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Der 1982 geborene Künstler Ed Atkins zeigt im Frankfurter Museum für Moderne Kunst zwei aufwendige Videoinstallationen. Ellen Wagner erlebte in der Ausstellung surreale Momente und brutal-poetischen Humor. In Atkins' Arbeiten entdeckte sie versteckte Bezüge zu Loriot und Salvador Dalí.

Ausstellung in Frankfurt

White Screen Virus

Ed Atkins, Hisser, 2015/2017, Ausstellungsansicht MMK, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York and dépendance, Brussels, Foto: Axel Schneider

Ein Singen und Summen erfüllt die Räume des Frankfurter Museums für Moderne Kunst. „Don’t Go Breaking My Heart – I couldn’t if I tried“ zwitschert es im Erdgeschoss, und aus dem ersten Stock tönt Ravels „Bolero“. Die erste Seite im Begleitheft zeigt ein Porträt des Künstlers Ed Atkins, der auch als Frontman einer britischen Rockband gute Figur machen würde. Ein CD-Cover zu einem Soundtrack, dessen Musikgenre erst noch definiert werden muss. Atkins zeigt im Frankfurter MMK1 zwei CGI-gerenderte Videoanimationen, die die Räume befallen wie Alpträume, die man hat, wenn man vor dem Schlafengehen zu lange Horrorfilme geschaut und dazu eine ganze Tüte Gummiwürmer gegessen hat.

In Florida wurde 2013 ein Mann von einem plötzlich sich auftuenden Erdloch verschluckt. Auf dieser Begebenheit beruht Hisser (2015/17), ein synchron auf insgesamt fünf Wände projiziertes, beim Gang durch die untere Ebene des MMK wie ein unheimlicher Wiedergänger hinter jeder Ecke lauerndes Video. Es zeigt einen Mann in seinem Schlafzimmer vorwiegend beim Nichtstun, apathisch im Bett und auf dem Boden liegend. Es gipfelt in einem Erdbeben, das sich effektvoll über die Spiegelungen der Projektion auf den Museumsboden überträgt und den Avatar ins Leere stürzen lässt.

In Safe Conduct (2016) findet sich derselbe Avatar an einem Nicht-Ort zwischen umgekippten Bistrostühlen, einem Kofferband und einem Gerät zur Gepäckdurchleuchtung, wie man es vom Flughafen kennt. Der Raum strahlt den kühlen Charme einer gerichtsmedizinischen Abteilung aus. Nach und nach verstaut der Avatar seine inneren Organe in praktischen Plastikboxen, als ginge es darum, metallene Gegenstände aus den Hosentaschen zu entfernen. Aus Sicherheitsgründen. Begleitet wird die routiniert durchgeführte Prozedur von einem cartoonartigen Schmatzen und Flatschen, wie von einer riesigen Ketchupflasche.

Auf den ersten Blick also alles ganz normal. Doch es gibt Unstimmigkeiten. Verdächtige Details, in denen sich das Innere auf unschöne Weise nach außen kehrt.

Ed Atkins, Hisser, 2015/2017, Ausstellungsansicht MMK, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York and dépendance, Brussels, Foto: Axel Schneider

Der Avatar scheint gut sichtbar Dreck unter den Fingernägeln zu haben, obwohl er wie in Isolationshaft in seinem garantiert antiseptisch gerenderten Zimmer eingesperrt ist, wo es absolut nichts gibt, womit man sich, im positiven wie negativen Sinne, die Finger schmutzig machen könnte. Ein paar Ikeamöbel. Ein Katzenposter. Ein überdimensioniertes Ohr, das direkt über dem Nachttisch von hinten durch die Wand kommt. Nichts Aufsehenerregendes. Bei näherem Hinsehen sieht man, dass der „Dreck“ bloß aufgemalt und das Resultat sorgfältiger Maniküre ist.

Wie feuchtigkeitsspendende oder Mitesser bekämpfende Schönheitsmasken zieht sich Atkins’ „Alter Ego“ einzelne Häute vom Gesicht, nimmt sich nacheinander Augen, Nase, Ohren ab. Verstörend ist dabei, mit welcher Unbekümmertheit er dies tut, dabei noch ein Liedchen schmettert und launig in den Bolero einstimmt. Bestürzt ist man nicht angesichts der in HD schillernden blaugrünen Flecken, die sein Gesicht überziehen. Bestürzend ist, wie isoliert der Avatar von der Welt agiert und wie unwahrscheinlich einem der Gedanke vorkommt, irgendein Gegenüber habe ihn so zugerichtet. Dieses Gegenüber gibt es nicht. Die Entstellung, so scheint es, ist gerade keine äußerlich zugefügte, sondern eine durch das Fehlen eines jeglichen Außens zustande gekommene.

Atkins’ Avatar hat offenbar eine Vorliebe für Loriot. Zumindest befindet sich ein dicker Band des Humoristen im Bücherregal des Protagonisten in Hisser, der Bolero-Sound aus Safe Conduct ist ebenso Hintergrundmusik in Loriots „Das Bild hängt schief“. Loriots Sketch spielt in einem bürgerlich-adrett eingerichteten Zimmer mit hellblauen Kerzen, Kunstdrucken, einem Blütenzweig in einer bauchigen Vase, einem Teller voller Orangen, einer Couchgarnitur in dezentem Sandfarben, einem Flokati. Der Raum wirkt kulissenhaft, eigentümlich künstlich und steril und teilt genau diese Atmosphäre mit dem CGI-gerenderten Schlafzimmer in Hisser. Beide Räume scheinen eine innere Disposition der in ihnen agierenden Protagonisten widerzuspiegeln: die fassadenhafte Aufgeräumtheit eines Möbelhauses, eines säuberlichen Arrangements aus Serienproduktionen und Attrappen.

Ed Atkins, Safe Conduct, 2016, Ausstellungsansicht MMK, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London and Gavin Brown's Enterprise, New York, Foto: Axel Schneider

Doch in Atkins’ Welt hängt mehr als nur ein Bild schief. Der feinsinnige Humor, mit dem Loriot seine Figuren aufeinander loslässt und ihnen die Stolpersteine der zwischenmenschlichen Interaktion in den Weg legt, wird zum brutal-poetischen Endlos-Sketch, in dem es nicht mal mehr Missverständnisse gibt. Immer wieder steigert sich die Musik, wird lauter, drängender, ebbt dann wieder ab. Wieder nichts passiert. Auch die in beiden Arbeiten immer wieder ertönenden Signaltöne signalisieren nichts. Sie kündigen nur sich selbst an, um gleich darauf im Labyrinth der Stellwände zu verhallen. All das passiert im Loop, während der Besucher selbst seine Kreise um die Screens und Projektionswände zieht.

Der Titel Corpsing meint das Aus-der-Rolle-Fallen eines Schauspielers – was Atkins Arbeiten demonstrieren, ist jedoch eher die Unfähigkeit ihrer Protagonisten, überhaupt eine Rolle zu spielen, sich in eine Beziehung zur Welt und zu anderen zu setzen. Der Avatar spielt nicht in einer Kulisse, sondern wandelt derangiert und orientierungslos in einem Modell von Wirklichkeit umher, in dem die Maßstäbe permanent durcheinander geraten. So erscheint er in Safe Conduct abwechselnd in Lebensgröße neben dem Kofferband, dann wieder als kleine Figur in einem der auf dem Band entlangfahrenden Behälter, wie im Land des Riesen, dann wieder selbst als Riese oder riesenhaft wirkender Mensch, von dem lediglich zwei angeschnittene nackte Beine am Bildrand in der Modelllandschaft zu sehen sind.

All das wirkt surreal, zu bekannt und völlig fremd. Die Surrealismusassoziation verdankt sich jedoch nicht nur oder nicht in erster Linie der wüsten Kombinatorik aus losen Körperteilen und Südfrüchten. Vielmehr hat man das vage Gefühl, dass hier eine in unserem Alltag verborgene „Über“-Realität durchschimmert, von der wir noch nicht genau wissen, ob wir sie uns herbeiwünschen oder fürchten sollen, obwohl wir doch (das ist das Paradox) bereits mitten in ihr leben.

Ed Atkins, Safe Conduct, 2016, Filmstill, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London and Gavin Brown's Enterprise, New York

Der Moment, in dem sich in Hisser der Erdboden öffnet, weckt Erinnerungen an Salvador Dalís La Gare de Perpignan (Der Bahnhof von Perpignan) (1965). Dalí scheint den Bahnhof, der eine besondere biographische Bedeutung für ihn hatte, als Auslöser eines Sturzes ins Bodenlose darzustellen, als perspektivisch uneindeutigen Ort, in dem es weder unten noch oben, weder vorn noch hinten gibt. Ob der Einbruch das Ende oder die Erlösung ist, bleibt offen.

In Hisser geht der Weg zum ewigen Licht über einen Zoom in die gleißend helle Oberfläche eines Flachbildschirms. Googelt man den Suchbegriff „leerer Bildschirm“ stößt man auf Erste Hilfe-Tipps gegen böswillige Trojaner, gute Ratschläge für Autoren mit Schreibblockade und eine Menge fröhlicher Menschen, die auf stock images lächelnd ihre Laptops und Smartphones in die Kamera recken, um stolz deren einheitlich schwarze und weiße Displays zu präsentieren. Die Angst vor der Leere und die Freude an der flexiblen Befüllbarkeit unserer persönlichen digitalen Welten mit wechselnden Inhalten sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Atkins’ Arbeiten aber machen sich erst gar keine Mühe, beide Seiten zu betrachten. Die Unausweichlichkeit des Geschehens und das Fehlen jedes „hoffnungsvollen Ausblicks“ machen ihre Stärke aus. Auch ein Neustart im abgesicherten Modus verspricht hier keine Abhilfe.

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erstellt am 09.3.2017

Ed Atkins, Safe Conduct, 2016, Filmstill, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London and Gavin Brown's Enterprise, New York

Ausstellung in Frankfurt

Ed Atkins. Corpsing

3. Februar 2017 — 14. Mai 2017

Museum für Moderne Kunst Frankfurt