22. Februar 2017

Textland

Das alte Reinrausspiel der kulturellen Differenz

In „Ellbogen“ zählt Fatma Aydemir harte Gangarten auf

Die Mutter lebt im Tablettenparadies, der Vater fährt Taxi in der Vergangenheit. Hazal wächst im Wedding in einem Dauerprovisorium namens Übergangslösung auf. Im Zweifelsfall ist sie bereit, einen Fluch seiner Schönheit wegen anzubringen. Ihre Widerständigkeit trägt die Uniform der Verlierer, die kurz alles hätten werden können auf einer Strecke zwischen Ärztin und Arzthelferin und lange die eigene Bedeutungslosigkeit aushalten müssen, weil Abitur nur was für Lappen ist.

Das erzählt Fatma Aydemir in ihrem ersten Roman. „Ellbogen“ wurde von Feridun Zaimoglu nicht aus den üblichen Gründen über den grünen Klee gelobt. Als Zaimoglu anfing, das Furioso der Migration von der Straße zu holen, fehlten die Fatmas. Vermisst wurden Mentorinnen des Aufstands, die „den byzantinisch-dekadenten Palazzoträumen der männlichen Kanaille“ ihre unerhörten Versionen entgegen schrieben. Die Gebiete weiblicher Selbstbehauptung überlieferte Zaimoglu als unlimitiertes Schlachtfeld. Er glaubte an die subversive Kraft des Boutiquenschicks. Und Aydemir? Hazal klaut einen Lippenstift, so geht die Geschichte los. Am Ende erlebt sie, gerade volljährig, den gescheiterten Putsch vom 15./16. Juli 2016 in der Türkei.

Aydemir lässt ihre Heldin auf dem Niveau andauernder Rage durchdrehen. Die Autorin etabliert neue Bilder der Migration. Sie dokumentiert Verhärtungen am gesellschaftlichen Rand und zugleich Zementierungen von Zuständen aus der Einwanderungssteinzeit. Hazal jobbt beim Onkel im Backwarenbusiness. Daheim serviert sie den Tee. In einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme lernt sie, Bewerbungen so abzufassen, das ein ernstzunehmendes Interesse dahinter zu stecken scheint. Erwartungen erschöpfen sich im Anschein. Hazal unterwirft sich dem alten Reinrausspiel der kulturellen Differenz. Sie steckt in Verehrungskomplikationen mit dem Facebook-Freund Mehmet. Ihre Frustrationen bekämpft Hazal mit Breitsein und den Attitüden einer Kanaka-Putztruppenaktivistin gemeinsam mit Gül, Ebru – und der Bosnierin Elma, die unter Aufsicht eines türkischen Rockerloddels in einem Bordell an der Bar arbeitet.

An der Emanzipationsfront hält nur Tante Semra durch, eine ledig gebliebene Sozialarbeiterin. Ihre Freiheitsgewinne (und ihre Hilfsbereitschaft) bieten der Nichte weder Ansporn und Ausweg. Betrunken stößt Hazal den „Studentenkörper Thorsten“ (klingt nach Ikeaegal) auf U-Bahngleise. Der Tat folgt die Flucht nach Istanbul, Hazal belagert Mehmet in Kadıköy. Der Angechattete lebt in der Totalität einer Sucht. Er ist ein minimalistischer Liebhaber. Hazal erfüllt aus eigenem Antrieb überkommene Rollenerwartungen. Sie gerät in Schönheitsstress. In einem Buchladen vermisst sie den Spiegel.

Sie verfolgt eine Spur ihrer kurdischen Herkunft und atmet den Dampf politischer Spannungen. Doch verfehlen sie alle Hoffnungen. Mit ihr geht der Kampf nicht weiter. Hazal fehlt etwas Eigenes. Sie kann nichts Gutes aufnehmen und weitertragen. Als Verirrte auf Lebenszeit zeichnet sie immer nur Figuren des Scheiterns. Das ist auch für den Leser schmerzhaft.

Fatma Aydemir, „Ellbogen“, Roman, Hanser Verlag, 271 Seiten

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erstellt am 22.2.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.