29.03.2017 - Zu blöd

Ignoranz ist die Arroganz des Geistes.

28.03.2017 - Noli me tangere

Es gibt ein Hören, das so aufdringlich und eindringlich ist, dass sich unwillkürlich die Vermutung regt, es könne noch vor dem Sehen derjenige Sinn sein, der das größte Talent zur Indiskretion aufweist.

27.03.2017 - Weiß nicht

„Zeitlos“ ist der beschönigende Name für eine Sache, die aus der Unentschlossenheit entstanden ist und sich als Kompromiss bewährt hat.

26.03.2017 - Kreuzgang

In dem Augenblick, da zwei Menschen ihre Wege mangels Gemeinsamkeiten nicht mehr parallel gehen, schaffen sie die Voraussetzung, dass sie sich von nun an kreuzen können. Weil sie einander nicht mehr begegnen, schwingt in manchem „Wir… weiterlesen

25.03.2017 - Aufs Ganze gesehen

Wer aufs Ganze geht und verliert, wer „Alles oder Nichts“ vergeblich pokert, nimmt bei seiner Niederlage sich selbst aus dem Spiel: Es ist nicht nur nichts geworden, sondern alles vorbei. Nun ist der Ernst pur… weiterlesen

24.03.2017 - Geschichten

Die Erinnerung, die sie zu Tränen rührt, ist für ihn nur die missglückte Anstrengung, mit der er eine lange gemeinsame Geschichte verdrängt hat.

23.03.2017 - Das bringt’s nicht

Die Armut eines Handelns, das keiner Idee, nicht einmal der von sich selbst, entspringt, verrät der Aktionismus. Er ist die Endform einer Verzweiflung des Tuns über sich angesichts dauerhafter Wirkungslosigkeit. Es bleibt nur die pure… weiterlesen

22.03.2017 - Berührungsempfindlich

Viele Sprachbilder verraten unmittelbar, dass sie aus einer sinnlichen Erfahrung entstammen. Metaphern, die „aus der Hüfte geschossen“ gebildet wurden, also nicht lang überlegt sind, die den „naseweisen“ Wortbildner entlarven, dennoch „leichtfüßig“ daherkommen, – aus ihnen… weiterlesen

21.03.2017 - Blockchain

Vielleicht ist das Faszinierendste am digitalen Phänomen der Blockchain nicht, dass über eine vielfältig gesicherte und wohl kaum manipulierbare Datenbank Finanztransaktionen ohne Mittler, also ohne Bank oder Börse, ausgeführt werden können. Sondern dass sie ein Lösungsangebot… weiterlesen

20.03.2017 - Gleichheitsgrundsatz

Fairness: Mittlerin zwischen Ideal und Wirklichkeit. Sie repräsentiert die Gerechtigkeit unter den Bedingungen des Rechts. In der Fairness bekommt unser Regelungszwang ein menschliches Maß.

19.03.2017 - Stenografiertes Schönheitsideal

Sie: Was ist das auffälligste Merkmal an mir? Er: Dein großer Mund. – Und bei mir? Sie: Deine große Klappe.

18.03.2017 - Zu dumm

Es ist der Nachteil der Klugheit, dass es zu ihr keinen Plural gibt wie zur Dummheit die reiche, bunte Welt all der kleinen und großen Dummheiten, die ja meist nicht aus Mangel an Intelligenz begangen werden,… weiterlesen

17.03.2017 - Analogie des Analogen

Was sich nicht digitalisieren lässt: alles, woran einer scheitert, obwohl sämtliche Bedingungen seines Gelingens mitgegeben sind – außer die persönlichen.

16.03.2017 - Theorie der Mahnung

Es gibt Behauptungen, die unter dem Deckmantel theoretischer Neugier in Wahrheit eine immerwährende Mahnung darstellen. Ein berühmter Text, wiederentdeckt als gelegentliche Lesefrucht: „An der rätselhaften Bereitschaft der technologisch erzogenen Massen, in den Bann eines jeglichen… weiterlesen

15.03.2017 - Bilderverzicht

Vor dem Hintergrund, dass Leben bedeutet, sich zu verändern, artikuliert der erste Satz des Grundgesetzes, nach dem die Würde des Menschen unantastbar sei, einen Verzicht. An ihrer prominentesten Stelle will die Verfassung Raum lassen für… weiterlesen

14.03.2017 - Gesprächsweise

Freundschaft: alles fragen dürfen, nichts antworten müssen.

13.03.2017 - Lehrinhalt

Aus der Niederlage lernen? Na klar – dass man sich nämlich mit ihr nicht allzu sehr beschäftigen sollte, will man den nächsten Sieg erringen.

12.03.2017 - Selbstbild

Im dialogischen Denken wird stets betont, wie wichtig für die Herausbildung des Ich ein Du sei, ein Gegenüber, über das ein Mensch sich selbst bestimmt. Was verschwiegen wird: Es ist gemeinhin der Widerstand; es sind… weiterlesen

11.03.2017 - Das verlorene Lachen

Wer nicht lachen kann, hat keine Distanz zu sich selbst.

10.03.2017 - Die reine Wahrheit

Wahrheit, aus Verzweiflung über die Lüge gesagt, stürzt den, der sie hören muss, in – Verzweiflung.

09.03.2017 - Ungehört

In der Musik genügt, unter Beibehaltung aller Noten, bloß eine leichte Akzentverschiebung – im Dreivierteltakt etwa vom ersten auf den dritten Ton –, um sie ganz und gar anders klingen zu lassen. Vielleicht ist das… weiterlesen

08.03.2017 - Ich will. Und du?

Aus dem noch ungeschriebenen Roman: „Spricht etwas dagegen, dass ich dir sage, wie sehr ich dich liebe?“ Mit dieser plötzlichen Gesprächswende, einer gut inszenierten Überwältigung befreite er sich oft und lächelnd aus Situationen, die ihm… weiterlesen

07.03.2017 - Veränderung

Grammatikalisch betrachtet, bedeutet die Vorsilbe „ver-“ in den meisten Fällen eine Veränderung, nicht selten gravierend und unwiderrufbar. Wer den Duden zur Hand nimmt, wird verblüfft feststellen, wieviele Wörter dieses Präfix haben: fünfzig Prozent aller Zeitformen… weiterlesen

06.03.2017 - Der Zauber des Misslingens

Der gelegentliche Zauber des Misslingens besteht zu einem Gutteil in der Anmut, mit der ein Fehler überspielt wird, oder der linkischen Geste, aus der er hervorspringt. Woraus sich mit Fug entnehmen lässt, dass in vielen… weiterlesen

erstellt am 03.2.2017

Kolumne

NOTIZEN von Jürgen Werner

In der Kolumne NOTIZEN schreibt der Philosoph Jürgen Werner täglich Gedankensplitter nieder, nicht auf Papier, aber in seinem Blog. Faust-Kultur gibt sie regelmäßig in Auszügen wieder. Die Kurzform ist die Kunst derer, die keine Zeit haben. Aber auch das Maß der Verdichtung, das ein Gedanke oder eine Beobachtung verträgt. So mag sich später entscheiden, ob der rasch skizzierte Satz nach einer Auslegung verlangt, die beiläufige Bemerkung vertieft werden will. Notizen sind unentschlossen. Am meisten faszinieren sie, wenn der Zufallsfund genau konstruiert ist und die knappe Art aussieht, als sei alles gesagt. Von Jürgen Werner ist jüngst im Frankfurter Verlag tertium datur das Buch »Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens« erschienen, ein Band, der mit erhellenden Reflexionen und aphoristischen Pointen dem Selbstverstehen des Menschen den Weg bereitet. (Texte © Jürgen Werner)