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13. März 2017

Textland

Im Auftrag der Tante

Der Stipendiat als Maulwurf – In Takis Würgers erstem Roman deckt ein Student aus Niedersachsen fast im Alleingang eine englische Verschwörung gegen die Menschlichkeit auf.

Sie ist schon todkrank und auf vielen Rückzügen an den Endpunkten, als das Leben in ihr die Neustarttaste drückt. Die Sieche trägt das Kind auf einem niedersächsischen Höhenzug aus. Sie nennt es Hans, vielleicht nach einem Großvater. Hans erlebt die Welt als Wald. Die Mutter kennt da jedes Kraut. Abends hört er sie husten, morgens sieht er nach dem Pferd, dass schon beim Schlachter angekommen war, bevor eine Sterbende ihm das Gnadenbrot versprach. Es gibt sogar einen anwesenden Vater. Er schweigt ins Holz. Takis Würger schildert den Schauplatz einer Kindheit in den Farben des allgemeingültigen Himmels und einer besonderen Verbergung. Die vielgesichtige Geschichte verfolgt Hans und eine englische Halbschwester der Halbtoten – die in Academia lehrend lebende Alex. Der Roman suggeriert einen nicht erzählten epischen Untergrund. So als habe jemand mit den Mitteln des Autorenfilms einen Stoff aus der Vom-Winde-verweht-Kategorie verarbeitet.

Hans verweigert Anpassungen, er bleibt für sich im Trutz der Eltern. Eines Tages schenkt ihm der Vater „schwarze Boxhandschuhe aus Rindsleder“. Die Handschuhe geben eine Richtung an. Das Boxen schafft Orientierung, als Hans – nach seinen Begriffen schuldhaft zum Waisen geworden – Zögling wird. Endlich holt ihn Alex nach Cambridge ans St. John’s College. Sie setzt ihn als Instrument der Aufklärung von Verbrechen und als Werkzeug der Rache in einem erstklassigen Fight Club ein.

Der Roman verdankt seinen Titel einer nach den Regeln des Faustkampfs schlagenden Studentenverbindung: dem Pitt Club. Prinz Charles gehört da zu den Alten Herren, nun kommt Hans aus dem Deister, agitiert von der grollenden Tante und fasziniert von den Riten einer selbstherrlichen Macho-Elite. Im Training schwitzt er die Clubhausgeselligkeit aus, Würger berichtet wie ein Reporter aus der Umkleidekabine. Hans ist kein geborener Boxer, er hat noch nicht mal Talent. Dazu kommen Selbstzweifel. Zugleich steht er im Bann einer Kunst, die in Jahrhunderten der Verfeinerung und Jahrtausenden ihrer Existenz das Verhältnis von Aufwand und Ertrag äußerster Effizienz zuführte. Über Sieg oder Niederlage entscheidet das kontraintuitive Vermögen im Verein mit dem taktischen Verständnis und den technischen Möglichkeiten. Ferner gefordert sind Herz, Luft, Auge (Mut, Kondition, Timing). Das ist nicht viel, reicht aber für alles.

Hans kommt gut an, man zieht ihn in den innersten Verbindungskreis. Nun hat er die Wahl, wen er verraten will: die Tante, die initiierten Kommilitonen oder den Vater seiner Geliebten, der als junger Mann zu dunklen Clubgeheimnissen beitrug.

„Der Club“ funktioniert wie ein Krimi. Alex bestellt bei Amazon einen Teleskopschlagstock für vierzehn Pfund. Eine Kundenrezension hat sie überzeugt. Sie nutzt das Werkzeug sachgerecht, danach duscht sie und cremt sich ein. Kein Zweifel an der Rechtmäßigkeit eines Totschlags bedrängt sie. Alex erlebt Selbstjustiz als Notwendigkeit. Das führt zu der Frage: Öffnen die Grenzen des Rechtsstaats einer Gewalt die Tür, die kein Straftatbestand erfasst und deshalb vom Bürger selbst eingedämmt werden darf?

Takis Würger, Der Club, Roman, Kein & Aber, 240 Seiten

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Takis Würger liest aus „Der Club“

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erstellt am 12.3.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.