Marc-Oliver Bischoff, Foto: Jamal Tuschick
Marc-Oliver Bischoff, Foto: Jamal Tuschick

6. März 2017

Textland

Die Rückkehr der Artamanen

Völkische Siedler, Reichsbürger, Neodruiden – Rechtsradikale fluten den ländlichen Raum mit Obskurantismus. Auch darum ging es an einem Abend mit Marc-Oliver Bischoff in der Berliner Zentrale der Amadeu Antonio Stiftung.

In der Bundesrepublik gab es von Anbeginn völkische Siedler, die dem geplatzten Traum vom Lebensraum im Osten – als einer Großfantasie des Dritten Reichs – nachtrauerten und ihren nationalsozialistischen Grundstock mit der Wolfsangel schmückten. Nordischer Zinnober und Irminsul-Zauber hatten einen unscharfen Erkennungswert. Als Besucher auf den Höfen war man nicht sicher vor Fehldeutungen. Der Zeitgeist imprägnierte den völkischen Bestand immer wieder neu mit Gesellschaftsfloskeln – einschlägige Betriebe konnten wie linksalternative Selbstversorger mit ein bisschen zu viel Wandervogelchichi und BDM-Zopfkranzzüchtigkeit erscheinen. Das waren keine Maskierungen. Ökologisch fundierte Blut & Bodenpolitik spielte nicht erst bei der Grünen-Gründung eine Rolle. Ich erinnere an Baldur Springmann. Inzwischen haben viele Subkulturen vom Hiphop bis zur nordhessischen Erdheilungsbewegung Rechtsausleger. Wie Rot und Grün auf braunen Ideenhochzeiten zusammenspielen, wurde zuletzt von Bastian Asdonk in “Mitten im Land” erzählt. Marc-Oliver Bischoff beschreibt in seinem Krimi “Die Sippe” eine freundliche Dorfübernahme mit den Mitteln und auf den Wegen aktiver Teilhabe. Bischoff orientierte sich an „rechtsextremen Raumgreifungen“ in Mecklenburg, wo ein Revanchismus der Adenauer-Ära wieder mit Leben erfüllt wird. Landsmannschaftliche Feststellungen können als transportable Light- und Folklore-Versionen nationalsozialistischer Verfestigungen faschistisches Treibgut (auch mit Erkennungsmelodiecharakter) austreten lassen, das sonst unter dem Kameradschaftsdeckel bleibt.

Bischoff las in der Berliner Zentrale der Amadeu Antonio Stiftung. Die Verpflichtungen seines Genres nahmen dem Vortrag die soziologische Vorlast. Es war wie Sonntagabend im Ersten. Auf der Suche nach der verschwundenen Schwester gerät Katharina in eine mit Runen bezeichnete Idylle. Da trägt keiner Jeans. Es gibt die hochgefiedelte Kunstschmiede und eine Papiermanufaktur in aller stadtflüchtigen Unverfänglichkeit. Noch weiß man nicht, ob völkisch oder freakig. Katharina lernt die Familie Rossmann kennen und hält die Leute erst einmal für religiöse Sektierer im Stil der Amish People. Harrison Ford lässt grüßen. Die Rossmanns verweigern gleichermaßen den Ramsch und die Erleichterungen der Gegenwart. Sie sind verantwortlich für eine Wiederkehr der Zwergschule mit Uniformzwang und noch mehr Vereinheitlichungen. Dabei ist die Familie erst seit einem Jahr im Ort. In einem weiteren Zusammenhang begreift sie sich als Sippe im rassistischen, antisemitischen und mythischen Vorstellungskreis des Völkischen.

Marius Hellwig, Referent für „Völkische Siedler im ländlichen Raum“ der Stiftung, fand seine Erfahrungen mit dem Forschungsgegenstand von Bischoff überzeugend verdichtet. Hellwig stützte die Erwartung, dass man in der Umgebung rechtsradikaler Expansionen einigermaßen arglos bleiben kann. Die Leute tun Gutes in strukturschwachen Gegenden. Sie bringen Geld, einen hohen Organisationsgrad und Formate lebbarer Gemeinschaftsverbindlichkeit mit. Im Landkreis Lüchow-Dannenberg schließen sie sich mit parasitärer Energie an bürgerliche Widerstandsgruppen. Öffentliche Einrichtungen werden unterwandert, das kommunale Element zurückgedrängt oder umgebogen. Waldorfschulen sind besonders anfällig für camouflierte Usurpationen. Ein Steckenpferd der Siedler ist die Wiederbelebung alter Nutztierrassen. Darin einen Beitrag im Kampf um ein rassisch homogenes Deutschland zu erkennen, gelingt nicht einfach. Tatsächlich gibt es viele Möglichkeiten der gemeinsinnigen Verblendung von Absichten, die sich „rassebewusst“ gegen „Volksfremde“ richten.

Ackern auf deutscher Scholle als Kulturauftrag, Selbstverwirklichung und dem Ende der Entfremdung – Traditionslinien lassen sich ziehen zu den (vom Bauerntum begeisterten) Artamanen der Weimarer Republik, die 1934 gleichgeschaltet – und deren Besitzungen im alten Geist ab 1990 neu bezogen wurden. Die ursprünglichen Artamanen betrieben eine sendungsstarke Ansiedlungspolitik und empfahlen sich so der Nachahmung. Neben ihnen treten die Ludendorffer als historische Bewegung auf, eine „Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“. Viele folgen der Idee rassischer Überlegenheit der Deutschen, die noch in einem kosmischen Stahlgewitter unter Beweis zu stellen sein wird. Demokratieverweigerung und vorchristliche Glaubensformeln sind weitere Merkmale. Davon muss der unbefangene Zeitgenosse in seiner Eigenschaft als Nachbar völkischer Siedler wenig mitkriegen. Er freut sich nur über die hilfsbereite Dorfverschönerungskompetenz des Herrn Rossmann und seiner Sippe.

Marc-Oliver Bischoff, Die Sippe, Kriminalroman, Grafit Verlag, 317 Seiten

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Bastian Asdonk, „Mitten im Land“, Roman, Kein & Aber, 215 Seiten

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erstellt am 06.3.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.