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3. Februar 2017

Textland

Im Jenseits der Vierzig

Der Weg von der Kinderkacke zur Kulturförderung erscheint kurz in Simone Meiers Roman „Fleisch”

Stellen Sie sich einen Mann als Beistelltisch vor oder nehmen Sie zum Beispiel Max. Annas „Begleitfreund” kommt für sich selbst auf, anders als „die Bohemien-Modelle in ihrer Vergangenheit”. Galant übersieht der Lehrer die Verheerungen am Leib der Geliebten. Jeder „gekochte Kartoffelsack” hält sich besser als Annas Arsch im Jenseits der Vierzig. Anstatt würdevoll zu resignieren, salbadert sich Anna in eine Unwirtlichkeit ohne Not. Es fehlt nur noch der Eigengeruchswahn und das Leiden am Damenbart, um den Sack des selbstverschuldeten Unglücks zuzumachen.

Simone Meier beschreibt eine Agonie. Babyfotos lösen Brechreiz aus – Annas Abwehr verrennt sich im Desaster von „Kacke, Kotze, Kreischen”. Ach so, Anna ist zurzeit eine früher selbst geförderte Entscheiderin in der Kulturförderung. Sie sitzt an den Hebeln, die sie lange am Boden hielten. Jetzt spielt sie die Groschengöttin.
Der Weg von der Kinderkacke zur Kulturförderung erscheint kurz. Anna kann sich vor ihrem Zynismus kaum schützen, Max geht es nicht besser. Er kam sich schon vor „wie ein ekelhafter, zusammengeschrumpfter Penis”.

Max kennt nur noch das Ent- und Verlieben als Motor(en) einer Veränderung. Der Begleitfreund mit eigenem Einkommen überholt seine schnorrenden Vorgänger im Abrauschen von Annas Frustrationstoleranz. Als Enttäuschungslieferant verliert er den Boden unter den bürgerlichen Füßen und fällt durch bis ins Bordell. Annas Nachfolgerinnen im Großen und Ganzen des gesellschaftlichen Gegeneinanders heißen Lilly und Sue. Sie hausen mit Kakerlaken, Darknetnerds und Veganpunks in schierer Miesepetrakeit. Alles mufft nach „Slipeinlage … Tampon” und Tofu und klebt wie Butter zwischen Tellern. Dazu kommen „Kackebilder” – eine fäkale Grundierung beschissener Verhältnisse. In der Dreckswelt kümmert sich Lilly geschwisterlich um den halbwüchsigen Kotmaler Jonas. Sie studiert etwas, dass es ihr erlaubt, über Zwillingsmotive in der Popkultur nachzudenken, „Shining” als wissenschaftlichen Gegenstand zu begreifen und „Bullshit-Metastasen” zu produzieren. (So weit das Auge reicht, tropft Scheiße in Meiers Roman.) Obwohl erst siebenundzwanzig, imaginiert sich Lilly in die Trostlosigkeit der Hängengebliebenen, die im gastronomischen Service schließlich ein Gnadenbrot verzehren. Sie antizipiert und variiert Annas erfahrungsfette Negativität. Man möchte beide in eine Wüste zur Kur schicken.

Simone Meier, „Fleisch”, Roman, Kein & Aber, 256 Seiten

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erstellt am 03.2.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.