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Der Philosoph Peter Sloterdijk hat, ungeachtet diverser anderer Projekte, die bedient werden wollten, der Literatur einen Besuch abgestattet. Ein Roman mit dem leicht verrätselten Titel „Das Schelling-Projekt“ ist entstanden. Otto A. Böhmer hat Sloterdijks Roman gelesen und fand darin wenig Lobenswertes.

Buchkritik

Die gelehrte Sau rauslassen

Als wir uns seinerzeit an einer Art Porträt des vielseitigen Philosophen Peter Sloterdijk versuchten, war da (u.a.) zu lesen: „Wenn Sloterdijk eines Tages genug von der Philosophie hat, wird’s er, wie er selbst schon einmal selbstironisch in Erwägung zog, vielleicht den ‚großen Roman des 21. Jahrhunderts’ schreiben.“ Tatsächlich hat der Philosoph, ungeachtet diverser anderer Projekte, die bedient werden wollten, der Literatur inzwischen einen Besuch abgestattet, der nicht ohne Folgen blieb: Ein Roman mit dem leicht verrätselten Titel „Das Schelling-Projekt“ ist entstanden, an dem es, um es vorwegzunehmen, mehr auszusetzen als zu loben gibt. Es geht, im allerweitesten Sinn, um das Mysterium des weiblichen Orgasmus, dem, wen wundert’s, auch die kundigsten Männer noch immer nicht so recht auf die Spur gekommen sind, so dass, erfreulich eigentlich, Handhabungsdefizite bleiben, mit denen versierte Liebhaber ebenso zu rechnen haben wie zurückgenommene Zeitgenossen, die vom Geschlechtsbetrieb ohnehin mehr eingeschüchtert als angelockt werden. Schelling, unter den deutschen Idealisten womöglich der abgründigste Denker, gerät in die Titelzeile von Sloterdijks Roman, weil sich von ihm, so zumindest die (fiktive?) These des Autors, eine Theorie zu beziehen ist, die in der weiblichen Climax ein Spiegelbild des evolutionären Bemühens sieht, auch in der Naturgeschichte zum Höhepunkt zu kommen. Das klingt nicht sehr spannend, ist es auch nicht, was vor allem am Autor liegt, den Lesbarkeitskriterien nicht interessieren, wohl aber der Irrwitz, den man sich gönnt, wenn ambitionierte Denker locker werden und, zu ständig vorgerückter Stunde, die gelehrte Sau rauslassen. Das Schelling-Projekt, mit dem man sogar Förderung bei der guten alten Deutschen Forschungsgemeinschaft beantragt, besteht im wesentlichen aus ungeschütztem Emailverkehr, dem sich die beteiligten Wissenschaftler, die der Autor, der selbst als Peer (!) Sloterdijk auftritt, mit nachgerade bescheuerten Namen ausstattet (Guido Mösenlechzner u.a.), nur zu gerne hingeben. Ein Partnertausch findet dabei nicht statt, denn Sloterdijk bleibt unter sich; insofern muss er im Roman eigentlich nichts anderes tun als sonst auch: er argumentiert und räsoniert in eigener Sache, breitet ein Wissen aus, das imposant anmutet, manchmal auch nur geistreich, was indes nicht wenig ist und andere, trotz wackerem Bemühen, nicht hinbekommen. Der Autor steht auf gutem Fuß mit sich selbst, er hat etwas zu sagen, und für den Beifall kann er, wenn denn sonst nichts mehr kommt, auch selber sorgen: „Relevante Kommunikationen, soweit sie Gattungsmitglieder betrafen, liefen früher ohnehin nur zwischen humanoiden Individuen ab, den später sogenannten Subjekten, sofern man die Überwelt beiseitelässt …“

Auch in die Überwelt gelingt der Aufstieg, wenn der eigenen Kompetenz viel, womöglich sogar alles zuzutrauen ist. Oben angekommen setzt vielleicht das Vergessen ein, vielleicht aber auch nicht; man kann sich dann, wiederum unter Berufung auf einen Zeitzeugen aus nicht mehr vorhandenen Zeiten, ans genaue Gegenteil halten: „Das Gehirn ist ein Schwamm, der den Kosmos ansaugt. Du kennst Bergson? Materie hat kein Gedächtnis, sie ist Gedächtnis. Normalerweise behält die nervöse Materie, was sie wiederverwenden will.“ Aus diesem Roman, der kein Roman ist, sondern eine Selbstansprache mit aufgesetzter Rollenverteilung, behält der nervös gewordene Leser nichts, was er wiederverwenden möchte. Immerhin darf er sich, wenn er dazu noch in der Lage ist, über einen positiven Befund freuen, den sich der Autor bereitwillig selbst ausstellt: „Ich erinnere mich gerade daran, dass ich kürzlich in einem Pariser Hotel am Louvre, wo ich mit einer Dame eine halbe Woche zubrachte, eine Flasche Champagner aufs Zimmer kommen ließ. Edles Gewächs. Wir tranken nicht aus, weil andere Prioritäten gegeben waren. So blieb das Getränk eine Weile im Kühler stehen, später bemerkten wir beide mit Erstaunen, dass noch am dritten Tag Perlen vom Boden der Flasche aufstiegen. Ich bin vor achtundsechzig Jahren geöffnet worden. Kein Mensch weiß, woran es liegt, dass es weiter perlt.“

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erstellt am 03.3.2017

Peter Sloterdijk
Das Schelling-Projekt
Gebunden, 248 Seiten
ISBN: 9783518425244
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

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