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Brigitte Kronauers neuer Roman „Der Scheik von Aachen“ erzählt von den Zumutungen der Wirklichkeit, denen manchmal nur noch mit begründeten Träumen beizukommen ist. Im Mittelpunkt steht die nicht mehr ganz junge Anita Jannemann, die aus Zürich in ihre Heimatstadt Aachen zurückgekehrt ist. Am Ende dieses Romans feiert die Liebe eine Auferstehung, weiß Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Immer nach Hause

Als wir „Gewäsch und Gewimmel“, den 2013 erschienenen Roman der Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer vorstellten, war an dieser Stelle (u.a.) zu lesen: „Gewäsch und Gewimmel ist ein wunderbares Buch, ein Kompendium der Weltweisheit, das den Witz kennt und die stille Verzweiflung und von Höhenflügen berichtet, die, angesichts hiesiger Haftungsbedingungen, gar nicht gut gehen können, was uns aber nicht schrecken sollte, denn manchmal, in ausgesuchten Momenten, wächst uns eine seltsame Siegessicherheit zu, die es – erfolglos, versteht sich – festzuhalten gilt.“ Dies gilt, da sich die Autorin von ihrem Können anscheinend nichts mehr abhandeln lässt, auch für Brigitte Kronauers neues Buch „Der Scheik von Aachen“, das von den Zumutungen der Wirklichkeit erzählt, denen manchmal nur noch mit begründeten Träumen beizukommen ist. Im Mittelpunkt des Romans steht die noch junge, wenn auch nicht mehr ganz junge Anita Jannemann, die aus Zürich in ihre Heimatstadt Aachen zurückgekehrt ist, wo sie, bis sich etwas Besseres findet, bei dem hochgebildeten, wenngleich bemerkenswert zynischen Antiquitätenhändler Marzahn unterkommt, für den sie einen kleinen Laden führt, in dem Touristen, aber auch ein paar Stammkunden einkaufen, denen Anitas leicht hibbeliger Charme gut tut. Die Stadt sieht immer noch so aus, als hätte sie sich kaum verändert: „Vom Zimmerfenster aus ahnt man die Hügel der nördlichen Eifel oder Ostbelgiens. Vermutlich handelt es sich nur um den Aachener Wald, ein im Halbkreis schwingender, graublauer Horizont, jedenfalls um das Bild klassischer Ferne, das für die Zukunft schöne Wolkenschauspiele in Aussicht stellt und die allmorgendliche Vorspiegelung eines immerwährenden, reglosen Friedens.“ Anita selbst ist alles andere als reglos, zumindest nicht in Gedanken, die immer auf dem Sprung sind und sich nicht so recht einfangen lassen. Von ihr „geht etwas Konfuses aus“, weiß sie. „Genau deshalb raucht sie doch! Sie will das Fahrige bekämpfen. Will sich, wie angekündigt, genau das vorgaukeln, was ihr fehlt: Gemächlichkeit.“

Zur Ruhe kommt sie aber bis auf weiteres nicht, was auch an einer Liebe liegt, in die sie sich eingesponnen sieht: Mario heißt der Auserwählte, den sie in Zürich kennengelernt hat, ein Bild von einem Mann, Bergsteiger aus Überzeugung, allerdings mit gebremstem Mitteilungsdrang, was aber als Kontrastprogramm passen könnte, wenn die Liebe in routiniertere Bahnen gerät und alles nicht mehr so prickelnd ist wie in den seligmachenden Anfängen. Da Mario jedoch meist durch Abwesenheit glänzt, heftet sich manche Sehnsuchtsvision an ihn; also wieder nichts mit Ruhe. Es gibt indes noch ein anderes Mittel, um sich von der eigenen Nervosität ablenken zu lassen: Gespräche mit Tante Emmi, die in Aachen ein stattliches Anwesen bewohnt und ihrer Nichte mit unverhohlener und gerne auch nachkartender Neugier begegnet. Emmi hat eine erstaunliche Wandlung durchgemacht: War sie früher noch launisch bis ins Geheimniskrämerische hinein, ist sie mit den Jahren, Jahrzehnten immer offener geworden, wozu, möglicherweise, auch eine späte Liebschaft beiträgt, die ihr, in verräterischen Momenten, die Wangen rötet, wie vor allem Frau Bartosz, die resolute polnische Haushälterin der Tante, zu erkennen meint.

Der Liebhaber als wärmende Erinnerung

Emmi nimmt dazu keine Stellung; allenfalls lächelt sie versonnen, um gleich darauf in den Aushorchmodus zu verfallen. Anitas Liaison mit dem Bergsteiger kommt ihr verdächtig vor; warum zeigt sich der Mann in seiner angeblich doch so imposanten Leibhaftigkeit nicht, sind ihm die Gipfel der Welt wichtiger als die attraktive Anita? Fragen über Fragen, die sich Anita insgeheim auch stellt, weshalb sie nur ausweichend oder, noch besser, gar nicht antwortet. Der Liebhaber als wärmende Erinnerung, die irgendwann nicht mal mehr auf Zimmertemperatur kommt; das kann auf Dauer nicht gut gehen. Geht es auch nicht. Mario, so erfährt sie auf Umwegen, kommt bei der Besteigung des Elbrus im Kaukasus ums Leben. An sich gar kein so schwieriger Berg, für einen Halbprofi ohnehin nicht, aber durchsetzt mit heimtückischen Gletscherspalten, die zum kalten Grab werden können. Anita ist am Boden zerstört; der Schmerz greift jedoch weniger tief, als man vermuten würde. Stattdessen hat sie, in wiederholter Reihung, seltsam abwegige Stimmungen zu durchstehen, die einfach nur da sind und ausgehalten werden müssen: „Es ist der Moment, wenn die Gräue, das Licht fressend, alles Leuchten von eben erstickend, wie Wolle aus den Spalten drängt. Die Laubkronen stehen still unter einer plötzlichen Staubschicht, es ist ein Erbleichen und Erblassen zu Schlacke und Asche … Ihre Farbe ist von schierer Asphaltöde, und man möchte, wenn man nur könnte, sich selbst ausweichen, sich verleugnen vor sich selbst, sich drücken vor dem Anschleichen des Unausweichlichen.“ Während Anita noch wild entschlossen ist zu trauern, ist sie eigentlich schon übern Berg; der dazugehörige Bergsteiger wird zur Legende. Stattdessen schleicht sich eine neue Liebe in ihr Leben, was der Leser früher ahnt als sie, die zwischenzeitlich eine Verschärfung früherer Selbstfindungsversuche probt: „So will sie es. Das Gefühl, in Freiheit durch die tiefbraune Dunkelheit zu rauschen, hindert sie nicht daran zu überlegen, ob sie ihr bindungsloses Dasein feiern oder verachten soll.“

Am Ende dieses großartigen Romans, der ebenso anrührend wie klug ist, feiert die Liebe eine Auferstehung, was um so bemerkenswerter anmutet, da sie zuvor nicht ein einziges Mal zu Grabe getragen wurde. Auch Tante Emmi bleibt im Spiel, sie hat nicht mehr viel Zeit – die aber will sie nutzen. Anita bricht zu neuen Ufern auf, könnte man meinen, dafür muss sie sich jetzt gar nicht mehr von der Bank am See erheben, und auch der Mann neben ihr, der noch nicht lange mit dabei ist, bleibt ihr erst mal erhalten. Liebe nämlich hat auch mit Wiederkennen zu tun und einer Vertrautheit, die wir aus der Heimat kennen; zu guter Letzt geht es ohnehin, wie schon Brigitte Kronauers Kollege Novalis wusste, „immer nach Hause“: „Wieder stille, im starken Licht ein wenig kahle Sonntagsdörfer, ehrgeizige Gemüsegärten und an Zäunen wuchernde, einjährige Sonnenblumen, Greisinnen, die auf Küchenstühlen sitzend, von Büschen Beeren in Blecheimer oder in ihre dunkel geblümten Küchenschürzen ernten, Weiher und Bäche an allmählich ins Grüne übergehende Gaststätten, Wahrzeichen unerschütterlicher Treulichkeit …, für immer in kindlichen Umrissen aufbewahrt.“

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erstellt am 24.2.2017

Brigitte Kronauer
Der Scheik von Aachen
Roman
Gebunden, 398 Seiten
ISBN: 9783608983142
Klett-Cotta, Stuttgart 2016

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