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Der Theatertext „Schwarze Jungfrauen“ von Günter Senkel und Feridun Zaimoglu beruht auf Interviews mit radikalisierten Muslimas. Der Frankfurter Regisseur Jakub Gawlik hat den Text nun am Theater Trier inszeniert. Gawliks große Leistung besteht darin, Sympathie für die Figuren zu erzeugen und die Angst vor ihnen abzubauen, meint Andreas Engelmann.

Theater

Abendkleid statt Schleier

Von Andreas Engelmann

Wer ist der Islamist?

Diese Frage hat nach den Anschlägen der letzten Jahre an Zugkraft gewonnen. Es wird mehr darüber geredet, und je mehr geredet wird, desto gleichförmiger werden die Antworten.

Auch die „Schwarzen Jungfrauen“ befassen sich, auf eine Weise, mit dieser Frage. Der Theatertext von Günter Senkel und Feridun Zaimoglu beruht auf Interviews mit radikalisierten Muslimas. Er exponiert, er zerrt ins Rampenlicht, was sonst im Verborgenen bleibt. Dabei soll das Verworrene und Konspirative von Weltsichten zu Tage treten, die uns irgendwie fremd sind, aber auch die persönlichen Risse und Frustrationserfahrungen der Protagonistinnen. Es wird über Bomben und Sex gesprochen, Terroranschläge und Einsamkeit.

In der Inszenierung von Jakub Gawlik, der vorher am Residenztheater gearbeitet hat, ist das Stück bereits da, wenn die Zuschauer den Raum betreten. Statt von Schließerinnen werden sie von Schauspielerinnen im schwarzen Abendkleid empfangen, die freundlich lächeln. Es folgt eine sekundenschnelle Transformation: Das Licht geht nach unten und die freundlichen Frauen im Kleid konfrontieren das Trierer Publikum mit ihren Ansichten, dem, was sie sonst hinter einem Schleier halten. Dabei treten, teils chorisch, teils einzeln gesprochen verstörende, aber auch widersprüchliche Ansichten zu Tage. Es begegnen sich der Wunsch, in Demut bei Allah zu sein, mit Hasstiraden über die „Tetrapack-Fressen“, einer Verschwörung der Homosexuellen oder der Bloßstellung einer Lesbe. Eine Anwältin spricht über Flöhe, die man sich einfängt und die Freude am elften September. Eine andere über ihre Flucht nach Berlin, weil Bilder von ihr im Internet kursieren. Gemeinsam ist den Stimmen etwas Jugendliches und Naives, aber auch eine diffuse Wut, die erst hinter Parolen versteckt bleibt, im Lauf der Inszenierung aber immer verständlicher wird. Hat die Anwältin nur Unrecht, wenn sie beklagt, dass wir uns gerne die „Befreiungsgeschichten“ von jungen Muslimas anhören, dass wir soziales Scheitern lieber auf die strenge Religion als auf die eigene Person verlagern? Stimmt es nicht, dass uns die Leichen, „auf deren Gesichtern dicke fette Fliegen landen“ die meiste Zeit egal sind? Statt Schleier tragen die Frauen schwarze Abendkleider, und das erlaubt, dass sie sich bei Gawlik zu Projektionsflächen entwickeln, die an ihrem Text so viel Spaß haben, dass sie gemeinsam auf dem Bühnenteppich herumtollen können und Freude verbreiten, wo hinter jedem Satz eine Brandbombe lauert.

Die große Leistung der Inszenierung besteht darin, Sympathie für Figuren zu erzeugen, die seltsame Dinge sagen, aber auch darin, die Angst vor diesen Figuren abzubauen. Gawlik arbeitet die Divergenz in der Community heraus, aber auch die Orientierungslosigkeit und das Abstrakte dieses Glaubens. Das gelingt gut und passiert unmerklich und nebenher. So oft sich die Spielerinnen auf der Bühne auch zusammenfinden, es entsteht keine einheitliche Gruppe, die spricht. Die eine ärgert sich über die „Halbgläubigen“, die andere über „Traditionstürken“, die ihr den „Glauben kaputt stinken“. Eine Konvertitin offenbart sich als fremdenfeindlich. Nicht einmal auf den Schleier können sie sich einigen. Eigentlich gibt es nichts, was diese Menschen zusammenbringt.

Es ist eine Mischung aus Konzentration und Betroffenheit, in die sich das Publikum versetzt sieht. Anspannung und Lockerung wechseln sich ab, und gerade wenn es droht, zu viel der Freude am Spiel zu werden, tritt mit Gina Haller eine vierte Spielerin dazu, die einen Kontrapunkt setzt, indem sie ernst bleibt, wo vorher Trash-Referenzen aufgerufen wurden: Einhörner, Trump-Einspielungen oder dialektale Liedchen. Das alles vollzieht sich unmerklich, es kommt in den achtzig Minuten nicht zu Längen.

Sicher handelt es sich um einen Theatertext, der verstört. Trotzdem wird er bei Gawlik auf eine so natürliche Weise erzählt, dass das Abgründige plötzlich nicht mehr schrecklich und fremd erscheint. Mit hohem Einfühlungsvermögen und ohne pädagogischen Impetus lässt uns Gawlik an der Weltsicht seiner Figuren teilhaben, an ihrer Rede, an ihrem Spiel. Fast könnte man vergessen, dass es sich bei dem Stück ursprünglich um eine Konzeptarbeit handelte, die in Textform doch hölzern bleibt. Das verschwindet in einer Inszenierung, die aus dem Material eine eigene Poesie entwickelt.

Damit sind die Schwarzen Jungfrauen in Trier ein Theaterabend, der nachdenklich macht, auch weil es ihm gelingt, Ängste zu nehmen und Empathie herzustellen, poetisch zu sein und Radikalität und Hass als etwas erscheinen zu lassen, was nicht unendlich weit von uns selbst entfernt ist. Gawlik holt die Schwarzen Jungfrauen in unsere Welt.

Andreas Engelmann studierte Rechtswissenschaft und Philosophie in Frankfurt und Paris und ist seit 2011 Mitherausgeber und Redakteur der Literaturzeitschrift otium.

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erstellt am 09.3.2017

Szenenfoto „Schwarze Jungfrauen“, Theater Trier: ArtEO Photography

Theater

Schwarze Jungfrauen

Inszenierung und Ausstattung Jakub Gawlik
Dramaturgie Adrian Jager
Regieassistenz Joya Ghosh

mit Gina Haller, Juliane Lang, Nadia Migdal, Ronja Oppelt

Theater Trier

Szenenfoto „Schwarze Jungfrauen“, Theater Trier: ArtEO Photography