Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Der Lyriker, Dramatiker und Essayist Kurt Drawert wurde kürzlich mit dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen ausgezeichnet. In seiner Preisrede beklagt Drawert den Verfall der Sprache und die Marginalisierung der Ideale der Aufklärung im „postfaktischen“ Zeitalter. Faust-Kultur veröffentlicht die Rede, die Kurt Drawert am 21. Januar 2017 in Kamenz hielt.

Rede zur Verleihung des Lessing-Preises 2017

Die Aufklärung der Aufklärung

Ich bin in einer Verlegenheit, denn einerseits möchte ich meinen Dank für die Ehre bekunden, heute hier sein und den Lessingpreis entgegennehmen zu dürfen, kann aber andererseits keine passenden Worte dafür finden, die von einer angemessen positiven Grundstimmung wären, und enden mit einem obligaten: Alles wird gut. Denn nichts, gar nichts wird gut, was wir selber nicht tun, und dass alles gut sei, kann nur sagen, wer mit einer Denkstörung bevorzugt worden ist und sowieso nichts mehr merkt. Oder, mit Lessing gesprochen: „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren.“ Würde ich jetzt aufzählen wollen, wegen welcher kollektiver Verbrechen, politischer Ausfälle, wirtschaftlicher Entgleisungen oder gruppensozialer Psychosen man auf der Stelle, sofern man gesund ist, verrückt werden müsste, säßen wir bis zur nächsten Lessingpreisfeier hier fest. Also kürzen wir ab und fassen zusammen: Die Welt ist merkwürdig dunkel geworden, obgleich sie doch hell ist. Sie ist sogar heller als jemals zuvor, und lauter, und höher, und schneller sowieso. Es hat noch nie so viel Glanz und Gloria gegeben, so viel Suchtstoff und Blendwerk, wohlgemerkt hier, in unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft. Weil der Schein aber trügt, lügt auch das Bild. Und wir spüren es auch – etwas stimmt daran nicht. Der Vorhang der Illusion, alles sei geordnet und für die Ewigkeit verpackt, reißt auf von Stunde zu Stunde, von Nachricht zu Nachricht, von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz. Unsere Welt verändert sich in einer Geschwindigkeit und Radikalität, für die es noch keine Sprache und keine Vorstellung gibt. Es ist ein Paradigmenwechsel, der sich vollzieht und der wirkt, nicht aber gedacht werden kann, weil er die Bibliotheken des Wissens verlässt, ohne neue zu gründen.

In diese Risse hinein formiert sich das Absurde, das Irrationale, das Magische anstelle des Rationalen. Oder wie soll man verstehen, dass eine Globalisierung in allen Bereichen des wirtschaftlichen und politischen Lebens vorangetrieben wird, eine Entgrenzung der Märkte von gigantischer Dimension stattfindet, gleichzeitig aber, während der Mehrwert abgeschöpft und die Profite einkassiert werden, eine Architektur der Nationalstaatlichkeit heraufbeschworen wird wie im 19. Jahrhundert? Hat nicht alles seinen Preis, und erst recht im Kapitalismus? Was ist das für ein Anspruch, die Geschichte sich vorzustellen wie einen Schnittmusterbogen, den man sich selber nach Belieben zurechtschneidern kann? Hier profitieren und dort nichts einbüßen wollen? So sehen wir einer narzisstischen Generierung des Eigenen zu, die undurchlässig wird für das Andere und für die Welt. Das Eigene aber kommt im Eigenen nie zu sich selbst, es braucht immer das Andere, um selbst sein zu können. Auch Identität, sofern es sie überhaupt gibt, ist ein Produkt der Differenz und nicht der Selbstverliebtheit. Alles das sind Symptome einer Angstgesellschaft, die zunehmend hysterisch und diffus reagiert. Angst ist immer auch Angst vor dem Tod, und der Tod meldet sich zur Stelle, wo die Sprache eine Lücke lässt, einen Platz nicht besetzt, eine Leerstelle bildet. Die Rückseite der Herrlichkeiten, sie hat uns erreicht – die Kontingenz, die von den Rändern heraufzieht, auch in Form der Flüchtenden dieser Welt. Schon das Wort Flüchtlingskrise ist eine Zumutung, denn die Krise liegt ja nicht bei den Flüchtenden selbst, sondern am Ort ihrer Ankunft und bei denen, die sie abschieben und ausgrenzen wollen. Das nun ist auch der Moment, in dem die Aufklärung in die Tiefe ihrer Irrtümer fällt und damit hinter sich selber zurück. Sie wird zu ihrem eigenen Fall, zu einem Objekt ihrer Unmöglichkeit.

In dieser Stunde, in der das Reale erscheint und die Bücher keine Antwort mehr geben, macht auch ein Wort von sich reden, das uns alle Abgründe gleichzeitig öffnet: postfaktisch. Dieses Wort, dieser Neologismus, umschreibt das Gegenteil dessen, weswegen wir hier zusammengekommen sind: um der Aufklärung zu gedenken, ihrer Ideale und Vorstellungen von einer humanen Gesellschaft. Gemeint nämlich ist etwas völlig Amorphes, das in die symbolische Ordnung der Sprache schon gar nicht mehr überführt werden kann – ein dumpfes, grummelndes Bauchgefühl nämlich, eine Art animalischer Spürsinn, wie man Massen affektiv beeindrucken und zweckgerichtet verführen kann, etwas in jeder Hinsicht Ungeformtes, Rohes und Performatives. Wo dieser Sturz der faktischen Welt in die Senkgruben einer grandiosen Verwerfung zur politischen Option wird – und von Wahrheit ist dabei noch nicht einmal die Rede, sondern lediglich von Repräsentanz –, jenseits aller Grammatik und geschlossener Sätze, intermedial am besten getwittert, was sich seinem informativen Effekt nach von den Rauchzeichen der Wilden nur dadurch unterscheidet, schon mit kleinen Apparaturen zu funktionieren, die jeder in seiner Hosentasche griffbereit hat, da nun beschütze uns Gott. Aber er wird es nicht tun, weil er mit dem Szientismus des 19. Jahrhunderts gestorben ist, und Nietzsche hat ihn beerdigt. Ich weiß nicht, ob es stimmt, was der Medientheoretiker Friedrich A. Kittler einmal sagte, dass nämlich die Technologien für die Inhalte sorgen und letzthin auch das Subjekt der Geschichte bestimmen, denn das wäre tatsächlich verheerend. Klar aber scheint zu sein, dass zivile Mündigkeit in einer demokratisch verfassten Gemeinschaft noch nicht allein von den Potentialen rationaler Aufgeklärtheit abhängt und immerwährend neu begründet und verteidigt werden muss. Hegel nannte es „das stumme Fortweben des Geistes im einfachen Innern seiner Substanz“, und auch Kant, der so gern mit seiner Standardformel zitiert wird: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, hält sich eine Hintertür offen, eine Gegenfigur höchst aporetischer Art, wenn er seine „Kritik der reinen Vernunft“ beginnen lässt, ich zitiere: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“ Was ist das anderes als ein Eingeständnis in die Fehlbarkeit von Vernunft und ihre verzweifelte Ohnmacht. Vielleicht ist das der Ort unserer Zeit, über keinen Ort mehr zu verfügen, von dem aus gedacht und gesprochen werden kann, und der archimedische Punkt, er war nur ein Irrlicht. Etwas davon hat Lessing vielleicht auch geahnt, denn das Letzte, was er getan haben soll, ehe er starb, war, einen Lottoschein zu erwerben. Ob er etwas eingebracht hätte, ist leider nicht überliefert. Ich denke mal, nein. Aber vielleicht ist auch alles ganz anders und ich weiß es nicht besser. Eines aber ist sicher: Wenn wir unsere Sprache verlieren, unsere Worte, die zu einer Realität sich verdichten, von der aus wir denken, dann ist wahrlich nichts mehr zu retten. Hier können wir wirklich und augenblicklich etwas tun.

Kamenz, 21. Januar 2017

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 20.2.2017

Kurt Drawert, Foto: Ute Döring, 2016
Kurt Drawert, Foto: Ute Döring, 2016