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In ihrem Buch „Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten“ setzt Sibylle Berg auf kompromisslose Konfrontation mit der Gegenwart. An ihren neunzehn Reisezielen dominiert häufig die brutale Fratze der Welt, frei von Abenteuerlust, Romantik und Spaß. Reinhard Boos hat das Buch gelesen.

Buchkritik

»Ich wünsche Ihnen ein schönes Leben!«

Von Reinhard Boos

„Wunderbare Jahre, Als wir noch die Welt bereisten“ klingt wie ein Versprechen auf unvergessliche, unbeschwerte und ungefährliche Reisen. Doch bereits der Prolog raubt dem Leser diese Illusion. Wer Sibylle Bergs Werk kennt, hätte es sich denken können. Berg setzt auf kompromisslose Konfrontation mit der Gegenwart. Die gespeicherten Wohlfühlbilder von Paris, London und Italien sind schöne Erinnerungen. Sie überdecken den Moloch heutiger Großstädte, können Gewalt, soziale Ungleichheit, Terror und Flüchtlingselend aber nicht verdrängen. Egal, wohin der Europäer auch reist, unbeschwerte Idylle findet er nur noch in den Reiseberichten des Spartenfernsehens und in den Geschichten von früher.

Bergs Reisen haben mit ihnen nichts gemein. An ihren neunzehn Reisezielen dominiert häufig die brutale Fratze der Welt, frei von Abenteuerlust, Romantik und Spaß. Jedes Kapitel wendet sich einer weltweit verstreuten Reisestation zu und wird mit einem fortführenden Postskriptum aus der jüngeren (Schreckens-) Gegenwart ergänzt. Eindrucksvoll unterlegen die Illustrationen von Isabel Kreitz ausgewählte Motive der einzelnen Kapitel.

Berg bleibt radikal

Die Reiseorte könnten unterschiedlicher nicht sein. Berg nimmt uns mit in den Kosovokrieg des Jahres 1999, prangert den Voyeurismus der internationalen Reporter an, berichtet in eindrücklichen Bildern vom Kriegsalltag und der Hoffnungslosigkeit der Menschen, dem Versagen der NATO-Truppen und der internationalen Gemeinschaft.

In Bayreuth folgen wir ihrer schonungslosen Abrechnung mit den Ehrengästen der berühmten Festspielen und dem Rassismus und Antisemitismus eines Richard Wagners. Ihr stürmischer Applaus für eine großartige Schlingensief-Inszenierung ist nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer, der den erbärmlichen Zustand der Welt für einen Moment vergessen lässt. Berg bleibt in ihrer Botschaft radikal: Die Welt ist dem unvermeidbaren Untergang geweiht („Vielleicht ist Totsein wirklich nicht die schlechteste Alternative.“).

Bis es soweit ist, wird sich Berg aufregen. Sie kann nicht anders. Kompromisslos verurteilt sie im Kapitel „Das Totenschiff“ die profitgierige Kreuzfahrtschiffindustrie und seziert deren Passagiere, Angehörige einer anspruchslosen Mittelschicht. Unter Aufgabe ihrer Individualität frönen weltweite Globalisierungsgewinner für ein paar Tage fast rund um die Uhr dem puren Vergnügen, diktiert von einem vorgefertigten Unterhaltungsprogramm, garniert mit Augenblicken von ein bisschen Kultur.
Ihre Kritik geht in einen eindringlichen Appell über. Selbstbestimmte Menschen können sich anders entscheiden, müssen sich nicht dem Massentourismus und seinen Auswüchsen unterwerfen. Sie können auch mal zu Hause bleiben oder anders reisen. Berg zweifelt, dass sich etwas ändern wird. Wahrscheinlich ist es sinnlos. Wohin soll sie auch gehen? Aber sie reist weiter.

Weiter nach Myanmar, dem ehemaligen Burma, mit der Gewissheit zu Hause einen sicheren Urlaub gebucht zu haben, die Militärdiktatur ignorierend, um eine schöne Geschichte, ein Buch zu schreiben. Unvermittelt steht sie mit Todesangst und allmählich einsetzendem Verständnis für eine Rebellengruppe jungen Asiaten gegenüber. Durch einen Trick kommen ihre Begleiter und sie mit dem Leben davon. Berg stellt am Ende die unbeantwortete Frage, warum diese Menschen früh sterben müssen und sie weiterleben kann.

Das wirkliche Afrika treffen

Weiterleben und weiterreisen. Zum Beispiel auf Safari in Südafrika. Das Alter treibt Berg an, sie möchte „Erlebnislücken“ füllen. Ihre präzise Beobachtungsgabe, unterlegt mit ironischen Kommentaren („Die Reichen sperren die Armen aus. Immer ein Zeichen für Sicherheit und gerechte Demokratie.“), zeichnet ein anderes Südafrika, abseits der Sehnsucht nach „desinfizierter Ursprünglichkeit“ des Rund-um-sorglos-Tourismus mit Townshipbesuchen in Vorführhütten, Übernachtungen in luxuriösen Hütten und geführten Safaris zu einstmals vertriebenen, heute bestaunten seltenen Tieren. Berg möchte das wirkliche Afrika treffen und flüchtet aus den paradiesischen Zuständen. Sie trifft auf nicht überwundene Apartheid, auf Armut, die sich auf Schwarze und Weiße verteilt, auf das Schicksal schwarzer Frauen, von denen jede Zweite im Laufe ihres relativ kurzen Lebens sexueller und körperlicher Gewalt ausgeliefert ist, und auf steinreiche europäischstämmige Bevölkerung in bestens gesicherten Domizilen. Dieser Schicht ist der Anschluss „an unseren wunderbaren Kapitalismus“ geglückt. Wer möchte sich in solchen Lebensumständen über die höchste Korruptionsrate der Welt, die große Armut und hohe Arbeitslosigkeit, den Fremdenhass der Ärmsten und des Mittelstandes gegenüber Zentralafrikanern, die Lakaienarbeit verrichten, aufregen?

Bergs Ausführungen enden mit Hoffnung auf ein anderes, gerechteres Südafrika. Sie fordert Geduld, „die Welt wird besser“. Dieser Optimismus steht konträr zu ihrer Befürchtung, dass das aktuelle Südafrika ein Modell für die gesamte Welt werden könnte, „wenn der ungebremste Kapitalismus sich selber überholt und explodiert.“ Am Ende ist Berg unschlüssig, ob sie mehr von diesem Afrika sehen möchte.

Mehr vom Leben eines Mädchens in Bangladesch möchte wahrscheinlich kein Leser erfahren. „Mein Leben als Hund“ ist das eindrucksvollste, weil erschütterndste Kapitel des Buches. Berg schildert das kurze erbärmliche Leben des Mädchens Parul. Ihr Martyrium beginnt mit dreizehn Jahren, als sie mit einem zehn Jahre älteren unbekannten Mann verheiratet wird. Fern ihres Heimatdorfs vegetieren sie in verschiedenen Slums der Hauptstadt Dhaka. Parul hat keine Überlebenschance. Unterwürfigkeit, Ausbeutung, Schläge, Vergewaltigungen und Verachtung bestimmen ihr Leben. Als sie fünfundzwanzig Jahre alt ist und vier Kinder bekommen hat, wird sie von ihrem Mann verstoßen, durch eine jüngere Frau ersetzt und zu Tode geprügelt. Berg brandmarkt eine gewalttätige (Männer-) Gesellschaft, die trotz bestehender Gesetze zum Schutz der Frau vor Gewalt, jede Achtung, jeden Respekt vor der Frau vermissen lässt.

Berg gibt nicht auf. Und wird immer wieder enttäuscht. Auf ihren Stationen, ob in Italien, Weimar, bei den Filmfestspielen in Cannes oder den Gurus in Indien, werden ihre Träume und Sehnsüchte von einer Wirklichkeit überlagert, die ihre Verabschiedung vom Leser „Ich wünsche Ihnen ein schönes Leben!“ fast wie Hohn klingen lässt.

Reinhard Boos ist Autor und Verleger: reinboos.jimdo.com

Siehe auch:

Maria Ostermanns Roman »Das Ende der Aufzählung«

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erstellt am 05.3.2017

Sibylle Berg
Sibylle Berg

Sibylle Berg
Wunderbare Jahre
Als wir noch die Welt bereisten
Gebunden, 192 Seiten, mit Illustrationen
ISBN: 9783446253599
Carl Hanser Verlag, München 2016

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