10. März 2017

Textland

Die Geologie der Kunst

Gemälde können Universen sein. Das weiß Ellie, die Reinkarnation einer Malerin des 17. Jahrhunderts – und Heldin in Dominic Smiths Meisterwerk „Das letzte Bild der Sara de Vos“.

Eleanor „Ellie“ Shipley hat eine Wohnung mit eigenem Wetter. Die australische Expertin für Maler des Goldenen Zeitalters (GZ betitelt eine niederländische Epoche) lebt in Brooklyn über dem Chemiemonsun einer Wäscherei der Fünfzigerjahre. Sie restauriert Meisterwerke in einem Schimmelparadies. Ihr kunsthistorisches Repertoire koinzidiert mit dem Wissen der Fälscher. Sie kennt die (Leinwandgrößen bestimmenden) Maße holländischer Webstühle im 17. Jahrhundert. Ellie setzt alte Techniken und Materialien ein. Sie erfindet anachronistische Verfahren neu. Sie schlachtet Originale und verwurstet sie zur Verbesserung bedeutender Bilder.

Ellie ist bis zur Besessenheit gründlich und findig. Die neuweltliche Gegenwart erlebt sie als befremdliche Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten. Für sich existiert sie in der Zeit und in dem Raum ihrer Leidenschaft. Schließlich kopiert sie eine Landschaftsschilderung, geschaffen von der ersten niederländischen Freilichtmalerin, zu einer Zeit als Schicklichkeitsevidenzen Frauen strikt ans Haus banden, so dass sie höchstens mit Stillleben ihr künstlerisches Vermögen vorzeigen konnten. Sara de Vos war das erste weibliche Mitglied der Amsterdamer Malermeistergilde. In der Wiederholung weitgehend vergessener Herstellungsprozesse begreift Ellie, dass sie zur Fälscherin geworden ist. Sie arbeitet nach Fotos, das Gemälde ihres Sündenfalls hängt noch im Schlafzimmer von Marty de Groot, einem New Yorker Anwalt mit philantrophischen Anwandlungen. Seit dreihundert Jahren befindet sich das Kunststück im Familienbesitz, als Ellies Kopie es an seinem Platz ersetzt.

Vierzig Jahre später ist Ellie eine akademisch unangreifbare Koryphäe in Sydney und wird als Spezialistin zur Sichtung des in der Zwischenzeit rätselhaft größer gewordenen De-Vos-Erbes herangezogen. Die Fälscherin als Garantin glaubwürdiger Expertise: allein dieser der Handlung elegant angepasste Sloop lässt das Leserherz höher schlagen. Smith versteht etwas von der Kunst des minimalen Auftrags. Man kann das Detail überlesen und in einer anderen Geschichte stranden wie ein Wal mit heißen Ohren.

Der Roman senkt seinen Theaterboden in die Lebenswelten der Sara de Vos und ihrer Reinkarnation. Marty sucht Ellies Nähe. Ihre Person schließt ihm seine Geschichte auf, die von Reichtum aus den irdischen Verankerungen genommen wurde. Das alte Geld, die Möbel und Bilder der Jahrhunderte zwingen Marty die unpersönliche Lebensweise eines Nachlassverwalters auf. So büßt er für ein Vermögen, zu dem er nichts kann. Die Geschichtel fährt einen in die Verbannungen und auf die Schatzinseln kindlicher Textaufnahme, wenn Marty und Ellie im Zustand der Gnade ihrer zusammen leuchtenden Exzellenz bei einer britisch abgefeierten Auktion in New York flämische Glanzlichter des Goldenen Zeitalters mit einem Enragé ersteigern, als ging es um die Rettung von Robbenbabys.

Dominic Smith, Das letzte Bild der Sara de Vos, Roman, Ullstein, 352 Seiten

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erstellt am 10.3.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.