22. März 2017

Textland

In veralteter Frische

In „Walter Nowak bleibt liegen“ verfolgt Julia Wolf einen Achtundsechziger bis zu seiner letzten Trainingseinheit.

Walter Nowak ist einer dieser Achtundsechzigjährigen. Deren Rüstigkeit nervt. Jeden Tag schwimmt der Nussknacker pathetisch in den Schmerz, wenn er seine tausend Meter absolviert, als gäbe es nichts Wichtigeres auf Erden. Er mobilisiert sich und hält sich an seiner Form fest. Er betrachtet sich wie man eine vom Einsturz bedrohte Baracke betrachten könnte.

Julia Wolf spielt mit der Gedankenlosigkeit und Fetzenhaftigkeit von Spruchweisheiten und den ihnen verwandten stereotypen Halbsätzen, die aus den Ätzbädern der Niederliegen keinesfalls zum Trost, wohl aber betäubend aufsteigen. Alles halb so. Es wird nichts so. Morgen ist auch noch. Früh krümmt sich. Was du heute kannst. Es ist wahr, so läuft das ab in einem alten Kopf. Fast nichts mehr formuliert sich zu Ende. Fast nichts mehr ist der individualisierenden Rede wert, es sei denn die Konsistenz des Frühstücksei. Jederzeit könnte Walter, was auch immer, ebenso gut lassen.

„Ein alter Mann, der immer noch denkt, ist eine Groteske. Greise müssen fertig sein“, sagt Gottfried Benn. In der räumlichen und zeitlichen Umgebung der ertüchtigenden Praxis nährt Walter eine trockene Geilheit. Er lockt die unschön geschrumpfte Libido hinter dem Ofen hervor. Er animiert den Restposten mit jungen Müttern, die zuhauf unter sich und den Rentner_innen sind, bis die Schule aus ist und ein Radau der losgelassenen Pubertät den nächsten Umsturz ankündigt. Hallende Wasserklangbilder untermalen die Stunden des geschwätzigen Ausschlusses elementarer Störungen.

Walters vom Chlor und von der Anstrengung getrübter Blick schnappt sich aus Versehen eine Mutter mit dem Bewegungsbild eines Kampfhundes. Sie guckt auch bissig zurück. Bald darauf erwacht Walter aus einer Ohnmacht und findet nicht mehr zurück in den aufgeräumten Trott seines Alltags. Er fährt heim und verwechselt da einen Saft mit seinem Blut. Er gönnt sich ein Essen vor dem Fernseher. In dem totalitären Fürsorgeregime, das bis zum Ablauf von Walters weltlicher Verweildauer herrschen wird, kann das nicht zur Gewohnheit werden. Yvonne hält so ein TV-Lunch für schädlich. Walters Herrin meldet sich von einer Menschenrechtskonferenz, klärt das greise Mündel fernmündlich ab und hat weiter ihren Spaß in weiter Ferne.

Walter verliert den vertrauten Kurs, sein halbwirres Selbstgespräch wird als innerer Monolog zur Kunstform. – Wird ohne einen weiteren Teilnehmer zum Entmündigungsgespräch. Kein Mensch bemüht sich, Yvonne ist schließlich auf der Konferenz oder liegt mit einem „großen, blonden … (jungen) Gockel“ im Kornfeld ihrer verlorenen Jugend. Der Badeunfall hat Walters Bewusstsein zersplittert. Die Matrix ist im Eimer. Walter macht Klimmzüge an biografischen Seitenästen. Er grimassiert vor Anstrengung. Gisela, seine erste Frau, erscheint auf einer extra schäbigen Bühne. Erst jetzt greift die Ahnung, dass Walter immer noch im Schwimmbad Bodenkontakt hält. Vielleicht wird er sich nie wieder erheben, der Titel deutet das an. In Walters Halluzinationen wälzt sich die Vergangenheit wie eine Armee Untoter aus grauen Schächten. Walter hat schon die Freiheit der Irren, wie die Literatur sie verzeichnet. Eine in langer Abwesenheit zur Unbekannten gewordene Autonomie sagt leise Hallo. Sagt: „Tanz mit der Sau.“ Sagt: „Immer schön rühren.“

Ja, das war mal, als Gisela noch mit einem Mann verheiratet war. Dem Vater ihres Sohns Felix. Walter Nowak hieß der Mann. Wo ist er geblieben? Walter bittet die Ex um Küchenhilfe. Im Gegenzug verspricht jemand eine „potenzerhaltende Operation“.
So geht das immer weiter, sollte Walter bereits in ein Krankenhaus verbracht worden sein? Julia Wolf bekam 2016 den 3Sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs für die nachbildlich purzelnden Eindrücke und den Erinnerungsschneematsch des Herrn Nowak. Oft verknappt sie ihn zu einer Gerüchtefigur und vermarktet seine Schwäche als einzige Hinterlassenschaft. Sie tritt ihn ins Jenseits. Am Ende liegt Walter wieder in veralteter Frische am Beckenrand und träumt hoffentlich schön.

Julia Wolf, Walter Nowak bleibt liegen, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, 157 Seiten

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erstellt am 20.3.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.