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Unfassbar groß ist in dieser fünfaktigen (Doppel-)Oper einfach alles: Vier Stunden reine Spielzeit, zeitweilig rotieren 160 Leute auf der größten Drehbühne Europas, im Orchestergraben statt einer sechs Harfen, Zimbel, Taburka und sonstige ungewöhnliche Instrumente, auf zwei Nebenbühnen zwei weitere Bläsergruppen. „Les Troyens“ von Hector Berlioz fordern die Musiker und Zuschauer aufs Äußerste. Man kann angesichts des megalomanen Unterfangens verzweifeln und aufgeben oder sich mit Haut und Haaren hingeben und einen unvergesslichen Klang- und Bildrausch erleben, in dem man noch lange gefangen bleibt. Zu Letzterem rät Andrea Richter.

Oper

Krieg, Flucht und die Vision vom Neuanfang

Seit seiner Kindheit beschäftigte sich Hector Berlioz (1803-1869) mit Vergils Aeneis, traute keinem Librettisten zu, die Dichtung des Lombarden musiktauglich umzusetzen und tat es deshalb selbst. Genau wie Wagner. Denn beide hatten eine klare Vorstellung davon, wie Klang und Wort zu einander gehörten. Nicht ohne Grund wird die Grand opéra von Berlioz als der französische Ring bezeichnet. Zur Uraufführung kamen die beiden Teile „Die Einnahme von Troja“ (1. und 2. Akt) und „Die Trojaner in Karthago (3-5. Akt) 1863 und 1879 getrennt. Zwar war die Oper bereits 1858 fertig gestellt, doch konnte Berlioz kein Haus finden, das sich den ungeheuren Anforderungen an Bühnentechnik und Personal gewachsen gefühlt hätte. Er selbst starb, ohne sein Meisterwerk als Gesamtaufführung erlebt zu haben. Erst hundert Jahre nach seinem Tod sollte dies erstmals ungekürzt geschehen. Bis heute werden „Les Troyens“ genau aus diesen Gründen nur relativ selten aufgeführt. Ein Grund mehr, es sich in Frankfurt anzuschauen.

Bedrückend aktuell mutet die Handlung an: Krieg, Flucht übers Mittelmeer und die Vision vom Neuanfang in der Fremde. Dabei versagt sich die Regisseurin Eva Maria Höckmayr durchaus naheliegende Bilder von Gewalt und Flucht und erklärt sie damit zu einem zeitlosen Menschheitsdrama. So muss es Berlioz gesehen haben. Denn im musikalischen Mittelpunkt des Werks steht das Volk mit seinen Schmerzen, Wünschen Hoffnungen. Über die Hälfte aller Gesangsszenen wurden ausschließlich oder zu wesentlichen Teilen für einen respektive mehrere Chöre komponiert.

Anfangs bejubeln die Trojaner nach zehnjähriger Belagerung den vermeintlichen Abzug der Griechen. Dass etwas nicht stimmt, nimmt der Zuhörer an den dunklen Akkorden wahr, die die gleich darauf folgende erste Arie „Malheureux roi“ von Cassandre, der Seherin, einleiten. Sie prophezeit den Untergang Trojas und den der Familie. Doch niemand glaubt ihr. Nicht einmal ihr Verlobter Chorèbe. Während er lyrisch ihre Liebe besingt (Gordon Bintner), unterbricht Cassandre ihn teilweise schroff mit ihren dunklen und höchst dramatischen Voraussagungen und bittet ihn, zu fliehen. Doch er weigert sich die Geliebte zu verlassen. Auch der Geist des gefallenen Hectors beschwört den Helden Ènée, die Stadt mit dem Schatz zu verlassen, um in Italien ein neues Troja zu erbauen. Doch der Held erweist sich als handlungsunfähig. Entgegen den Warnungen Cassandres bringt das verblendete Volk das riesige Holzpferd der Griechen in die Stadt. Als diese dann aus seinem Bauch kommend den Kampf eröffnen, die Stadt in Flammen aufgehen lassen, die Menschen abschlachten und die Frauen vergewaltigen, wird Cassandres Prophezeiung zur grausamen Wahrheit. Chorèbe und die königliche Familie sterben. Gemeinsam mit den Frauen begeht Cassandre Selbstmord. Ènée gelingt in letzter Minute gemeinsam mit seinem Sohn, dem Schatz und ein paar Trojanern die Flucht.

Dramatisch, souverän und eindringlich

In den ersten eineinhalb Stunden geht es um das Große und Ganze des Dramas Krieg. Auf der Bühne, deren Tiefe einem selten so bewusst wird wie in diesen „Les Troyens“, kontrastieren der pompöse, geschlossene Innenraum des königlichen Palastes mit den weiten oder kleinen Plätzen des Volkes. Es scheint unendlich viele Orte zu geben, rasend schnell wechseln Schauplätze, überall Menschen, mal in Massen, dann vereinzelt oder in kleinen Gruppen. Das Schicksal, die Drehbühnen und vor allem die Musik schleudern die Zuschauer erbarmungslos in einen Rausch. Und überall ist sie: Cassandre, die die Zukunft kennt, Cassandre, der niemand zuhören will. Tanja Ariane Baumgartner dürfte mit der Rolle der Seherin die ihres Lebens gefunden haben. Dramatisch, souverän, distanziert und eindringlich meistert sie diese Riesenpartie, die in Erinnerung bleiben wird.

Auch den zweiten Teil dominiert eine Frauengestalt. Ganz im Gegensatz zu Cassandre, wird die Königin von Karthago, Didon, von ihrem Volk geliebt, verehrt und gehört. Es mag die Laune der Kostümbilder oder die Schicksals sein, jedenfalls weisen Kleidung und Körperhaltung der Königin, Claudia Mahnke, anfangs erstaunliche Ähnlichkeiten mit der der Kanzlerin der Deutschen auf. Didon ist Witwe und ihre Schwester Anna meint, sie solle wieder heiraten, weil das Land einen König brauche. Doch Didon will dem Toten ewig treu bleiben. Als eine Gruppe Flüchtlinge in den Hafen einfahren möchte, gestattet Didon es ihnen, wie auch die Bundeskanzlerin ihre Menschlichkeit unter Beweis gestellt hat. An der Spitze der Flüchtlinge aus Troja: Ènée. Königin und Held verbünden sich gegen den nubischen König Iarbas, der Karthago angreift. Vor allem aber verlieben sie sich in einander. Diese Liebe bestimmt den Charakter des gesamten zweiten Teils. Didon, die ursprünglich pragmatische und erfolgreiche Königin wechselt immer stärker aus der öffentlichen in die private, liebende Rolle. Ènée scheint es nicht anders zu gehen. Das Duett „Nuit d`ivresse et nuit d`extase infinie“ ist eines der romantischsten in der Musikliteratur. Kaum ist es vorbei, erscheint der tote Hector und erinnert Ènée an seine Bestimmung: „Italie!“. Zwischen Schicksalsauftrag und Liebe hin und her gerissen ahnen wir schnell, wie Ènée sich entscheiden wird: für die Pflicht. Doch leicht fällt ihm die Trennung wirklich nicht, wie wir in der von Bryan Register wunderschön gesungenen Arie „Inutiles regrets“ erfahren. Als Didon begreift, dass es keine gemeinsame Zukunft mit Ènée geben wird, begeht auch sie, wie Cassandre, Selbstmord.

Ein bisschen froh ist man schon, dass nun Schluss ist. Vier Stunden Musik mit permanent wechselnden Bildern (plus zwei Pausen!) sind auch für die Zuschauer enorm anstrengend. Zumal es Dirigent John Nelson gelingt, den Musikern in jeder Situation vom oratorienhaften Chorgesang, über lange symphonische Passagen des Orchesters oder quasi kammermusikalische Zwischenspiele, von Einzelarien bis hin zu Septetten der Gesangssolisten die volle Emotionalität Berliozscher Kompositionskunst zu entlocken und den Zuhörer im eigenen tiefsten Inneren zu erwischen.

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erstellt am 22.2.2017

Szenenfoto Les Troyens, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller

Oper

Les Troyens / Die Trojaner

Hector Berlioz (1803-1869)

Grand opéra in fünf Akten, Text vom Komponisten nach Aeneis (29-19 v. Chr.) von Vergil

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung John Nelson
Regie Eva-Maria Höckmayr
Bühnenbild Jens Kilian
Kostüme Saskia Rettig

Oper Frankfurt

Szenenfoto Les Troyens, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller