Die Vorlage stammt von dem russischen Schriftsteller Iwan Turgenjew (1818 – 1883). Der englische Dramatiker, Komiker und Regisseur Patrick Marber (geb. 1964) hat Turgenjews Stück „Ein Monat auf dem Lande“, das in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts spielt, entstaubt, deutlich gestrafft und frisch aufgeputzt: „Drei Tage auf dem Land“. Der Regisseur Andreas Kriegenburg (geb. 1963 in Magdeburg) hat jetzt die Übersetzung dieser Bearbeitung am Schauspiel Frankfurt – erfolgreich – auf die Bühne gebracht, als Farce in vier Sätzen. Eine Premierenkritik von Martin Lüdke.

Über ein komisches Trauerspiel

Die Protagonisten schwitzen, die Zuschauer lachen

Szenenfoto »Drei Tage auf dem Land«, Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Eins.

Es ist heiß, sogar schwül. Die Leute sind leicht bekleidet. Sie fächeln sich Luft zu. Irgendwann im russischen Sommer, irgendwo auf dem weiten russischen Land. Das Gut ist heruntergekommen. Die Bewohner, irgendwie, auch. Der Lack ist ab. Ein großer Wintergarten erstreckt sich über die ganze Breite der Bühne. Viel Glas, einiges geht zu Bruch.

Doch, darauf kommt es dem Regisseur, der auch für das Bühnenbild verantwortlich ist, offenbar an: die Verhältnisse bleiben durchsichtig.

Am Anfang spielen einige Leute Karten. Dabei scheint, (wie Robert Gernhardt hier zu sagen pflegte: „Mein Gott, ist das beziehungsreich. / Ich glaub’, ich übergeb’ mich gleich!“) Herz immer irgendwie Trumpf zu sein. Ein Mann sitzt draußen, neben der offenen Tür, ein Buch in der Hand, versucht wohl zu lesen, andere Personen laufen an ihm vorbei, auch auf der anderen Seite dieses geräumigen Gebildes ist Bewegung. Sommerfrische – so nannte man solches Treiben. Es ist die Bewegung im Stillstand.

Szenenfoto »Drei Tage auf dem Land«, Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Zwei.

Das Russland des 19. Jahrhunderts hatte sich von der industriellen Entwicklung Westeuropas weitgehend abgekoppelt und blieb ein Agrarstaat auf feudaler Grundlage. Die Großgrundbesitzer verfügten über Land und Leibeigene, aber kaum noch Zukunft. Turgenjew wurde schon angefeindet, weil er seinen Leibeigenen frei gelassen hatte. Auf den Landsitzen hockte eine parasitäre Klasse, die nicht nur ihre soziale Funktion, sondern auch den Sinn ihrer Lebensgestaltung verloren hatte. Die russische Literatur von Puschkin, Gogol, Turgenjew über Tschechow bis zu Gorki hat uns diese Situation eindringlich genug vorgeführt. Mit diesen Leuten haben wir es hier zu tun, auch noch in Marbers Bearbeitung. Es sind keine drei Monate mehr, nur noch drei Tage, sonst hat sich nicht viel verändert. Klar, die Sitten sind etwas lockerer geworden. Aus dem schmachtenden Blick kann jetzt durchaus mal ein Griff unter den Rock werden. Die Grundkonstellation aber ist geblieben. Die Komödie entwickelt sich freilich immer mehr zur Farce. Und die spielt Kriegenburg konsequent aus.

Szenenfoto »Drei Tage auf dem Land«, Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Drei.

Der neue Hauslehrer des kleinen Kolja, dem Sohn des Gutsbesitzer Arkadij und seiner Frau Natalja, ein junger mittelloser Student namens Beljajew, bringt wieder etwas Bewegung in die träge erstarrten Beziehungen. Er mischt, wie man heute sagt, die Verhältnisse auf.

Fast alle Frauen des Hauses, angefangen vom Dienstmädchen, über Natalja, der Herrin, bis hin zu deren junger Pflegetochter Vera, sind hinter dem jungen Mann her. Der fühlt sich überfordert. Bleibt ängstlich. Die offen bekundete Zuneigung der Damen schmeichelt ihm aber auch. Beljajew (Owen Peter Read) schwankt zwischen der Unsicherheit des Lakaien und der Selbstgewissheit eines begehrten Mannes. Er kennt seine prekäre Stellung, nur bei dem Dienstmädchen, seinesgleichen also, fühlt er sich wirklich wohl. Seine Ahnung trügt ihn nicht. Denn er ist es, der am Ende den Preis zu bezahlen hat. Er muss verschwinden.

Rakitin, als Freund der Familie bezeichnet, stiefelte mit Duldung des Ehemannes über Jahre schon hinter dessen Frau her. Er hält sich gerne über längere Zeiträume auf dem Anwesen auf. Der Ehemann, eher erleichtert als eifersüchtig, fühlt sich durch seinen Freund entlastet. Plötzlich aber ist Rakitin abgemeldet. Denn Natalja zeigt sich nur noch an dem neuen Hauslehrer interessiert. Doch ihr steht, wie sie meint, die junge, noch keine achtzehnjährige Vera, ihre Pflegetochter, im Wege. (Sie ist als Ergebnis eines Fehltritts des alten Grundherrn, ebenso recht- wie mittellos, in die Familie aufgenommen worden. Das sind die eigentlichen Protagonisten des Stücks. Um sie herum schwirren, wie die Mücken um eine Laterne, noch einige Randfiguren herum. Ein Arzt, der treuherzig offen (Oliver Kraushaar) die Gesellschafterin Lisaweta mehr zu einer Zweckgemeinschaft, als zur Ehe zu überreden sucht, deshalb von seinen Schwächen, nicht von seiner Zuneigung spricht und entsprechend abblitzt. Hinzu kommt auch die für den russischen Landadel typische Figur des reichen Nachbarn. Bolschinzow, ein rührend unbeholfener Trottel in zu kurzen Hosen und einem schlichten Gemüt. (Überzeugend vorgeführt von Peter Schröder.) Er wird am Ende die Jahrzehnte jüngere Vera heiraten. Das junge Mädchen, hoffnungslos verliebt in den neuen Hauslehrer, resigniert angesichts der Verhältnisse. Gefragt, ob sie den alten, aber gutmütigen Tropf heiraten wolle, sagt sie „ja“. Ob sie ihren Bräutigam denn jetzt sehen wolle, sagt sie „nein“. Gefühle, das zeigt sich hier drastisch, und daran hat sich seit hundertfünfzig Jahren nicht viel geändert, Gefühle muss man sich leisten können. Nicht nur materiell, wie es der junge Hauslehrer zu spüren bekommt. Auch emotional, wie es Franziska Junge als Herrin des Hauses, schwankend zwischen Anmaßung und Hingabe, überzeugend zeigt.

Szenenfoto »Drei Tage auf dem Land«, Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Vier.

Kriegenburgs Inszenierung überzeugt. Er präsentiert den Stoff mit jener lockeren Beiläufigkeit, deren er bedarf. Zu verstehen ist auch nicht immer alles, in den hinteren Reihen schon mal gar nicht. Doch darauf kommt es tatsächlich nicht an. Es geht nicht um Worte. Es geht um Bilder. Weltbilder.

Die Bühne ist offen und bleibt es. In beiden letzten Akten rückt nur der Wintergarten weiter in den Hintergrund. Die Akteure sind bereits in Bewegung, noch während die Zuschauer sich auf ihre Plätze quälen. Auch wenn es dann wirklich losgeht, passiert erst einmal – nichts. Die Hitze wird spürbar. Und die Leere.

Am Ende, die Kontrahenten sind abgereist, die Konflikte sind geblieben, kommen alle Akteure auf die Bühne zurück. Mit Stühlen, auf denen sie Platz nehmen. Wieder aufstehen, neue Stühle holen, wieder Platz nehmen, wieder Stühle über Stühle über die Bühne schleppen. Vielleicht um einen richtigen Platz zu finden. Im Leben. In der Gesellschaft. In der Geschichte.

Szenenfoto »Drei Tage auf dem Land«, Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Fünf.

In Becketts „Warten auf Godot“ stellt Estragon bereits in der Mitte des ersten Aktes fest: „So ist die Zeit vergangen.“ Wladimir erwidert ihm: „Sie wäre sowieso vergangen.“ Estragon gibt ihm Recht, ergänzt nur: „Ja. Aber langsamer!“

Da ist was dran.

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erstellt am 07.3.2017

Theater

Drei Tage auf dem Land

von Patrick Marber nach Iwan Turgenjews »Ein Monat auf dem Lande«

Deutschsprachige Erstaufführung

Regie und Bühne Andreas Kriegenburg
Kostüme Irina Spreckelmeyer
Dramaturgie Claudia Lowin

Schauspiel Frankfurt