27. Februar 2017

Textland

Gereimte Einkaufszettel

Entweder Wachtellack oder Menschenrechtsverletzung – Die „Chinabox“ in der Buchdisko

Die Panke trat über ihre Ufer und lud die Menge zu einem Bad ein. In Pankow blieben trockenen Fußes nur die Daheimen. Der Nordosten Berlins überzieht eine jugendliche Endmoränenlandschaft voller Erlenlöcher und Kesselmoore mit verdichteter Unterschiedlichkeit. Wo man sie lässt, tritt die kolonisierte Natur massiv auf. Nachts tobt der Bär im Schlosspark von Schönhausen. Ganz weit vorn ist man mit urban gardening. Auch Ineinssetzungen der Pankower Topografie mit moribunden Vergleichen und lyrischem Flausch treffen ins Schwarze der gehobenen Zeitgenossenschaft neuronaler Netzwerker. Natürlich vermeide ich Orte, wo man Leute trifft, die sich über Leute in atmungsaktiven Jack Wolfskin Fleecejacken lustig machen, obwohl feststeht, dass diese Leute, die jederzeit Fettstifte ins Zentrum seitenlanger Debatten rücken können, dann, wenn sie viel Glück haben, im Wolffleece einmal ihre letzte Stunde schlagen hören werden. Außerdem halten die Genossen sich für sapiosexuell. Um garantiert keinem Sapiosexuellen zu begegnen, ging ich zur Buchdisko hin, einem Schauplatz der „Poetisiert Euch now“-Offensive. Samisdat war gestern, eine Agentin des Verlagshauses Berlin machte die Ansagen amtlich, Lea Schneider öffnete ihre Chinabox. Schneider kann alles. Ihre Chinabox wird man allgemein einmal so bestimmend finden, wie das Acid von Brinkmann & Rygulla oder Rygullas solistischen Vorläufer Fuck you. An die Stelle vieler little mags (der Periodika des Sechzigerjahreuntergrunds) ist big mag getreten, eine große Kiste voller zweidimensionaler Kaninchen; Schneider lässt sie fliegen wie den Vogel P’ong, der lange vor unserer Zeitrechnung als armer Schlucker angefangen hat, schließlich aber mit Flügeln so weit wie der Himmel zum ersten Mal durch die Schallmauer brach. Das wissen wir von seinem Biografen Zhuāng Zhōu, dem Titel wie „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“ zugeschrieben werden, so wie der „Gesang im Teehaus zur Grünen Wachtel“ und Die „Lackgartensimulation“. Schneider stellt fest, dass die Deutschen in ihrer Chinawahrnehmung Gefangene der Wachtellackexotik sind. Entweder Wachtellack oder Menschenrechtsverletzungen. Hauptsache überheblich. Doch entflügelt diese Arroganz in Peking keine Ente. Da schlachten Dichter die europäischen Modernen seit Sturm und Drang im Akkord. Sie jonglieren mit Celanen, die ihnen schillernde Eichendörfer aufschließen. Ist alles bloß Material und so weit weg vom eigenen Kanon, das einfach zur Verfügung steht, was in Deutschland von Schicklichkeitstabus und anderen sprachpolizeilichen Hilfsmitteln aus dem Verkehr gezogen wurde. Die Gegenwart bietet sich Han Bo als modernes Werkzeug an, in durchgezogener Kleinschreibung: „ein gleis, von greenwich-zeit als wohnung genommen, nervös, tee an tasse genippt. ab und zu erzwingt sie den abriss der konstruierten moderne, wohnt dann in einer gegenwart, die an selbstverbrennung denkt: schwarzer rauch schwappt nach russland. dinge des fortschritts kann man nicht abreissen, sie erwarten den tod.“

Da ist viel Konterbande, ist unterlaufende Rhetorik, ist Opposition, Kampfansage und Selbstgespräch. Ist Kulturkampf, Wu Wei und Gong-fu auf den Traditionslinien des politischen Gesangs.

Schneider präsentiert zwölf Autor*innen der Jahrgänge 1956 bis 1980 auf Deutsch und im Original. Drei Jahre lang kämpfte sie mit der Auswahl. Sie entschied sich für Zang Di, Lü Yue, Jiang Tao, Wang Pu, Sun Wenbo, Ming Di, Jiang Hao, Zhou Zan, Zheng Xiaoqiong, Yan Jun … alle fand sie extrem belesen und viele begabt für hybride Formen und lustvolle Sprengungen poetischer Konventionen. Jede® entkräftete die westliche Vorstellung von China als dem großen Anderen, eingesperrt im Riesenhaften. Das Gegenteil beschreibt die Praxis. Längst ist China das Zentrum und Europa zuliefernde Peripherie.

Neben Schneider brachte Tobias Roth die Renaissance ins Spiel. Er las Gedichte von Giovanni Gioviano Pontano (1429-1503). Seine Übertragungen heißen nach einem Kurort der neapolitanischen Intrige „Baiae“. Pornograf Pontano trumpte kriegsbedingt an die Spitze eines Königreichs, verfolgt vom eiligen Eros. Pontanos Kopulationskorrespondenzen wurden inspiriert von Catull, dem Vergessenen. Anders als Virgil, „der schon zu Lebzeiten Schulbuchautor war und das bis heute geblieben ist“ (Tobias Roth), verlor Catull sein Andenken bis zur Wiederentdeckung.

Das lyrische Ich ist in „Baiae“ ein Greis mit stotterndem Glied. Es lobt sich für bloße Lippenbekenntnisse im Elfsilbermaß. Es nimmt Maß an Bagatellen, führt lyrisch Beschwerde, listet kunstvoll den täglichen Bedarf. Solche Poetisierungen der Einkaufszettel zierten den Neapolitaner von Welt.

Lea Schneider (Hg): Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik China, Verlagshaus Berlin, 350 Seiten

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Tobias Roth (Hg): „Baiae Zwei Bücher Elfsilber“, Verlagshaus Berlin, 200 Seiten

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erstellt am 27.2.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.