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Thomas Rothschild wundert sich über die devote Berichterstattung zur Oscar-Verleihung. In der meistbeachteten Preisverleihung der Welt sieht er eine Werbeveranstaltung für die Dominanz der amerikanischen Filmindustrie.

Kontrapunkt

Journalistischer Schwachsinn

Ob „La La Land“ oder „Moonlight“ – welcher von den beiden den Oscar für den angeblich besten Film des Jahres erhält, ist so belanglos wie die Frage, ob Frau Müller zum Frühstück Brötchen isst oder Graubrot. Die Katastrophe ist nicht die Verwechslung der Kuverts bei der Preisverleihung, sondern der Zustand von Medien, die die banale Oscar-Show aufwerten und von ihr berichten, als wäre sie wichtiger als alles, was zur gleichen Zeit auf der Welt passiert. Der Oscar wäre nicht mehr wert, wenn „Toni Erdmann“ einen erhalten hätte, und er ist nicht weniger wert, weil der iranische „Salesman“ vorgezogen wurde. Mit dem „besten Film“ oder einem besten Irgendwas haben die Oscars so viel zu tun wie Persil mit dem besten Waschmittel. Die meistbeachtete Preisverleihung der Welt ist, dem Alibi des Auslands-Oscars zum Trotz, nicht mehr und nicht weniger als eine Werbeveranstaltung für die Dominanz der amerikanischen Filmindustrie, und die europäischen Medien machen sich zu deren devoten Helfershelfer. Hollywood oder Wall Street: der unabhängige, kritische Journalismus ist ein Auslaufmodell.

Der journalistische Schwachsinn erreicht in der Oscar-Nacht zwar seinen tragischen Höhepunkt, aber er beschränkt sich nicht auf dieses Pseudoereignis. Die Oscar-Berichterstattung ist lediglich ein Symptom für den Niedergang der Medien im Zeitalter der Konkurrenz mit dem Internet. Erinnert sich noch jemand daran, dass es einmal Zeitungen von der Neuen Zürcher Zeitung bis zur Frankfurter Allgemeinen und zur ZEIT gab, die sprachlich so viel mitzuteilen hatten, dass für (schwarz-weiße) Fotos nur sehr wenig Platz blieb? Heute sehen sie alle aus wie damals die mit gutem Grund verachtete und bespöttelte BILD Zeitung. Die Leser werden wie Analphabeten behandelt, die Seiten bis zur Hälfte mit Farbbildern gefüllt. Und was steht im verbliebenen Rest? Jenes Nachrichtenmagazin, das einst für seinen investigativen Journalismus berühmt und zu Recht bekämpft und gepriesen wurde, hält heute Themen wie diese für behandelnswert: die neuesten Meldungen und Gerüchte über das Liebes-, Sex- ud Trennungsleben von Brad Pitt und Angelina Jolie oder von Amal und George Clooney; David Cassidy leidet an Demenz; Meryl Streep ist auf Karl Lagerfeld sauer; ein Hirsch hat sich einer Rinderherde angeschlossen; im Münchner Zoo hat sich ein Eisbärenbaby ins Freigehege getraut; in Hamburg wurde ein Hundeentführer an der Stimme erkannt; der Bürgermeister von Rio ist nicht zur Karnevals-Eröffnungsparty erschienen; Iwan Rheon, wer immer das sein mag, spielt in der Comic-Serie „Inhumans“. Anzeigen (in der Bedeutung von Strafantrag, nicht von Annoncen!) wird es dafür sicher keine geben. Ein heutiger Franz Josef Strauß kann angesichts solcher Medien ruhig schlafen. Wach bleibt nur, wer aktuell über die Oscar-Preisverleihung informiert sein möchte. Weil das Beste nur gut genug ist.

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erstellt am 27.2.2017