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Mieczysław Weinberg, einer der beeindruckendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, wurde zu Lebzeiten kaum wahrgenommen. Nun hat das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Thomas Sanderling Weinbergs 21. und letzte Symphonie von 1991 mit dem Titel „Kaddish“ vorgestellt. Man kann sich der ergreifenden Suggestivität dieser Musik kaum entziehen, meint Thomas Rothschild.

Der Komponist Mieczyslaw Weinberg

Totengedenken

Mieczyslaw Weinberg

Nach und nach stellt sich immer offenkundiger heraus, dass einer der beeindruckendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zu seinen Lebzeiten kaum wahrgenommen wurde. Das lässt einen doch an der Zuverlässigkeit des Urteils der Zeitgenossen zweifeln, auch wenn die äußeren Umstände dieser Fehleinschätzung im Fall von Mieczysław Weinberg (1919-1996) Vorschub geleistet haben. Schostakowitsch, immerhin, hat Weinbergs Bedeutung erkannt. Die jahrzehntelange Verspätung bei der Entdeckung des umfangreichen Werks dieses polnisch-sowjetischen Komponisten war also nicht unvermeidbar.

Eben erst ist bei ECM eine Doppel-CD erschienen, auf der Gidon Kremer mit seiner Kremerata Baltica Weinbergs Kammersymphonien Nr. 1-4 sowie eine Bearbeitung seines Klavierquintetts op. 18 interpretiert und die bereits jetzt, noch fast am Anfang des Jahres, zur Erwartung Anlass gibt, als Schallplattenhöhepunkt von 2017 bewertet zu werden. Nun hat das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung des in der Sowjetunion geborenen deutschen Weinberg-Kenners Thomas Sanderling in seinem 3. Sinfoniekonzert der Saison Weinbergs 21. und letzte Symphonie von 1991 mit dem Titel „Kaddish“ vorgestellt. Sie ist den Opfern des Warschauer Gettos gewidmet und wurde bisher in Deutschland noch niemals aufgeführt.

Das Kaddisch ist bekanntlich ein Gebet, das zum Totengedenken gesprochen wird. Weinbergs 50-minütige, aus einem Satz in sechs Teilen bestehende Symphonie trägt tatsächlich fast durchweg den Charakter einer Trauermusik. Sie beginnt wie ein Violinkonzert mit einem ausführlichen Violinsolo, dem sich ein Zitat aus Chopins Ballade Nr.1 in g-Moll hinzugesellt. Man imaginiert eine Filmszene, in der die Fetzen der Klaviermusik aus einem offenen Fenster erklingen wie in Ödön von Horváths Theaterstück „Geschichten aus dem Wiener Wald“ oder in Marcel Ophüls‘ Film „Brief einer Unbekannten“. Später werden auch, von Klarinette, Violine und Kontrabass intoniert, Klezmerphrasen zitiert, Fragmente wie von einem Jahrmarkt oder aus einem Zirkus, schließlich ein polnisches Kinderlied. Stellenweise nähert sich die Symphonie einer Tondichtung an, um alsbald wieder als absolute Musik ihre Eigenständigkeit zu behaupten. Im vorletzten Teil hebt eine Sopranstimme – ganz wunderbar: Mandy Fredrich – zu einem wortlosen Klagegesang an, der sich vom Orchesterklang abhebt und doch auch in ihn einfügt. Man kann sich der ergreifenden Suggestivität dieser Musik kaum entziehen.

Vorausgegangen waren dem Meisterwerk von Mieczysław Weinberg zwei Klavierkonzerte Mozarts in der subtilen Interpretation von Martin Stadtfeld, der – es scheint, als wäre es eben erst gewesen – als Bach-Spezialist gefeiert wurde und mittlerweile zur ersten Garde der deutschen Pianisten zählt. Im Kontext des Programms konnte man seine intensive Gestaltung des zweiten Satzes des berühmten „Jenamy“-Konzerts als Vorausdeutung auf Weinbergs „Kaddish“ hören.

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erstellt am 13.2.2017

Mieczysław Weinberg
Kammersymphonien Nr. 1-4, Klavierquintett op. 18
Kremerata Baltica, Gidon Kremer
2 CDs
ECM, 2017

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Konzert

Thomas Sanderling dirigiert Mozart und Weinberg

Musikalische Leitung Thomas Sanderling
Sopran Mandy Fredrich
Klavier Martin Stadtfeld

Staatsorchester Stuttgart

Weitere Informationen

Die Sopranistin Mandy Fredrich
Die Sopranistin Mandy Fredrich, Foto © Ellen Schmauss