Walter Benjamin gilt als eine der rätselhaftesten Figuren der neueren Geistesgeschichte. Wirklich entdeckt wurde er im Zuge der Protestbewegung der späten sechziger Jahre. Nun hat der langjährige F.A.Z.-Feuilletonredakteur Lorenz Jäger eine neue Biographie Benjamins vorgelegt, und Martin Lüdke hat sie studiert.

Lorenz Jägers Walter Benjamin-Biographie

Versuch der Wiederbelebung

In einem der vielen Erinnerungsbände an Walter Benjamin findet sich die Geschichte seiner Verabredung mit Ernst Bloch im Café Kranzler am Berliner Kurfürstendamm. Benjamin geht auf Bloch zu, begrüßt ihn herzlich und fragt, völlig unvermittelt: „Ist Ihnen schon einmal das kränkliche Aussehen der Marzipanfiguren aufgefallen?“

In der neuen Biographie Benjamins, die der langjährige F.A.Z.-Feuilletonredakteur, zuletzt Leiter des Ressorts Geisteswissenschaften bei der Zeitung, hinter der immer noch kluge Köpfe sitzen, Lorenz Jäger eben vorgelegt hat, taucht zwar Bloch auf, aber nicht diese kleine Geschichte. Das ist kein Versäumnis, wie auch. Doch ließen sich aus dieser Anekdote unschwer die Kriterien entwickeln, an der eine Biographie Benjamins gemessen werden könnte. Nämlich der physiognomische Blick und dieses Moment der Überrumpelung, das sich als Kehrseite des Benjaminschen Begriffs vom „Choc“ dechiffrieren ließe.

Benjamin gilt zurecht als eine der rätselhaftesten Figuren der neueren Geistesgeschichte. Aus den Namen seiner Freunde ergibt sich ein Spannungsfeld, das nebenbei deutlich macht, warum er sie, die Freunde, so sorgsam auseinanderhielt und peinlich darauf achtete, dass es zu keinerlei Kontakten zwischen ihnen kam. Bloch, der messianische Utopist, und Adorno, das Musenkind, Brecht und Gershom Scholem. Dazu Asja Lacis, die lettische Kommunistin. Fehlte nur Heidegger noch, um den Bogen zu schließen. Doch der war immerhin durch Hannah Arendt, seine Schülerin, vertreten. Weiter noch Hugo von Hofmannsthal und Florens Christian Rang. Wahrlich ein weites Feld, in dem sich Benjamin lebend, denkend und schreibend bewegte. In Zuge der Protestbewegung der späten sechziger Jahre wurde Benjamin, man kann kaum sagen wieder-, sondern überhaupt erst wirklich entdeckt. Lange Zeit musste ein zweibändige Auswahl seiner Schriften genügen, von Adorno und Scholem gemeinsam herausgegeben, nach und nach erschien dann Buch um Buch bis hin zum nachgelassenen „Passagenwerk“.

Am 1. März 2017 stellte Lorenz Jäger seine neue Biographie Walter Benjamins im Gespräch mit dem Berliner Literaturwissenschaftler Erhard Schütz in Frankfurt vor.

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erstellt am 26.2.2017

Lorenz Jäger
Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten
Gebunden, 395 Seiten
ISBN: 9783871348211
Rowohlt Berlin, 2017

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