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Pawel Salzmans Romanfragment „Die Welpen“ erschien 2012 im russischen Original, im Jahr des 100. Geburtstags des Autors. Der 1985 verstorbene Künstler und Schriftsteller hatte von 1932 an jahrzehntelang an dem Roman gearbeitet. Salzman dokumentiert die Düsternis einer von Revolution, Bürgerkrieg, Not und Entbehrung geprägten Epoche. Gudrun Braunsperger hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Eine Welt der Unmenschlichkeit

Die Zeit der russischen Revolution und der Horror des Bürgerkriegs sind sowohl in der frühen sowjetischen Literatur als auch in der Exilliteratur umfassend beschrieben, so mancher Schatz der russischen Moderne des 20. Jahrhunderts über diese Zeit wurde allerdings erst nach dem Ende der Sowjetunion gehoben. In den letzten Jahren haben einige dieser literarischen Überraschungen ihren Weg auch ins Deutsche gefunden, so auch Pawel Salzmans Roman „Die Welpen“, der im Original zum ersten Mal 2012 erschienen ist, im Jahr des 100. Geburtstags des Autors. Der russische Prosaband enthielt neben Kurzgeschichten auch das Romanfragment „Die Welpen“, an dem der 1985 verstorbene Autor von 1932 an ein halbes Jahrhundert lang geschrieben hatte.

Zwei Hundewelpen und eine Eule sind die ständigen Begleiter zufällig aufeinander treffender Protagonisten, sie folgen ihnen in der Zeit des Bürgerkriegs von den Wäldern Sibiriens in die Ebenen Moldawiens, und man trifft sie in den zwanziger Jahren während der Zeit der „Neuen Ökonomischen Politik“ wieder in den Straßen Leningrads. Die Perspektive der Tiere unterstreicht die nüchtern-beobachtende Distanz zu einer Epoche des Grauens, der Not und Entbehrungen. In der anarchischen Welt, die aus den Fugen gerät, sind Welpen mit menschlichen Zügen ausgestattet, während die Menschen brutale Gewalt verüben oder erleben. Es ist eine Welt der Unmenschlichkeit, in der Recht und Unrecht, Täter und Opfer nicht mehr voneinander unterschieden werden können. Dabei dokumentiert der Autor die Düsternis seiner Epoche mit größter Eindringlichkeit und leuchtet all ihre Abgründe aus, ohne für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen, anders als es in vielen literarischen Texten über die sowjetische Frühgeschichte der Fall ist.

Auf fotografische Standbilder, messerscharf und emotionslos in Szene gesetzt, folgen Dialoge wie in einem Drehbuch – seine Schreibtechnik verrät Pawel Salzmans künstlerische Herkunft aus der Welt des Kinos. Bekannt und erfolgreich war der Schüler des Malers Pawel Filonow als Illustrator und Zeichner und später als Szenenbildner, zuletzt im Filmstudio Kasachfilm in Alma-Ata, wo er nach der kriegsbedingten Evakuierung aus Leningrad geblieben war. Seine künstlerische Heimat war die Welt der Leningrader Intelligenzija, er war mit Daniil Charms befreundet. Salzmans Gedichte, die er seit seiner frühen Kindheit schrieb und die ebenfalls erst 2011 erscheinen konnten, ähnelten zeitweise dem Stil von Charms.

Das Romanfragment „Die Welpen“ ist ein mächtiger Marmorblock, der in die literarische Landschaft seiner Zeit hineinragt, Pawel Salzman hat ihn über Jahre hinweg bearbeitet. Die Niederschrift auf losen Blättern setzte er mit großen Unterbrechungen fort, dementsprechend experimentell, porös und sperrig wirkt der Text. Ambivalent ist deshalb auch der Leseeindruck, vor allem für den Blick von außen auf die russische Geschichte: Man kann das Werk als vorausweisendes Opus Magnum der russischen Avantgardeliteratur auffassen, die übermächtige Größe jedoch, die Oleg Jurjew dem Roman in seinem Nachwort zuschreibt, dass er nämlich „die ganze Geschichte der russischen Prosa im 20. Jahrhundert sowie sämtliche literaturgeschichtliche Hierarchien für diese Zeit ändert“, vermag das Werk nicht einzunehmen.

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erstellt am 24.2.2017

Pawel Salzman
Die Welpen
Roman, Übersetzung: Christiane Körner
Illustration: Pawel Salzman
Hardcover, 456 Seiten
ISBN: 978-3-95757-330-8
Matthes & Seitz Berlin, 2016

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