gestalt zu verdanken, die Kunst ausmacht. Vielleicht gerade als Kunst ist Charlotte Salomons gemalte Autobiographie, in der sie eine individuelle Tragödie als gesellschaftliches Drama festhielt, heute – in Zeiten eines neu erstarkenden Rassismus – nicht nur als Zeitzeugnis, sondern auch als Ermahnung zu sehen.

Gekürzte Fassung eines Vortrags anlässlich des 100. Geburtstag von Charlotte Salomon, den Stefana Sabin am 2. März 2017 in der Frankfurter Zentralbibliothek gehalten hat.

Siehe auch

Der Maler Felix Nussbaum

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erstellt am 14.4.2017

Charlotte Salomon, Selbstporträt, 1940, Joods Historisch Museum, Amsterdam
Charlotte Salomon, Selbstporträt, 1940, Joods Historisch Museum, Amsterdam
Neue Bücher zu Charlotte Salomon:

Margret Reiner
Charlotte Salomon: „Es ist mein ganzes Leben“
Gebunden, 323 Seiten
Mit zahlreichen farbigen Abbildungen
ISBN: 9783813507218
Knaus Verlag, 2017

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Astrid Schmetterling
Charlotte Salomon. Bilder eines Lebens
Gebunden, 107 Seiten
ISBN: 9783633542833
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2017

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