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Wer sich mit der europäischen Sprachenvielfalt beschäftigt, stößt nach den Staatssprachen schnell auf eine Vielzahl von Minderheitensprachen, die nicht dialektal, sondern eigenständig sind. Roberta Dapunt schreibt ihre Gedichte auf Italienisch und Ladinisch, wie es im Gadertal gesprochen wird. In ihrer konzentrierten Poesie geht es um Landleben, Glauben und Zugewandtheit.

Europoesie: Roberta Dapunt

Bedürftig der Stille

Das Versatorium (Verein für Gedichte und Übersetzen in Wien) gründete sich auf Initiative des Dichters Peter Waterhouse 2011 am Institut für Komparatistik der Universität Wien und zählt etwa 25 Mitglieder. Zwölf davon haben am Gedichtband „la terra piu del paradiso – dies mehr als paradies“ von Roberta Dapunt mitgearbeitet. Nicht zuletzt deshalb fällt dieses Buch so aus dem Rahmen herkömmlicher Gedichtbände. Dem Leser fällt es nun zu, sich in einem wildwüchsigen Angebot an Übersetzungen zurechtzufinden.

Die Dichterin Roberta Dapunt, 1970 geboren im südtiroler Abtei, lebt und arbeitet dort mit ihrer Familie auf einem Bauernhof. Sie schreibt italienisch und ladinisch, das Rätoromanisch (nicht nur) des Gadertals. Nach einigen Gedichtbänden in italienischer Sprache ist im Wiener Folio Verlag (Transfer Bibliothek) 2012 eine zweisprachige Ausgabe von Dapunts „Nauz. Gedichte und Bilder“, und zwar auf Ladinisch und Deutsch erschienen. In diesem Buch werden Schweine geschlachtet, wird gemäht, Heu in den Stall gebracht und mit Glaubenszweifeln gekämpft. Die nur das Notwendigste berührende Sprache sieht auf Ladinisch den deutschen Leser fremd an: Das ‚tiroler’ Latein blitzt zwar beim lauten Lesen zuweilen hervor, aber hörend nachempfinden oder gar verstehen kann er das Ganze wohl nicht. Nun ist der Verlag mit Hilfe des Versatoriums noch einen Schritt weiter gegangen.

Die Gedichte in „la terra piu del paradiso – dies mehr als paradies“ sind auf Italienisch verfasst, zwei auf Ladinisch. Übersetzt sind sie ins Deutsche, zwei in eine alpine Mundart, die sich beim Lautlesen erschließt, drei erscheinen darüber hinaus in georgischer Schrift, die sich dem Unkundigen nicht erschließt, eins ist wortlos, nur mit seiner Interpunktion abgebildet.

Mehr denn je jetzt bin ich bedürftig der stille/ und des weinens weitend die sinne,/ der tränen, räume reich an einzigartiger einsamkeit. So beginnt der Gedichtband. Und silenzio, das im Deutschen mal zur Stille, mal zur Ruhe wird, durchzieht leitmotivisch das ganze Buch bis zum letzten Gedicht, in dem es heißt: Ich werde sterben in blitzen im juni,/ vor dem regnen, beim ernten der letzten bündel. … Und meine zarteste rückkehr wird sein/ die stille die hier die zeit verzehrt zwischen morgen und abend.

Konzentrierte Einfachheit, traditionelle Frömmigkeit und Zuwendung zu den Dingen sind die Kennzeichen der Lyrik von Roberta Dapunt. Wie von den Gefäßen und Häusern des Malers Giorgio Morandi geht von ihren Versen eine starke Kraft und Schönheit aus. Das Gedicht „mein glaubensbekenntnis“ beginnt mit den Zeilen: Ich hege die wiesen wie die dielen meines hauses,/ schaue auf das gras wie auf den teppich auf dem/ die kinder wurzeln und eine heitere zeit.

Im italienischen Original steht ‚un tempo contento’. Da verwandelt die Übersetzung die zufriedene Zeit in eine heitere, um einen Gleichklang durch einen anderen zu ersetzen. Ist damit der Sinn dem Klang geopfert? Solche Fragen, die sich dem Übersetzer und der Übersetzerin ständig stellen, sind nicht mit den Kriterien der Texttreue, der Nachbildungsanforderung und des Spielraums zu beantworten. Und doch stellen sie sich auch dem Leser, etwa im Gedicht „tod des Antonio Palumbo“: das leben hat keinen vorteil über das sterben. Dem zweisilbigen leben entspricht das sterben. Im Italienischen aber steht ‚la morte’. Dass das Leben keinen Vorteil über den Tod hat, ist freilich plausibel, – mehr als über das Sterben, das noch zum Lebensvollzug gehört. Solche Sinnderivate – und es sind nicht die einzigen in diesem Buch – mag man der Intuition des Übersetzenden zubilligen. „Auf diese Empfindung des Übersetzers muss sich der Leser wohl oder übel verlassen, denn sie ist für die Tonlage zuständiger als jede sprachliche Analyse.“, schreibt Esther Kinsky in ihrem Buch „Fremdsprechen“, in dem sie sich auf den Aufsatz „Die Aufgabe des Übersetzers“ von Walter Benjamin bezieht. Der hatte im darin geschrieben: „Kein Gedicht gilt dem Leser.“ Wenn dieser Befund nicht aporetisch sein soll, folgt daraus: Wenn das Gedicht nicht zum Leser kommt, muss der Leser zum Gedicht gehen. Und zur Übersetzung. Sie gehört neben und mit den beeindruckenden Versen Roberta Dapunts zum Abenteuer dieses Buches.

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Europoesie

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erstellt am 10.3.2017

Europa ist ein Ensemble der kulturellen Besonderheiten. Sie treten im Sprechen und Denken hervor und lassen sich in zweisprachigen Gedichtbänden nachlesen. In der Lyrik aber geht es darüber hinaus noch um Unübersetzbares, das unverzichtbar, aber wohl unerreichbar ist. Um diese Differenzen geht es bei der Übersetzung, und um solche Differenzen geht es in Europa. Um sie bewusst zu machen, veröffentlicht Faust-Kultur in loser Folge Besprechungen zwei- oder mehrsprachiger Gedichtbände.

Roberta Dapunt
dies mehr als paradies / la terra più del paradiso
Übersetzt von Versatorium (Khatuna Arshaulidze, Simon Arshaulidze, Julia Dengg, Helmut Ege, Ilia Gasviani, Nino Idoidze, Daniel Lange, Sonja Martinelli, Mathias Müller, Maria Muroni, Felix Reinstadler und Peter Waterhouse)
Gebunden,
 128 Seiten
ISBN 978-3-85256-680-1
TransferBibliothek CXXVI, Folio Verlag Wien / Bozen 2016

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Esther Kinsky
Fremdsprechen
Gedanken zum Übersetzen
Gebunden, 141 Seiten
ISBN: 978-3-88221-038-5
Matthes & Seitz Berlin, 2013

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