Beim „Super Bowl“ 2017, dem weltweit übertragenen Meisterschaftsfinale der US-American-Football-Profis, nutzte die Pop-Ikone Lady Gaga die Halbzeitshow nicht nur für ein Medley ihrer eigenen Hits, sondern auch für ein musikalisch cleveres politisches Statement. Michael Behrendt berichtet, wie Lady Gaga Donald Trump diskret den Marsch blies.

Popsplitter

This song is (not) your song

Nur ganz selten haben Songs so wie Bob Dylans „Hurricane“ unmittelbar Einfluss auf das politische Geschehen: Das 1975 eingespielte Stück thematisierte den Fall des wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilten schwarzen Ex-Boxers Rubin „Hurricane“ Carter. Minutiös deckten damals Dylans Lyrics die Schwachstellen der Anklage auf und untermauerten die These vom rassistisch motivierten Fehlurteil. Der Erfolg des Songs führte zu einer Neuaufnahme der Ermittlungen und – in dritter Instanz – zum Freispruch Carters. Respekt! In der Regel aber haben politische Songs natürlich nur eine indirekte Wirkung, ihre Kraft entfaltet sich eher auf der symbolischen Ebene: indem sie konkrete Haltungen formulieren, Stimmungen untermauern, den Soundtrack einer bestimmten Bewegung bilden. Und natürlich spielen dabei oftmals Andeutungen, Zuspitzungen und ein Augenzwinkern eine große Rolle.

Insofern gebührt Lady Gaga, der amerikanischen Pop-Ikone mit Superstarstatus, großes Lob. Denn beim „Super Bowl“, dem weltweit übertragenen Meisterschaftsfinale der US-American-Football-Profis, nutzte sie Anfang Februar 2017 die Halbzeitshow nicht nur für ein Medley ihrer eigenen Hits, sondern auch für ein musikalisch cleveres politisches Statement. In einer kurzen, aber prägnanten Anfangssequenz spannte sie einen Bogen von Irving Berlins patriotischer Hymne „God Bless America“ (1918) zum sogenannten „Pledge of Allegiance“, dem Treuegelöbnis gegenüber Amerika, und platzierte dazwischen ein paar Verse aus Woody Guthries Folk-Klassiker „This Land Is Your Land.“ Wer flüchtig hinhörte, konnte, selbst bei tiefstpatriotischer oder gar fremdenfeindlicher Gesinnung, nichts wirklich Irritierendes heraushören und die Show genießen. Doch wer genauer hinhörte, entdeckte interessante Zusammenhänge, die es in sich hatten. Wenn man so will, stand Berlins God Bless America für Trumps protektionistisches Credo „America first!“, während gerade die Schlussworte des „Pledge of Alliance“ – „one nation under God, indivisible, with liberty and justice for all” – eben jenen Donald Trump daran erinnerten, Freiheit und Gerechtigkeit gegenüber ALLEN Menschen walten zu lassen. Subtext: „Der von dir verhängte Einreisestopp für Muslime, Herr Präsident, ist gegen uramerikanische Werte.“

Eine inoffizielle Nationalhymne

Das dazwischengeschaltete „This Land Is Your Land“ von Woody Guthrie untermauert diese Lesart, weil es 1940 auch als bittere Replik auf Berlins „God Bless America“ entstanden war. Einen Anstoß für den Song bildeten damals die inneramerikanischen Wirtschaftsflüchtlinge aus der von Dürre geplagten „Dust Bowl“, etwa aus Oklahoma, die an der amerikanischen Westküste alles andere als begeistert aufgenommen wurden. Diese ablehnende Haltung gegenüber Flüchtlingen zeigte Guthrie, einem ausdrücklich im linken politischen Spektrum angesiedelten Sänger, dass Amerika eben kein „land that’s free“, kein „land so fair“ war, wie Berlin es formuliert hatte. Interessant sind die verschiedenen Versionen, in denen das Lied existiert. So besteht, aus welchem Grund auch immer, die berühmte 1947 eingespielte Fassung nur aus drei Strophen. Und diese preisen ausschließlich die Schönheit Amerikas beziehungsweise seine positiven Seiten. Zum Beispiel: „This land is your land, this land is my land / From California to the New York island / From the red wood forest to the Gulf Stream waters / This land was made for you and me.“ Diese Fassung wurde zu so etwas wie einer inoffiziellen Nationalhymne.

Es gibt aber auch eine 1944 eingespielte Fassung, die weitere Strophen enthält – und in diesen Strophen formuliert Guthrie beißende Sozialkritik. Zum Beispiel geht es um Menschen, die hungernd vor dem Sozialamt stehen („I seen my people as they stood there hungry“), was die fassungslose Frage provoziert: „Is this land made for you and me?“ Ein so schönes, großes Land wie Amerika, so lässt sich interpretieren, sollte eigentlich frei von Ausgrenzung sein und jedem Menschen ein gutes Leben ermöglichen. Eine Schande, dass es hier Menschen gibt, die nichts zu essen haben. In einer weiteren Strophe kommt das Song-Ich auf seiner Reise durch Amerika an ein Schild mit der Aufschrift „Betreten verboten“. Es folgt der messerscharfe Schluss: Wer von der anderen Seite auf das Schild zuläuft, für den gibt es keine Beschränkungen – und das, so der Text, solle doch für alle gelten: „As I went walking I saw a sign there / And on the sign it said ‚No Trespassing’ / But on the other side it didn’t say nothing / That side was made for you and me.“ Diese Argumentation wird schließlich – Achtung! – mit dem Bild einer großen Mauer wiederholt: „There was a big high wall there that tried to stop me / The sign was painted, it said private property / But on the back side it didn’t say nothing / That side was made for you and me.“ Wer da gerade in der heutigen Zeit mal nicht an Trumps Pläne für eine Grenzmauer zu Mexiko denkt…

Pete Seeger und Bruce Springsteen singen „This Land Is Your Land“ beim Konzert zum Amtsantritt von Barack Obama im Jahr 2009.

Natürlich konnte Lady Gaga „This Land Is Your Land“ ausgerechnet beim Super Bowl nicht mit den sozialkritischen Strophen singen, es hätte das Event gesprengt. Aber der Kontext, in den sie das Lied im Rahmen ihrer Halbzeitpausen-Show einbettete, sprach Bände. Zwischen den Zeilen kamen Fragen auf: Kann ein Lied, das die Schönheit eines riesigen Landes besingt und obendrein betont, dass dieses riesige Land einfach allen Menschen gehöre, auch von allen Menschen gesungen werden? Die unausgesprochene Antwort: Wohl eher nicht. Denn wenn ein solches Lied von Anhängern der unterschwellig rassistisch und antisozial argumentierenden amerikanischen Tea-Party-Bewegung angestimmt wird oder den Soundtrack zu Veranstaltungen der ultrakonservativen National Organization for Marriages bildet, die gegen die gleichgeschlechtliche Ehe agitiert, dann ist das ein Widerspruch in sich. Zeilen wie „This land was made for you and me“ klingen dann angesichts der sie begleitenden Ausgrenzungsrhetorik einfach nur zynisch. Und sie passen auch überhaupt nicht zu einer menschenfeindlichen Haltung, wie ein Präsident Donald Trump sie 2017 an den Tag legt.

Es ist bezeichnend, dass der Song 2009 bei der Inaugurationsfeier des Demokraten Barack Obama im Vortrag durch Bruce Springsteen, Pete Seeger und andere auch mit sozialkritischen Passagen erklingen durfte. In ultrareaktionären Kontexten werden diese Passagen in der Regel geflissentlich ignoriert. Lady Gaga ließ sie ebenfalls weg, brachte sie aber kurz nach der Inauguration Trumps indirekt ins Spiel und wies damit subtil auch auf die dramatische Spaltung der amerikanischen Gesellschaft hin. Anschließend stürzte sie sich theatralisch von der Tribüne. Pop at ist best!

Woody Guthries „This Land Is Your Land“ ist auch ein Thema in Michael Behrendts Mitte März bei THEISS erscheinenden Buch „I Don't Like Mondays – Die 66 größten Songmissverständnisse“

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Reihe POP-SPLITTER

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erstellt am 09.2.2017

Ein kontroverser Song, ein starkes Album, historische Meilensteine, überraschende künstlerische Konstellationen: Die Reihe Pop-Splitter gibt unkonventionelle Einblicke in die wundersame Welt der Popkultur.

Lady Gaga beim „Super Bowl“ 2017 (Screenshot)

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